Eine Krippe im Stall - Schauplatz der Geburt Jesu.
Eine Krippe im Stall - Schauplatz der Geburt Jesu.
11.12.2020

Heimat

2020 – das weihnachtlichste Weihnachten?

Wie auf einem Weihnachtstruck im Südsauerland die Weihnachtsbotschaft verkündet werden soll

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von Tobias Schulte

+++ Aufgrund des erneuten Lockdowns wurde die Veranstaltung "LOST... AND FOUND!" in Lennestadt abgesagt. +++ (Stand 15.12.2020)

2020 – was ist in diesem Jahr nicht alles ausgefallen? Hochzeiten, Schützenfeste, der Besuch im Fußballstadion. Aber: Weihnachten fällt nicht aus. Damit die Advents- und Weihnachtszeit trotz aller Hygieneauflagen ein Erlebnis wird, sind im ganzen Erzbistum Paderborn neue Eventformate an den Start gegangen.

Eines davon ist ein Weihnachtstruck, der am 19. und 20. Dezember jeweils ab 16 Uhr auf dem Außengelände des Jugendhofs Pallotti in Lennestadt im Südsauerland halten wird. Alexander Sieler, Leiter des jugendspirituellen Netzwerks Tabor, hat die Aktion angestoßen und zusammen mit 25 Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Kreis Olpe geplant. Im Interview sagt Sieler, was rüberkommen muss, damit an Weihnachten tatsächlich Weihnachten ist.

"Weihnachten trotz Corona"
Das Event „LOST... AND FOUND!“ ist eines von Hunderten Projekten, die das Erzbistum Paderborn in der besonderen Adventszeit 2020 finanziert hat. Dafür wurde der Fonds „Weihnachten trotz Corona“ aufgelegt. Bisher gingen über 361 Anträge für die Förderung eines besonderen Projekts ein. Täglich kommen neue Anträge dazu.

Alexander Sieler, Leiter des jugendspirituellen Netzwerks Tabor.
Alexander Sieler, Leiter des jugendspirituellen Netzwerks Tabor.
Ihr baut eine große Bühne auf der Ladefläche eines Transporters auf. Das erinnert an den Coca-Cola-Truck …
Coca Cola kriegt das sicherlich von der Gestaltung her professioneller hin als wir. Aber wir haben den besseren Inhalt.

Und zwar?
Wir möchten ein Weihnachtsprogramm feiern, um den Kern der Weihnachtsbotschaft für junge Menschen greifbar und verständlich zu machen. Die Messdienerband aus Meggen wird moderne Weihnachtslieder live spielen. Zwei Schülerinnen werden in einem Poetry-Slam das Weihnachtsevangelium verkünden. Außerdem haben wir ein Stop-Motion-Video über das Weihnachtsevangelium gedreht. Wir machen das Evangelium von der Geburt Jesu zur Grundlage des Gottesdienstes.

Steht das Evangelium von der Geburt Jesu nicht bei allen Weihnachtsgottesdiensten im Mittelpunkt?
Ja. Aber meine Befürchtung ist, dass viele junge Menschen aufgrund verschiedener Gründe keinen Weihnachtsgottesdienst besuchen können. Deswegen sollen Sie bei uns die Weihnachtsbotschaft erfahren – auch wenn das am Wochenende des vierten Advents liturgisch nicht ganz sauber ist.

Lost... and found!

Eine klassische Krippendarstellung. Der drecikige, stinkende Stall wird fast romantisiert.
Das Motto des Gottesdienstes ist „LOST… AND FOUND!“ Warum?
Viele junge Menschen fühlen sich gerade lost, verloren, ahnungslos, orientierungslos. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Vielleicht blicken sie auch mit Angst nach vorne.

Dramatisierst du hier nicht ein bisschen?
Das glaube ich nicht. Die Suche nach Orientierung gehört ja immer zum Jungsein dazu, und jetzt kommt noch die Corona-Lage dazu. Ich kenne Jugendliche, die ihre Zukunftspläne im Ausland aufgrund von Corona über den Haufen werfen mussten. Da sind junge Menschen, die ihre liebgewonnenen Hobbys nicht ausüben, die Freunde nicht sehen können. Ich denke an eine junge Frau, die sich innerlich ein wenig von ihrer Familie distanzieren will, weil sie einen neuen Weg einschlagen möchte, aber dabei auch Angst hat. Manchmal kommt zu alldem die Verunsicherung dazu, wie es mit der Infektionslage weitergeht und welchen Infos man zurzeit glauben schenken soll. Das alles lässt sich gut mit dem Jugendwort des Jahres „LOST“ zusammenfassen.
Dagegen gibt es plötzlich diese Weihnachtsbotschaft, die auf Welt kommt. Wir feiern an Weihnachten, dass wir uns von Gott in unseren schwierigen Situationen finden lassen können. Gott sagt uns: „Ich bin da. Ich bringe Licht ins Dunkel. Du bist geliebt. Wir stehen zusammen.“

Wie lässt sich diese Weihnachtsbotschaft 2020 erzählen?
Genauso wie vor 2000 Jahren. Gott wird Mensch! Es kommt darauf an, in die aktuelle Situation Hoffnung und Licht zu bringen. Den Menschen klarzumachen, dass sie geliebt sind, dass Gott ihnen nahe ist.
Jemand sagte mir, dass dieses Jahr vielleicht das weihnachtlichste Weihnachten überhaupt wird. Weihnachten ist eigentlich etwas nicht Geplantes. Die Weihnachtsbotschaft bedeutet, dass Gott anders ist, als wir uns ihn vorgestellt hatten. Er ist ein König, aber kommt im Stall, im Dreck, zur Welt. Gott kommt gegen unsere Erwartungen, er unterbricht uns. Auch momentan fühlen wir uns wie unterbrochen, unsere Erwartungen werden enttäuscht. Wir müssen uns ständig neu orientieren – und dürfen uns an Weihnachten von Gott beschenken lassen. Darauf können wir uns freuen.
Ein Truck als mobile Bühne - er bietet Anlass für religionsphilosophische Fragen.
Ein Truck als mobile Bühne - er bietet Anlass für religionsphilosophische Fragen.
In diesem Jahr gibt es viele neue Formate, die Gemeinschaft auch unter Hygieneauflagen ermöglichen. Warum ist Gemeinschaft so wichtig für den Glauben?
Gott ist in sich schon Gemeinschaft und Beziehung: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gott möchte Kontakt – nicht nur zu ihm, sondern auch unter uns Menschen. Gott möchte keine Mauern, sondern Brücken. Das ist auch in Corona-Zeiten die Botschaft: Gott baut die Brücke zwischen Himmel und Krippe, also Himmel und Erde – und er wünscht sich, dass wir in den kleinen Dingen diese Beziehung leben, aufräumen und pflegen.

Was muss zusammenkommen, damit auch in diesem Jahr das Gefühl entsteht: „Jetzt ist Weihnachten“?
Es muss rüberkommen, dass Gott Mensch wird und nicht irgendwo im Himmel bleibt, weit entfernt. Gott liebt jeden Einzelnen – und kommt auch 2020 in der dreckigen Krippe auf die Welt. Ich finde es schön, zu wissen, dass Gott nicht im schönen Palast geboren wird, sondern im stinkenden Stall. Gott ist da, wo wir Menschen lost sind. Die Heilige Familie ist ja auch lost in dem Stall. Es gibt viele solcher Ställe, solcher dreckigen, problembehafteten Orte, wo Gott rein möchte mit seiner Liebe, seinem Freiheitsgedanken und seiner Versöhnung. Und wir können Gott mit seinem Licht dort hineintragen.

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