Ein buntes Sammelsurium aus Bucheckern, Kastanien, einem Apfel, gelben Lindenblättern und Hagebutten
22.09.2020

Body + Soul

Nutzt den Herbst!

Zwischen Kastanien und Bucheckern lohnt sich ein Perspektivwechsel.

test
von Lioba Vienenkötter

Heute bin ich zu einem kleinen Herbst-Spaziergang aufgebrochen. Es war wie ein Stück Kindheit. Zugegeben, es war mit 24˚C noch sommerlich warm, aber die Blätter verfärben sich schon. Ich war also spazieren und habe allerlei Dinge beobachtet, gesammelt und nach Hause getragen. Dort ausgebreitet, bilden die Funde ein Stillleben, das stark an einen Erntedank-Altar erinnert: ein buntes Sammelsurium aus Bucheckern, Kastanien, einem Apfel, gelben Lindenblättern und Hagebutten. OK, es wäre eine ziemlich spärliche Erntedank-Dekoration und der Kürbis fehlt auch. Aber der Grundgedanke bleibt: Raus gehen und zusammentragen, was die Erde und vor allem die Ernte so zu bieten hat.

Gut jetzt liegt hier eine Menge Krams auf meinem Küchentisch. Ich habe das Arrangement natürlich schon mehrfach neu drapiert und aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert. Und weil ich dann dachte, da muss man doch noch mehr draus machen können, habe ich erstmal ein Kastanientierchen gebastelt. Kastanientierchen und -männchen basteln gehört zu den stärksten Kindheitserinnerungen, die ich habe. Früher sind meine Geschwister und ich immer mit unseren Großeltern in den Kurpark gestapft, haben eimerweise Kastanien gesammelt und ganze Herden und Rotten von Tierchen gebastelt. Dieses hier ist vielleicht ein Esel oder ein Reh mit Bucheckern-Ohren. Bucheckern sind ja sowieso total interessante Dinger: Wenn die Hülle abgeplatzt ist, dann sieht sie aus wie ein flauschiger kleiner Hut. Spannend, was man in einer Waldfrucht lesen kann.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man etwas Neues in Waldfrüchten entdecken kann, ist das Gedicht „Ein Männlein steht im Walde“ von Hoffmann von Fallersleben. Viele von euch kennen den Text bestimmt als Kinderlied. Und das ist doch toll, dass man in die Natur geht und die Dinge mit ganz anderen Augen sieht. Das sollten wir alle mal öfter versuchen – nicht nur bei Bucheckern und nicht nur im Wald. Der Herbst mit seinem bunten Blätterkleid lädt dabei zu besonderer Kreativität ein.

Kastanientierchen und -männchen basteln gehört zu den stärksten Kindheitserinnerungen, die ich habe.

Ein Männlein steht im Walde

Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein?

(Hoffmann von Fallersleben, 1843)

Marmelademachen ist fast so leicht wie Nudelnkochen.

Auch sonst verarbeite ich gerne, was ich in der Natur so finde. Erst kürzlich habe ich aus einem riesigen Bovisten, einem fußballgroßen Pilz, (müsst ihr leider googlen, ich habe verpasst ihn zu fotografieren), ganz köstliche vegetarische Schnitzel gekocht. Jetzt fangt bloß nicht an fremde Pilze zu sammeln und braten, es gibt ziemlich viele giftige und ich hatte eine fachmännische Begleitung an meiner Seite. Aber ich finde es schon spannend, wie viel Gutes uns die Natur zu bieten hat, auch abseits der Agrarwirtschaft. Ein weiteres Beispiel dafür sind natürlich Beeren: Gerade Brombeeren wachsen ja so ziemlich überall, wo die Welt nicht nur aus Asphalt und Beton besteht. Und Marmelademachen ist fast so leicht wie Nudelnkochen.

Der Herbst zeigt sich in den buntesten Farben.

Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.

Wenn man die letzten zwei Absätze so liest, dann erinnert nicht mehr nur das Arrangement auf meinem Küchentisch an das schon erwähnte Erntedankfest. Denn eigentlich geht es bei Erntedank ja um nichts anderes – um die Bewunderung der Schöpfung und den Dank für ihre Früchte. Ich mochte das Erntedankfest immer schon besonders gerne und zwar nicht nur wegen des bunt geschmückten Altarraumes. Erntedank, das hat so etwas urmenschliches. Der Dank für das Leben – „danke, dass ich danken kann“. Dieses Fest gibt es übrigens nicht nur im Christentum, viele Religionen feiern die erfolgreiche Ernte als Gottesgeschenk. In der Bibel findet sich ein entsprechender Hinweis in Genesis in der Geschichte von Kain und Abel, seit dem 3. Jahrhundert ist das Erntedankfest für christliche Gemeinden bezeugt.

Das Erntedankfest, aber auch der gesamte Herbst geben uns die Möglichkeit, uns auf das zu besinnen, was um uns herum passiert: Was im Laufe des Jahres um in der Natur gewachsen ist. Wir dürfen bestaunen, was die Erde hervorgebracht hat - welche sonderbaren und wunderschönen Früchte. Und seien wir mal ehrlich: Auch in unserer modernen Welt bauen wir unser Leben, unsere Ernährung und unseren Wohlstand noch immer auf die Produkte der Landwirtschaft auf. Ohne diese wäre unser Leben nicht möglich. Deshalb sollten wir unser Leben auf die Dankbarkeit für die Schöpfung aufbauen, die uns gegeben wurde. Nicht nur, aber besonders der Herbst führt uns das in den buntesten Farben vor Augen.

Spannend, was man in einer Waldfrucht lesen kann.
Dankbarkeit sollte zur Grundlage unseres Lebens werden.

Das gelbe Laub erzittert

Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab;
Ach, alles was hold und lieblich,
Verwelkt und sinkt ins Grab.

Die Gipfel des Waldes umflimmert
Ein schmerzlicher Sonnenschein;
Das mögen die letzten Küsse
des scheidenden Sommers sein.

(Heinrich Heine, 1834)

Natürlich ist der Herbst nicht nur bunt. Hinter verfärbten Blättern und goldenem Sonnenglanz drohen schlechtes Wetter und frühe Dunkelheit. Die letzten Küsse des Sommers, die Heine in einem Gedicht beschreibt, scheinen von jetzt auf gleich zum tiefsten Liebeskummer zu werden. Der Herbst kündigt das Ende des Jahres an, es wird kalt und ungemütlich. Gegen diese oft trostlose Stimmung kommt man nicht immer mit guten Büchern und Wolldecken an. Aber was der Herbst und das anstehende Erntedankfest lehren können ist, die Dunkelheit umzudeuten, sie aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Wie wäre zum Beispiel mit Gedanken wie: Danke, dass es heute regnet, jetzt kann ich es mir auf meinem Sofa gemütlich machen. Oder: Danke, dass so früh dunkel geworden ist, da weiß ich die Sonne am Tag mehr zu schätzen. Wenn wir versuchen, etwas Positives in dem zu sehen, was uns das Leben gibt, dann können wir den Herbst in vollen Zügen genießen. Notfalls halt in Gummistiefeln.

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