Ein Mädchen, das draußen  auf dem Campus einer Universität studiert.
27.02.2019

Exklusiv

Die Atheistin, der Agnostiker und der katholische Glaube

YOUPAX-Autorin Miriam ist (Glaubens-)Fragen nachgegangen.

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Von Miriam Pawlak

Lange Zeit ist es mir nicht aufgefallen, dass ich in einer, ich nenne sie mal „theologischen Blase“ lebe. Seit meinem Theologiestudium habe ich immer mehr das Gefühl, nicht mehr so richtig connected zur alltäglichen Welt von Nichtgläubigen zu sein, weil mein Freundeskreis sich ziemlich stark auf Gläubige zentriert hat. Ich weiß gar nicht mehr richtig, wie eine Welt mit und Gott anders gedacht werden kann. Umso spannender fand ich die Idee, ein gezieltes Gespräch mit einer Atheistin und einem Agnostiker zu führen.

Atheismus & Agnostizismus

Atheisten sind Menschen, die nicht an Gott glauben bzw. die Existenz von Gott (Göttern) verneinen. Das Wort ist abgeleitet aus dem Griechischen a-theos = ohne Gott.

Agnostiker hingegen können die Existenz Gottes nicht ganz ausschließen, weil sie sie nicht erklären können. Der Begriff a-gnosis heißt ohne Erkenntnis bzw. ohne Wissen. Das heißt nicht unbedingt, dass sie nicht an Gott glauben. Agnostizismus ist sowohl mit Atheismus als auch mit dem Glaube an Gott (Theismus) vereinbar.

»Ich habe von klein auf gelernt, Menschen, die einen starken Glauben haben, zu respektieren.«

Tara* ist 27 und kommt aus Bayern. Dort ist sie Ärztin für Unfallchirurgie und hat in ihrem Beruf oft Kontakt zu verschiedenen Religionen. »Im Krankenhaus habe ich immer wieder mit Religion und Glaube zu tun. Wenn sich zum Beispiel eine muslimische Frau aufgrund ihres Glaubens nicht entkleiden möchte für eine Untersuchung, dann ist das zu respektieren.« Tara wirkt sehr aufgeschlossen als sie berichtet, wie sie aufgewachsen ist: »Meine Mutter ist als Italienerin natürlich katholisch, sie ist aber aus der Kirche ausgetreten. Mein Vater kommt aus Ägypten und ist Moslem, aber er hat seinen Glauben nie wirklich praktiziert. Meine Eltern haben meine drei Schwestern und mich sehr frei erzogen – ganz bewusst frei von Religion. Dementsprechend wurden wir auch nicht getauft. In der Schule hatten wir Ethikunterricht, der mir Spaß gemacht hat, weil dort alle Religionen gleichwertig behandelt wurden, sodass keine Eintönigkeit oder Vereinnahmung entstehen konnte. Ich habe von klein auf gelernt Menschen, die einen starken Glauben haben, zu respektieren, sie nicht zu verurteilen.«

Je nach Bundesland kann Ethikunterricht als Ersatzfach unterrichtet werden für diejenigen, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen möchten – das ist in Bayern der Fall – oder es wird – wie in NRW – als Wahlpflichtfach angeboten, so dass man zwischen Religions- und Ethikunterricht frei wählen kann. Es ist ein religiös und weltanschaulich neutrales Fach.
Im Ethikunterricht werden neben den vielfältigen Religionen auch philosophische und ethische Grundlagen, wie beispielsweise menschliche Grundwerte, besprochen. Sinnfragen tauchen ebenfalls auf. Als ich Tara frage was für sie den Sinn des Lebens ausmacht, verblüfft sie eine gläubige Katholikin wie mich:
»Mein Sinn des Lebens ist das Leben selbst – also das was man daraus macht.« 
»Ja, und danach?«, möchte ich wissen. 
»Es gibt nichts nach dem Tod. Das Hier und Jetzt zählt«, erklärt sie.

Tempel mit Blick auf untergehende Sonne
Eine Frau sitzt mit dem Rücken zum Betrachter. Sie blickt auf die Aufschrift "Jesus Saves"
Hellblauer Wolkenhimmel
Stein für Stein. Ein Turm aus Steinen.
Helle leere Kirche von innen

Ist da nicht mehr?

