Am 03. Oktober feiern wir 30 Jahre Deutsche Einheit.
03.10.2020

Politik

30 Jahre Deutsche Einheit?

Am 03. Oktober feiern wir das 30-jährige Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. Geeinigt ist Deutschland trotzdem noch nicht. Was macht es mit uns Nachwendekindern, dass wir auch 2020 noch Vorurteile gegenüber dem Osten beziehungsweise Westen haben?

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von Lioba Vienenkötter

Wir waren dieses Jahr mit unserem Pfadfinderstamm im Sommerlager an der mecklenburgischen Seenplatte. Der beliebteste Witz unter den Jugendlichen lautete wie folgt:

 
Wie kann man aus einer Banane einen Kompass machen?
Man legt sie auf die Berliner Mauer und da wo sie abgebissen wird, ist Osten.


Wir wollen an dieser Stelle nicht darüber streiten, ob das ein besonders lustiger oder gelungener Scherz ist, vielmehr soll es um die Frage gehen, was es mit uns macht, dass wir auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch Vorurteile gegenüber dem Osten beziehungsweise Westen haben.

Keine Bananen im Osten? Klischees gibt es auch heute noch.

Wir sind natürlich nicht die ersten, die sich mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Einigung der vormals zwei deutschen Staaten gelungen ist. So veröffentlichte der NDR kürzlich eine Umfrage, nach der im Westen 65 Prozent der Befragten angaben, dass Ost und West weniger stark oder gar nicht zusammengewachsen sind. Im Osten gab es für diese Meinung eine noch größere Mehrheit von 78 Prozent. Dieses Spaltungsgefühl ist im Vergleich zum Vorjahr noch gewachsen.

In der Öffentlichkeit wird dieses Phänomen – die Uneinigkeit der Menschen trotz äußerer Einheit – als „Mauer in den Köpfen“ beschrieben. Diese Mauer zeigt sich vor allem in den Vorwürfen und Vorurteilen, die auch nach 30 Jahren Einheit in der Bundesrepublik die soziale Einigung massiv erschweren. Wessis sind arrogant und materialistisch, Ossis sind faul und jammern permanent. Dass die älteren Generationen diese Vorurteile haben, verwundert nicht, schließlich sind sie mit der Teilung und der beidseitigen Propaganda des Kalten Krieges aufgewachsen. Wer jeden Tag mit Sätzen wie „Im Osten hat man nichts“ und „Der Westen ist imperialistisch“ sozialisiert wird, der kann diese wohl kaum nur schwer ablegen.

»Meine Großeltern meckern immer noch abends vorm Fernseher beim Nordmagazin, wenn jemand was Doofes sagt, darüber, dass das vermutlich ein Wessi ist. Das wird dann gerne als „Wessi-Gesülze“ bezeichnet.«

Franz, 23, aus Mecklenburg-Vorpommern

Der Trabi, Relikt der DDR.

Aber Vorurteile gegenüber dem Osten beziehungsweise Westen finden sich auch bei denen, die nach der Wende geboren wurden: Das Vorurteil vom Besser-Wessi hat sich gehalten, Jugendliche aus dem Westen wissen vom Osten vor allem von der maroden Infrastruktur und den Wahlerfolgen der AfD.

»Also mir fällt jetzt so ein, dass erstens im Osten sehr viel heruntergekommen ist, egal ob jetzt Infrastruktur oder Häuser oder so etwas. Und, dass da vieles nicht sehr schön aussieht. Außerdem noch, dass es im Osten sehr viele Menschen mit rechter politischer Einstellung gibt, also deutlich mehr als im Westen.«

Henning, 17, aus NRW

»Ich denke, dass mehr Leute rechts eingestellt sind. Im Osten gibt es viel Land und die Ostdeutschen sind im Durchschnitt weniger reich. Im Osten gibt es weniger Diversität in kulinarischer und kultureller Hinsicht.«

Lorenz, 15, aus NRW

Mythos Plattenbau

»Im Osten gibt's nur Plattenbau, im Osten ist nix los, Fremdenfeindlichkeit ist weit verbreitet und die Bauernhöfe sind marode.«

Kristin, 23, aus NRW

Der moderne Westen vs. der marode Osten.

