Postkarte mit der Aufschrift "Jesus is coming - look busy"
19.12.2019

Body + Soul

"Jesus is coming - look busy"

Eine Aufforderung zur Entschleunigung

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von Lioba Vienenkötter

An der Küchentür meiner WG kleben 75 bunte Postkarten. Es sind diese Karten, die in vielen Kneipen und Cafés in Postkartenständern gratis zum Mitnehmen angeboten werden. Diese Postkartensammlungen sind vermutlich DAS Wiedererkennungsmerkmal von Studierenden-WGs, dicht gefolgt von Weinflaschen-Kerzenständern. Unsere Küchentür ziert aber eine Karte, an der mein Blick immer wieder hängenbleibt. Auf der Karte steht „Jesus is coming – look busy“, im Zentrum sieht man den gekreuzigten Jesus. Die Karte ist an dieser Stelle sicherlich humoristisch zu verstehen. Aber sie ist ein guter Aufhänger für ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt: „Entschleunigung“.

Ehrlich gesagt, glaube ich, dass meine Eltern sehr lachen würden, wenn sie diesen Artikel läsen. Wenn man einen Blick in meinen Terminkalender wirft, kommt einem das Folgende vermutlich ziemlich heuchlerisch vor. Eigentlich ist jeder meiner Tage durchgeplant mit Pfadfinderterminen, Besprechungen, Freunden und ach, zur Uni gehe ich auch noch. Und ich bin mir sicher, dass viele eurer Kalender ähnlich aussehen.

Jeder Tag ist durchgeplant.

In den Medien, besonders auf Instagram, beobachte ich zwei vollkommen gegenläufige Bewegungen zum Konflikt zwischen busy-sein und Entschleunigung. Zum einen gibt es das Prinzip selfcare – am besten mit Gesichtsmaske, Duftkerzen und Netflix. Das inszenierte Chillen. Und zum anderen die Stories voller To-do-Listen, in denen man sich rühmt, wie viel man heute wieder geschafft hat. Ein besonders faszinierendes Phänomen sind die „Bullet Journaling“-Videos auf YouTube, in denen Terminorganisation mit Kreativität gleichgesetzt und ästhetisch vollkommen überformt wird. Ich frage mich da immer, wie viele von den eingetragenen Aufgaben erledigt werden könnten, in der Zeit, die dafür verwendet wird, die To-do-Liste auszuschmücken. (Ja, ich schaue mir diese Videos auch ziemlich gerne an und vielleicht bin ich nur neidisch darauf, dass mein Kalender nicht voller Mini-Illustrationen ist).

Irgendwie sehe ich sowas immer dann, wenn ich selbst im Bett oder auf dem Sofa rumliege und gerade so produktiv bin wie ein Backstein. Ich fühle mich in solchen Momenten beobachtet und verurteilt (ungefähr so wie auf der Postkarte angedroht). Dieses Gefühl entsteht ganz ungeachtet davon, wie viel ich selbst an dem Tag geschafft habe und unabhängig davon, ob mir überhaupt jemand ein schlechtes Gewissen bereiten wollte. Ich glaube, der Kern dieses Komplexes ist, dass wir das Gefühl haben, immer und ständig produktiv sein zu müssen - und schnell ein schlechtes Gefühl bekommen, wenn wir es mal nicht sind. Das kann man jetzt bestimmt auf die moderne Leistungsgesellschaft schieben. Ich weiß nicht, ob das viel bringt, vielleicht müssten wir das erstmal in unseren Köpfen klarziehen.

Jedem Menschen steht regelmäßiges Ausspannen zu. Man muss zwischendurch mal abschalten, um danach wieder kreativ und produktiv weitermachen zu können – egal ob auf der Arbeit, in der Ausbildung, der Schule, der Uni oder in der Freizeit, also zum Beispiel in der Jugendarbeit. Und das steht doch auch schon so in der Bibel:

„Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.“ (Gen 2,2 - 2,3)

Im Christentum ist der Sonntag als Ruhetag festgelegt. Gott räumt sich und den Menschen Zeit zum Ausruhen ein. Und ich denke, die sollten wir auch nutzen. Vielleicht kann man ja sogar hier und da mal ein bisschen Ruhe abzwacken und an anderen Tagen nutzen. Lasst uns den Alltag entschleunigen!

Mit Tee und Gebäck zur Ruhe kommen
Zuhause eine Kerze entzünden und für sich selbst still werden

Zu dieser Entschleunigung ruft doch gerade der anstehende Advent auf: Wir sollen uns besinnen und auf die Geburt Jesu vorbereiten. Der Spruch „Jesus is coming – look busy“ provoziert auf den ersten Blick eine Wachsamkeit, wie sie auch im Neuen Testament von den Jüngern gefordert wird, Jesus sagt da: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt!“ (LK 12,37). Auf den zweiten Blick wird aber ein Unterschied zwischen Wachsamkeit und busy sein deutlich: zwischen wachsam sein und beschäftigt aussehen. Ja, vielleicht hält busy sein sogar von religiöser Wachsamkeit ab.

Schließlich sind wir im Advent, in dem wir auf Jesu Geburt warten und uns auf sein Kommen vorbereiten sollten, meistens besonders beschäftigt: eine Weihnachtsfeier von jedem Verein, mit den Kollegen und den Freunden, Geschenke besorgen, Plätzchen backen und und und. Ihr kennt das. Vielleicht wäre es manchmal gar nicht so verkehrt, wenn wir uns von der Postkartenansicht lösen würden und den Advent etwas entschleunigen würden. Ich denke, dass man sich auch mit Stille und Reflexion ganz gut beschäftigen kann. Dabei hat jeder Mensch bestimmt ganz eigene Strategien zur Entschleunigung gefunden. Ich zum Beispiel bin nie so entspannt wie wenn ich bei meinem Bruder auf dem Teppich liege und mit ihm Schallplatten höre. Es dürfte für euch nichts Neues sein, aber gerade Gottesdienste und Andachten sind eine gute Gelegenheit, um den Alltag mal außen vorzulassen und sich auf Gott zu besinnen. Man könnte genauso gut alleine die Kirche besuchen und dort oder auch bei sich Zuhause eine Kerze entzünden und für sich selbst still werden. Ich finde, dass nichts so meditativ und beruhigend wirkt wie eine Kerzenflamme. Egal für welche Variante man sich entscheidet, man muss sich gezielt Zeit für solche Momente der Entschleunigung nehmen, ansonsten kommt man doch nicht dazu. Im Zweifelsfall würde ich empfehlen, die Zeit der Ruhe genauso in den Kalender einzutragen wie andere Termine auch. Denn das sind sie ja schließlich – Termine mit sich selbst und Gott.

Und die bereiten uns vielleicht besser auf Weihnachten und den Jahreswechsel als der vierte Weihnachtsmarktbesuch. Obwohl Glühwein natürlich auch sehr inspirierend sein kann. Kurzzeitig zumindest…

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