Okay, diese Antwort ist mir nicht neu. Oftmals habe ich sogar das Gefühl, dass auch viele Gläubige nach diesem Motto leben. Ich möchte an dieser Stelle meine Sichtweise einbringen, um die Glaubensperspektive einzuholen. Dass Tara etwas aus ihrem Leben machen möchte, um glücklich zu sein, das ist ja verständlich, aber dieser absolute Bezug ins Diesseits, ist für mich nicht mehr denkbar, weil ich es als Christin mit einem Gott zu tun habe, der konsequenterweise auch immer transzendent gedacht wird. Dass durch die Sendung seines Sohnes Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist und damit Teil dieser einzigartigen Welt, ist ja gerade DAS Glaubensbekenntnis schlechthin. Der Gedanke, dass also Gott die Welt mit sich versöhnt und vereint hat, ist für mich keine Glaubensfrage mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Gott hat sich immer schon Menschen auf wunderbarer Weise offenbart – durch Jesus Christus wurde die Offenbarung perfekt: Gottes Selbstoffenbarung bestätigt, dass ER uns Menschen unüberbietbar liebt, uns unbedingt will und uns deswegen auch die Freiheit lässt, selbst zu entscheiden, ob wir auf seine Liebe antworten oder nicht. Das bedeutet aber auch, dass Gott der Schöpfer ist, schon vor aller Zeit existierte. Er verbindet – bildlich gesprochen Himmel und Erde und öffnet gleichzeitig den Himmel für die Perspektive darüber hinaus. Daraus ergibt sich für mich, dass es auf jeden Fall weitergeht nach dem Tod – und zwar geht das Leben dann erst richtig los, weil es gut, vollkommen, erlöst – ewig ist. Natürlich weiß ich nicht, wie das konkret aussehen wird, aber Gott schenkt uns die Hoffnung auf eine vom Leid befreite, vollendete Welt – daraus kann ich sehr gut Kraft und Mut für den Alltag schöpfen. Wenn Gottes Gnade nicht so reichhaltig und wohltuend wäre, wüsste ich vielleicht auch nicht, wie ich mir meinen Sitz im Leben anders erklären könnte, aber durch den Glauben fühle ich mich getragen. Wenn mir etwas widerfährt, das schwierig mit diesem guten Gott vereinbar ist, dann bleibt der Trost im Kreuz Christi.

Tara kann als Atheistin diese Begriffe Gott, Kreuz und Jesus Christus verständlicherweise nicht füllen. Ihre Ansicht ist pragmatischer:

»Wenn etwas nicht so läuft, dann liegt es an mir. Dann habe ich nicht alles gegeben. Das nächste Mal muss ich mich mehr anstrengen. Ich hatte dann einfach Pech.«

 »Reicht dir das wirklich so aus?«, wundere ich mich. 
Sie antwortet in ihrer fröhlichen, trockenen Art: »Ich habe nie nach dem Grund oder Sinn gefragt. Ich akzeptiere es einfach so wie es läuft. Vieles ist auch einfach Zufall.«
Tara lebt in einem Umfeld, das mehrheitlich katholisch geprägt ist. Religion bleibt ein interessantes Gebiet für sie, schließlich gibt es auch in ihrem Freundeskreis Gläubige. »Mir fallen auf Anhieb zwei Leute ein, die wirklich gläubig sind und versuchen nach ihrem Glauben zu leben. Ich finde Religion ja auch schön und spannend. Ich bin auch mal in die Kirche gegangen, weil es mich interessiert hat. Als ich in Thailand war, da habe ich auch Tempel besichtigt – aber ich würde mein Leben selber nicht nach einer Religion ausrichten.«
Wenn sie sich doch schon damit beschäftigt, dann dürfte sie doch sicherlich neugierig geworden sein, ob Religion nicht doch mehr für sie bedeutet, als sie zugibt. »Müsstest du nicht doch aus deiner Komfortzone heraustreten, dich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen und eben nicht alles dem Zufall überlassen?«, frage ich. 
Tara bleibt bei ihrer Meinung: »Ich kann nachvollziehen, dass Menschen an etwas glauben wollen. Für mich ist das alles Interpretationssache. Meine Lebenserfüllung erreiche ich dann, wenn ich ich sein kann, wenn ich mir treu bleiben kann.« Immer wieder betont sie, dass Leistung im Studium und Beruf, aber auch ihre Familie ganz weit oben auf der Skala ihres Lebensglücks stehen. Während wir darüber reden, brodelt es immer mehr in mir, weil es so gute Anknüpfungspunkte gibt, an denen ich ihr erklären könnte, dass sie längst weiter ist, als sie vielleicht denkt und gar nicht weit entfernt ist vom Glauben an einen Gott. Ich lasse es an dieser Stelle so stehen, respektiere sie in diesem Sinne so, wie sie mich und meinen Glauben respektiert. Möglicherweise stößt sie von selbst noch mal auf tiefergehende Fragen, denn die Wege Gottes sind bekanntlich unergründlich – außerdem: Wie schon einst Papst Benedikt XVI. bezeugte, gibt es so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt.

Skepsis - ist doch normal, oder?

Einer von diesen Menschen, der sich jedoch noch nicht sicher ist, ob es diesen Gott, von dem ich spreche, tatsächlich gibt, ist Björn*(29). Björn promoviert in Biochemie in Bonn. Er stammt aus einem kleinen Ort unseres Erzbistums, ursprünglich kommt seine Familie aus Polen. Am Telefon beschreibt er die Situation: »Ganz klar, alle sind katholisch getauft und gefirmt. Ich natürlich auch, aber ich konnte mich noch nie damit identifizieren. Ich war von klein auf skeptisch«, sagt er. 

