15.09.2026
PERSPEKTIVE

Was kommt nach dem Tod?

Himmel, Hölle, Fegefeuer – Talk über die christliche Vorstellung des Lebens nach dem Tod

von Tobias Schulte

Priester Mike Hottmann aus Hagen und YOUPAX-Redakteur Tobi Schulten sprechen über eine der größten Fragen des Lebens: Was glauben Christen über das Sterben und das, was danach kommt? Wir sprechen darüber, warum vielen Menschen das Sterben mehr Angst macht als der Tod selbst, was „Loslassen“ bedeuten kann und welche Hoffnung der christliche Glaube angesichts des Todes gibt.

Hast du Angst vor dem Tod?

Ich glaube nicht. Aber wie viele Menschen habe ich vielleicht Angst davor, leiden zu müssen.

Warum hat man mehr Angst davor, zu sterben, als davor, tot zu sein?

Für mich ist mit dem Sterben oft Krankheit verbunden, eine Not, Schmerzen – und das Loslassen. Ich glaube, was manchmal so schwerfällt, ist genau dieses Loslassen.

Das habe ich bei meinem Opa erlebt, der dieses Jahr gestorben ist. Als er schon sehr krank war, haben Leute gesagt: Er kann noch nicht loslassen.

Die Erfahrung habe ich auch bei meiner Oma gemacht. Sie hat zwei Jahre mit Krebs gekämpft. Am Ende war der Körper zu schwach und der Krebs zu stark. Es ging dann schneller als gedacht – und ich war nicht da. Ich war auf einer Wallfahrt in Lourdes.

Als sie im Sterben lag, waren alle da. Die Pflegekraft fragte: Fehlt noch wer? Mein Opa sagte: Ja, unser Enkel ist nicht da. 

»Dann hat er mich angerufen, ich habe mich von Oma verabschiedet – und dann konnte sie gehen. Sie konnte loslassen.«

Priester Mike Hottmann

Was kommt nach dem Tod?

Woher haben wir Christen überhaupt eine Ahnung davon, was nach dem Tod kommt?

Unser Fundament ist die Bibel. Schon im Alten Testament gibt es Vorstellungen von dem, was wir Ewigkeit nennen. Jesus spricht über den Himmel, darüber, dass er zum Vater gehen und uns dort eine Wohnung bereiten wird, von Auferstehung und Gericht. Daraus haben sich die bekannten Bilder von Himmel, Hölle und Fegefeuer entwickelt.

Dann gehen wir das mal durch. Was kommt nach dem Tod?

Ich glaube, dass wir Jesus entgegentreten werden. Dass wir Gott schauen dürfen, wie er ist. In einem Gebet für Verstorbene heißt es sinngemäß: Dann werden wir dich schauen, wie du bist, dir ähnlich sein auf ewig und dein Lob singen ohne Ende.

Und was heißt das?

Im Moment hoffen wir, glauben wir, denken wir über Gott nach. Irgendwann schauen wir ihn. Alle Fragen finden dann eine Klarheit. Ihm ähnlich sein heißt: bei ihm sein, in unmittelbarer Nähe leben. Und das Lob Gottes singen ohne Ende ist für mich der Inbegriff von ewiger Freude.

Viele stellen sich den Himmel sehr konkret vor: Ich sehe Oma und Opa wieder, meine Freunde. Ist das zu naiv?

Manchmal haben wir ganz niedliche Vorstellungen vom Himmel. Oft projizieren wir gute Erfahrungen hinein: In meinem Leben war mir etwas wichtig, also stelle ich mir vor, dass es im Himmel genauso weitergeht.

Ich bin zum Beispiel Fußballfan. Trotzdem stelle ich mir den Himmel nicht als Neverending-Fußballstory vor. Vielleicht kommt Fußball dort gar nicht vor – aber die Freude, die ich damit verbunden habe, dieses Gemeinsame. Vielleicht ist genau diese Erfahrung bei Gott spürbar.

Bleiben wir nach dem Tod trotzdem wir selbst?

Ja, das ist ganz wichtig. Wir bleiben wir. Schau auf Jesus: Wir jubeln an Ostern ja nicht und sagen: Halleluja, jetzt hat Jesus endlich seinen Körper hinter sich gelassen. Sondern: Jesus ist auferstanden. Er begegnet den Jüngern mit einem Auferstehungsleib. Thomas erkennt seine Wunden, Maria Magdalena erkennt Jesus zunächst nicht. Dieser Leib ist also neu und anders – und hat doch etwas von dem, was Jesus ausmacht. Für uns heißt das: Zu mir gehört nicht nur meine Seele, sondern auch ein Leib. 


»Wir hoffen darauf, einmal mit Leib und Seele bei Gott zu sein.«

Priester Mike Hottmann

Priester Mike Hottmann

Was bedeutet Fegefeuer?