»Unter meinen Freunden in der Uni gibt es den Trinkspruch „Ex oder Wessi!“«

Robin, 22, aus NRW, studiert in Thüringen

»Das erste, was mir zu „Wessi“ einfällt, ist „Geizhals“.«

Johannes, 24, aus Thüringen

Erbe der DDR - die Karl-Marx-Allee in Berlin

»Also ich würde sagen, das größte Vorurteile ist, dass es dem Westen besser geht, vor allem finanziell. Weil halt auch die Gehälter (noch immer) höher sind. Und man sich dadurch mehr leisten kann und wohlhabender ist. Manche Bekannte sagen auch, dass die Wessis eingebildeter sind, das kann ich aber nicht bestätigen. Oder auch, dass sie weltoffener sind, weil sie halt schon immer reisen durften, wo hin sie wollen. Und auch weil sie Englisch in der Schule hatten, und es dadurch im Ausland etwas einfacher ist. Vielleicht auch noch, dass es weniger Traditionen gibt, vor allem in den Großstädten. Allerdings weiß ich nicht, wie es da auf dem Land aussieht. Ich dachte immer, dass die Städte schöner sind, weil es keine kommunistischen Blöcke gibt, aber da wurde nach der Wende hier viel gemacht und man merkt eigentlich keinen Unterschied. «

Bonny, 23, aus Thüringen

Mit den Vorurteilen der Nachwendekinder beschäftigt sich auch der Podcast „Kohl Kids“, produziert von MDR und WDR. Die Moderatorinnen Jule Wasabi und Friederike Schicht diskutieren ganz offen darüber, wo sie die Stereotype schon erfahren mussten. Und sie halten fest, dass die Unterscheidung in Ost und West auch heute noch angemessen und notwendig ist, denn sie sehen auch 2020 noch massive Unterschiede zum beispielsweise in der Wirtschaftskraft der vormals zwei Staaten.

Man darf bei der Diskussion der Wiedervereinigung und der sogenannten Deutschen Einheit nie vergessen, dass Deutschland bis 1990 in zwei vollkommen verschiedenen Systemen bestand. Die alte Bundesrepublik und die DDR waren nicht wie etwa Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Der Kapitalismus und der Sozialismus sind entgegengesetzte Wirtschafts- und Mentalitätssysteme. Der Versuch, einen Staat, der über vierzig Jahre lang als sozialistischer Staat bestand innerhalb kürzester Zeit an einen kapitalistischen Staat anzugliedern, konnte nur scheitern. Und dass die sogenannte Wiedervereinigung eher eine Überstülpung des westdeutschen Systems war, ist unbestritten. Da wundert es wenig, wenn sich viele Ostdeutsche über den Misserfolg dieser Vereinigung beklagt haben auch heute noch beklagen.

Deutsche Einheit? Äußerlich vielleicht.

Deutsche Einheit? Die harten Fakten.

  1. Die durchschnittliche Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer erreichte gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 2019 nur ein Niveau von knapp 73%
  2. Vom Rückgang der Einwohnerzahlen im Osten am stärksten betroffen ist Sachsen-Anhalt, das fast jeden vierten Einwohner eingebüßt hat.
  3. Die Ostdeutschen haben im Schnitt 14 Prozent weniger Einkommen als Westdeutsche. Das niedrigste Jahreseinkommen haben trotzdem Menschen aus Gelsenkirchen und Duisburg.
  4. In den 14 Bundesministerien sind 97% der Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter Westdeutsche.
  5. Die Rektorinnen und Rektoren der 81 staatlichen Universitäten kamen bisher alle aus Westdeutschland. Im Juli wurde nun erstmals eine Frau mit ostdeutschen Wurzeln zur Uni-Präsidentin gewählt.
  6. War 1991 im Westen die Hälfte der Frauen berufstätig, sind es inzwischen knapp 72% ähnlich wie in den neuen Ländern. Bundesweit verdienen Frauen in 23 von 401 Kreisen mehr als Männer - die Kreise liegen alle im Osten.