Zweifel sind normal, teilweise sogar fördernd, weil die Tragfähigkeit des Glaubens oft erst dann zum Ausdruck kommt. Das beschreibt der Theologe Maximilian Schultes in einem Onlineartikel einleuchtend, indem er den Zweifel als „Grunddimension des vom Menschen verantworteten Glaubens zu jeglichem menschlichen Bemühen um Glauben" definiert.
Aus Björn spricht ein typischer Agnostiker, wenn er folgendes beschreibt: »Ich würde nicht ausschließen, dass es Gott gibt. Allein schon, weil die Natur so vielfältig, einmalig und faszinierend ist, kann man sich schon fragen, ob nicht jemand die Initialzündung dafür gegeben hat. Wir können Gott nicht beweisen, aber auch nicht, dass es ihn nicht gibt.« 

Dem Sinn mehr Leben geben

Auch ihn befrage ich nach (s)einem Lebenssinn und was ein erfülltes Leben für ihn bedeutet: »Das weiß ich selber nicht...Es sind viele Dinge. Ich wäre froh, wenn ich zum Gesamtwissen der Menschheit beitragen könnte.« Dass etwas bleibt, von dem, was ich tue – das ist ein Grundauftrag von Menschen. Besonders uns Christen ist er mitgegeben, behaupte ich, weil wir zur Nächstenliebe berufen sind. Unsere Auffassungen ähneln sich – gleichwohl bin ich mir bewusst, dass es ihm mehr um den Intellekt geht, als um Werke der Barmherzigkeit – doch wer sagt, dass sich das ausschließen muss?

Mann liest auf einer Bank ein Buch.

Bei dem Gespräch driften wir ein wenig ab und Björn erzählt mir, woran er arbeitet, mit welchen Mikro- und Makroteilchen er sich auskennen muss – ich höre ihm geduldig zu und denke mir, wer so viel Ahnung hat, der kann auch noch in anderen Themen weiterdenken, also lenke ich ein: »Was passiert nach dem Tod?« Seine Reaktion habe ich nicht erwartet: »Ich weiß nicht, was ein Leben nach dem Tod bedeutet. Ich komme immer wieder zum Schluss, dass Fragen wie diese, letztlich unbeantwortet bleiben. Was ich mich dabei dann immer Frage ist, wo fängt Seele an?«

Ich bin irritiert, weil er erstens von Seele spricht, ein Begriff, der höchst theologisch aufgeladen ist und zweitens, weil er damit voraussetzt, dass es eine Seele gibt. Björn denkt laut weiter: »Beginnt die Seele schon beim Bakterium, beim Hund oder erst beim Menschen? Was geschieht mit all den anderen Lebewesen, die keine Seele haben? Und wenn es ein Leben nach dem Tod gibt – wer oder was ist dann alles da drinnen, im Himmel?« 
Spannend finde ich, dass er den Himmel als Ort für das Leben nach dem Tod lokalisiert. Der Himmel scheint immer noch der Ort zu sein, den der Volksmund als Ruheort für die Seelen geprägt hat. Ich bin der Meinung, dass sobald sich diese Fragen erst einmal stellen und Menschen mit der Größe Gottes – selbst wenn sie sie nicht als Gott bezeichnen würden oder nur indirekt - in Kontakt zu treten vermögen, dann sind sie bereits dabei, Gott zu finden. Muss die Existenz Gottes erst bewiesen werden, um seine Gegenwart zu erfahren?

Björn skizziert sich selbst als ein Mensch, der Evidenz braucht und sehr wissbegierig ist. Sein Interesse gilt vor allem den Naturwissenschaften und dennoch zeigt er ein gewisses Gespür für die Frage nach Gott. Ich konfrontiere ihn damit, dass Gott für gläubige Christen ein personaler Gott ist, ein Du, das sogar mit Vater angesprochen wird.
Er hält dagegen, dass es doch auch sein könne, dass Gott Alles sei. Er sagt:

»Manchmal stelle ich mir die Frage, ob Gott nicht in allem ist, also auch Teile von mir Gott sind.«

Diese Überlegung finde ich interessant. Es gibt die Theorie des Pantheismus (Gott ist Alles) schon lange und noch länger ließe sich jetzt darüber streiten – doch das würde an dieser Stelle zu weit führen. 

Ich kann festhalten, dass die Unabhängigkeit, die Freiheit, die Menschen sich wünschen, Gott nicht ausschließt: er zwingt niemanden an ihn zu glauben, sobald man auch nur nach ihm fragt. Im Gegenteil: Obwohl er schon längst da ist und um dich und mich weiß, lässt er jedem die freie Entscheidung, welchen Weg du gehen magst.
Gott macht keine Unterschiede: ob Atheistin, Agnostiker oder anders Orientierte – für Gott sind wir unbedingt erwünscht auf dieser Welt, wertvoll in seinen Augen und würdig geliebt zu werden – dafür geht er bis in den Tod mit und sogar darüber hinaus. 

Glauben und zweifeln gehören zusammen.

* Namen geändert

Mix

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