Dann ist die Vorstellung gar nicht so abwegig, dass wir uns im Himmel wiedersehen und wiedererkennen?

Genau. Wie das konkret aussieht, wissen wir nicht. Wir sprechen über etwas, das wir noch nicht erlebt haben. Ich glaube, wir werden ziemlich überrascht sein. Unsere Vorstellungen werden mit Gottes Wirklichkeit nur begrenzt mithalten können.

Bevor es in den Himmel geht, gibt es in der katholischen Vorstellung noch das Fegefeuer. Was soll das sein?

Fegefeuer ist ein schwieriger Begriff, weil „Feuer“ sofort Bilder auslöst: Hitze, Schmerz, Zerstörung. Das lateinische „Purgatorium“ meint Reinigung. Ob das ein Ort ist oder eher ein Zustand – darüber wurde immer gestritten. Ich kann mit der Vorstellung eines Zustands mehr anfangen. Bei Gott zu sein ist ja nicht einfach ein Ort wie Paderborn oder Berlin, sondern eine Wirklichkeit: ohne Anfang und Ende, immer Gegenwart.

Aber warum sollte diese Reinigung wehtun?

Ich erkläre das manchmal so: Wenn du etwas ausgefressen hast und zu einem Menschen gehen musst, den du verletzt hast, kann das unangenehm sein. Du musst sagen: Ich habe mich falsch verhalten. Vielleicht schämst du dich. Und diese Scham kann innerlich richtig brennen.

Wenn wir einmal vor Gott treten – und Gott die vollkommene Liebe ist –, dann sehen wir auch die volle Wahrheit über uns selbst. Uns werden die Momente klar, in denen wir hinter dieser Liebe zurückgeblieben sind. Das kann schmerzhaft sein. Aber nicht, weil Gott uns quälen will, sondern weil Heilung auch heißt, sich der Wahrheit zu stellen.

Also ist das Fegefeuer keine kleine Hölle vor dem Himmel?

Nein. Es geht nicht um physisches Feuer. Paulus schreibt davon, dass wir „wie durch Feuer hindurch“ gerettet werden. Ich verstehe dieses Feuer eher als inneres Brennen: Mir wird die Wahrheit über mein Leben klar. Das kann wehtun, aber ich muss mich dem stellen, damit es heilen kann.

Wenn du dich endlich entschuldigt hast, fällt dir oft ein Stein vom Herzen. Du kannst etwas loslassen. So kann man sich diese Reinigung vorstellen: 

»Wir sollen zu Gott kommen und das zurücklassen, was nicht zu ihm passt.«

Priester Mike Hottmann

Was bedeutet Hölle?

Und die Hölle wäre dann das Gegenteil: komplett getrennt von Gott?

Ja. Hölle wäre das endgültige Getrenntsein von Gott – und zwar ein selbstgewolltes Getrenntsein. Denn Gott will die Beziehung zu uns.

Mir ist dabei wichtig: Wir wissen nicht, ob irgendein bestimmter Mensch in der Hölle ist. Es steht uns nicht zu, das zu sagen. Jesus spricht davon, dass es diese Möglichkeit gibt. Aber wir können nicht über andere urteilen.

Was ist mit Menschen, denen Gott egal ist oder die nicht an ihn glauben?


Da wäre ich sehr vorsichtig. Wie viele Menschen haben wirklich eine tiefe Gotteserfahrung gemacht und konnten sagen: Ich glaube, Gott ist wirklich – und ich will trotzdem nichts mit ihm zu tun haben?

Religion war oft kulturell geprägt. Man wurde Christ oder Katholik, weil das in der Familie so war – ähnlich wie man in manchen Familien BVB-Fan wird, weil der Vater das auch ist.

Aber wenn jemand ausdrücklich sagt: Ich glaube nicht an Gott?

Auch dann würde ich nicht sagen: Dann ist die Sache klar. Unser Leben ist dazu da, Gott zu erkennen und auf ihn zu antworten. Aber Gott hat größere Möglichkeiten, als wir uns vorstellen können.

Wir hoffen und beten, dass alle den Weg in die ewige Gemeinschaft finden. Die Möglichkeit zur Umkehr, also sich neu auf Gott auszurichten, besteht das ganze Leben lang.

Das lenkt den Fokus stark aufs Jetzt: Es ist wichtig, wie ich heute lebe.


Klar. An den Himmel zu glauben verändert nicht nur etwas für irgendwann nach dem Tod. Wenn ich an einen Gott glaube, auf den ich zugehe – oder besser: mit dem ich jetzt schon lebe –, dann gibt das meinem Leben heute eine andere Tiefe und einen Sinn.

Die Frage „Was kommt nach dem Tod?“ ist deshalb auch eine Frage an mein Leben vor dem Tod: Worauf richte ich mich aus? Wie gehe ich mit anderen um? Was bedeutet mir Gott? Und kann ich loslassen?

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