25.11.2025
Miteinander

Hingehen statt wegsehen

Studierende begegnen beim Themenabend mit Youngcaritas Obdachlosigkeit in Dortmund

von Louisa Sobota

„Niemand muss in Deutschland obdachlos sein“ – ein Satz, den man zum Thema Obdachlosigkeit öfter hört. Bei der Veranstaltung „Auf Dortmunds Straßen – hingehen statt wegsehen“, einer Kooperation der Katholischen Hochschulgemeinde Dortmund (KHG) und der Youngcaritas, wird schnell deutlich: Obdachlosigkeit ist nichts, was man sich aussucht. Sie kann jeden treffen.

Was hat Obdachlosigkeit mit mir zu tun?

Der Abend mit 20 Studierenden der TU Dortmund beginnt mit einer Gesprächsrunde. Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit - was hat das mit mir zu tun?
Es geht zum Beispiel um die Frage: Sollte man Menschen auf der Straße Geld geben? Die Meinungen gehen auseinander. Ein eindeutiges „richtig“ oder „falsch“ gibt es oft nicht.
Fest steht jedoch: Rund 50.000 Menschen in Deutschland sind obdachlos, etwa 600.000 wohnungslos. Zahlen, die sich nicht ignorieren lassen. Obwohl die Betroffenen oft in der eigenen Stadt sichtbar sind, blendet die Gesellschaft ihr Schicksal häufig aus.


Nach dem Gespräch und einer kurzen Andacht teilt sich die Gruppe auf. Eine bleibt für eine Talkrunde mit den Ehrenamtlichen und Seelsorgenden Oliver Schütte, Nina Brandenburger und Boris Strohmeyer, die andere begleitet die Initiative „Warm durch die Nacht“ der youngcaritas. Dabei gehen die Teilnehmenden aktiv auf obdachlose Menschen zu und verteilen Brezeln, Kaffee und Hygieneartikel.

Im Talk erklären Oli, Nina und Boris, warum sie selbst auf die Menschen zugehen und nicht warten, bis diese Hilfsangebote aufsuchen. Für viele Betroffene ist der Weg zu bestimmten Anlaufstellen eine große Hürde – aus Scham oder weil die Entfernung schlicht zu weit ist. Entscheidend sei es, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Manchmal sei ein gutes Gespräch wertvoller als eine materielle Spende, sagt Boris.

Viele Menschen verstecken ihre wenigen Besitztümer, damit sie von Passanten weiterhin als arm wahrgenommen werden. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist für manche überlebenswichtig – je abgekämpfter sie wirken, desto größer das Mitleid und damit die Chance auf Unterstützung. Deshalb werden Spenden, die neuwertig aussehen, häufig nicht angenommen. Auch wenn die drei nur einen kleinen Beitrag leisten können, können sie doch dafür sorgen, dass einzelne Menschen eine bessere Zeit erleben.

Obdachlosigkeit hinter der Statistik

Wie schnell Obdachlosigkeit jeden treffen kann, zeigt eine persönliche Geschichte von Oli besonders eindrücklich. Als Obdachlosenseelsorger begleitet er viele Menschen über längere Zeit. Einen Mann kann er zeitweise in einer Gemeinde aufnehmen und ihm ein Zimmer einrichten. Seine Lebensgeschichte berührt ihn: Der Mann war Lehrer, studierte unter anderem Theologie und Philosophie und war verheiratet. Durch einen Internetbetrug verlor er sein Geld, seine Frau und schließlich seinen Job. Auf der Straße wurde er schwer krank und verstarb trotz aller Unterstützung. Eine Geschichte, die das Thema im Raum plötzlich ganz nah wirken lässt.

Chantal Lessmann, die Mathe und Englisch auf Lehramt studiert, bewegt diese Geschichte besonders:

„In diesem Moment war er nicht nur ein obdachloser Mann, sondern jemand, der Theologie und Philosophie studiert hat, verheiratet war und am Ende doch allein dastand.“ 

Für sie ist entscheidend, jedem Menschen mit derselben Würde zu begegnen. Berührungsängste seien normal und müssen akzeptiert werden. „Wir alle haben Vorurteile, wenn wir bisher keine Erfahrung mit Obdachlosigkeit gemacht haben.“, sagt Chantal. Wichtig sei dennoch, Betroffene anzuerkennen und ihnen offen zu begegnen.


Unterwegs mit „Warm durch die Nacht“

Währenddessen geht es für die andere Gruppe nach draußen mit „Warm durch die Nacht“. Sie treffen auf sehr freundliche und dankbare Menschen, wie die Studierenden berichten. Einige seien eher bescheiden gewesen und hätten nur wenig oder gar nichts annehmen wollen.
Nico Petrovic, der Mathe und katholische Theologie auf Lehramt studiert, freut sich besonders darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, denen man sonst kaum direkt begegnet.
In den vergangenen Monaten hat er sich bewusst vorgenommen, häufiger Gespräche mit Menschen auf der Straße zu suchen. Auslöser war ein Gedankenanstoß, der ihn seit Langem begleitet:

„Überlege, wie gut du jeden Menschen behandeln würdest, wenn du dir vorstellst, er wäre Jesus.“


Dieser Gedanke hilft ihm, jedem Menschen mit Nächstenliebe zu begegnen.

Die Teilnehmenden gehen mit vielen berührenden, aber auch positiven Eindrücken nach Hause – und mit einer klaren Botschaft: Nächstenliebe endet nicht dort, wo wir wegsehen.

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