Hand aufs Herz: Wer von euch kennt eine ostdeutsche Musikgruppe, einen ostdeutschen Sportler oder einen Politiker außer Erich Honecker oder Walther Ulbricht? 

Das, was wir heute als Deutschland kennten, das ist zumeist westdeutsch. Was als deutsche Geschichte proklamiert wird, ist westliche Politik der alten Bundesrepublik und wahlweise die Verbrechen der Stasi. Und das obwohl der Osten dem Westen seit 1989 viele positive Impulse gegeben hat – etwa bei der Frauenerwerbstätigkeit, der Kinderbetreuung oder der Bildung – wie der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, bei der Präsentation des Jahresberichts zur Lage der Deutschen Einheit bekräftigte. Im Verhältnis der vormals zwei deutschen Staaten müsste noch eine Menge Aufarbeitung geleistet werden. Eine Wiedervereinigung kann nur erfolgreich sein, wenn beide Parteien gleichberechtigt aufgenommen werden.

"Das Haus der Lehre" in Berlin

Mal ehrlich könnt ihr euch ein geteiltes Deutschland vorstellen? Könnt ihr euch vorstellen, dass manchen Grenzen nur unter massiven Sicherheitsauflagen übertreten darf? Dass man Verwandte nicht besuchen kann, weil sie auf der anderen Seite einer meterhohen Mauer leben? 

Wir kennen die deutsche Teilung und die DDR nur aus den Geschichtsbüchern und den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Wer da mal genauer hinhört, der dürfte erkennen, dass wir uns glücklich schätzen können, dass wir in einem gemeinsamen, freien und demokratischen Land leben können.

Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin.

30 Jahre Deutsche Einheit – was bleibt sind Klischees und nicht zu leugnende Differenzen in wirtschaftlicher und infrastruktureller Hinsicht. Beides wird sich wohl noch einige Jahre und Jahrzehnte halten, zu tief sind die Gräben, die die vormalige Trennung und Ideologisierung geschlagen hat. Und trotzdem ist unsere Generation diejenige, die die Chance hat diese Gräben zu überwinden. Wir brauchen Gespräche und Besuche (jeder 5. Westdeutsche war noch nie in Ostdeutschland), um uns als Generation kennenzulernen. Wenn wir die andere Perspektive und Geschichte nicht kennen, dann können wir unsere Vorurteile auch nicht abbauen. Wenn wir am 03.10. den Tag der Deutschen Einheit feiern, dann sollten wir das auch so meinen und dann sollte diese Einheit auch für alle erfahrbar sein. „Bürger erster und zweiter Klasse“ darf es dann nicht geben und daran müssen wir alle zusammen arbeiten.

Wer jetzt Lust bekommen hat, sich mit dem Osten auseinanderzusetzen, der könnte sich zum Beispiel mit folgenden Angeboten beschäftigen:

  1. Online-Quiz zu strukturellen Unterschieden des Statistischen Bundesamtes 
  2. Instagram-Account der 19-Jährigen Lilly Blaudszun, die selbst aus Mecklenburg-Vorpommern kommt und in Frankfurt an der Oder studiert. Sie berichtet in stories und posts vom Leben im äußersten Osten Deutschlands: @lillyblaudszun
  3. Instagram-Account des Architekten Martin Maleschka, der für seine Seite Kunstwerke der DDR fotografiert, die heutzutage immer weiter verschwinden: @baubezogenekunstderddr
Die Berliner Mauer

Mix