Wir sprechen mit Friedrich Regener über die Bedeutung der Heiligen für unser Leben.
29.01.2021

Faszination

„Coole“ Heilige, alte Reliquien

Ein Interview über Heilige – Vorbilder und ganz reale Menschen

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von Lioba Vienenkötter

Friedrich Regener ist 24 Jahre alt und Priesteramtskandidat für das Erzbistums Paderborn. Er ist „ganz normal katholisch aufgewachsen“, war Messdiener und Sternsinger, übernahm außerdem den Lektorendienst und saß schon mit 17 im Pfarrgemeinderat. Nach dem Abitur machte er zunächst eine Banklehre und nahm dann sein theologisches Studium auf.

Friedrich meldete sich zu meinem kritischen Kommentar, den ich im November über Carlo Acutis Seligsprechung verfasst habe. Heute sprechen wir über die Bedeutung, die Heilige in unserem modernen Leben haben können.

Friedrich Regener ist Priesteramtsanwärter für das Erzbistum Paderborn.

Friedrich, welcher Heilige hat dich heute schon bewegt?

Der heilige Pfarrer von Ars, der Patron der Pfarrer, der auch im Studium eine coole Richtgröße ist. Weil vom heiligen Pfarrer von Ars überliefert ist, dass er nicht der Hellste war, der massive Probleme hatte Latein zu studieren. Und er hat es trotzdem zu einem der großen Heiligen gebracht.

Mich bewegen verschiedene Heilige: Der heilige Benedikt, der Begründer des abendländischen Mönchtums: Ohne die Benediktiner hätten wir Quellen (wie z.B. die Benediktsregel), die auch heute noch genutzt werden, gar nicht. Die Art und Weise des strukturierten Lebens der Mönche prägt unseren Rhythmus mitunter bis heute. Petrus ist auch eine Gestalt, die uns ganz nah sein kann: Er gibt voller Eifer alles, fällt in der Szene auf dem See doch in das Wasser – und wird von Jesus herausgezogen. Viele kennen Phasen im Leben, in denen sie über das Ziel hinaus geschossen sind und doch ist Gott an unserer Seite. Dazu kommen die Heiligen unserer Zeit – zum Beispiel Johannes XXIII., der sagte, er wolle ein Dorfpfarrer sein und der jeden Tag dafür betete ein heiliger Priester zu werden. Oder Pius XII., der aus politischen Gründen (z.B.: wegen der unterschiedlichen Beurteilung seiner Haltung zum Nationalsozialismus) nicht heiliggesprochen wird.


Und sehr vertraut ist mir als gebürtigem Dortmunder Bruder Jordan. Da ist das Verfahren zum heroischen Tugendgrad schon durch, aber es fehlen die Wunder. Das passt hervorragend zu Bruder Jordan, denn der hat sich immer große Mühe gegeben im Verborgenen zu wirken.

Was ist der heroische Tugendgrad?
Wenn eine Person heiliggesprochen werden soll, sind verschiedene Verfahren möglich. Eines davon ist die Anerkennung des heroischen Tugendgrades. Dazu muss festgestellt werden, dass er die theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) sowie die Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit) in außerordentlicher Weise gelebt hat. Zudem ist ein Wunder notwendig, das auf die Anrufung des Kandidaten hin geschehen ist.

Der heilige Franziskus von Assisi

Für jemanden, der zu Lebzeiten schon im Verborgenen wirkte, braucht es vielleicht noch ein bisschen Zeit bis Wunder geschehen. Das Heiligsprechungsverfahren ist sicherlich nicht ohne Grund so aufwendig und langwierig.

Genau, aber es gibt auch Ausnahmen, wie Franz von Assisi oder auch Johannes Paul II. Johannes Paul II hat schon zu Lebzeiten viele Menschen, vor allem junge, fasziniert. Bei seiner Beerdigung haben viele Gläubige seine Heiligsprechung gefordert. Gleichzeitig erleben wir grade vor dem Hintergrund der Missbrauchskrise, dass massive Anfragen an den Heiligsprechungsprozess von ihm gestellt werden: ist während des Prozesses der Umgang mit Missbrauchsfällen ausreichend untersucht worden? Oder ging es vielleicht zu schnell?

Du nennst den Pfarrer von Ars eine „coole Richtgröße“. Cool ist nicht unbedingt ein Adjektiv, das ich mit Heiligen verknüpfen würde…

Heilige sind ja nicht abstrakt. Ein Heiliger ist ein ganz realer Mensch: der hat sich auch die Hände gewaschen und die Zähne geputzt. Wir haben Heilige aus allen gesellschaftlichen Ständen: Priester und Ordensleute natürlich, aber auch normale Eheleute, Kinder, Jugendliche, Alte. Da ist für jeden etwas dabei, das ist doch herausragend.

Das entspricht dem, was Papst Franziskus 2019 anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Heiligsprechungskongregation sagte. Denn er sagte, Heilige seien keine unerreichbaren Menschen, sondern uns nahe.


Ich habe einmal von einem Priester gelesen, der sagte Heilige seien wie Sherpas, die Bergführer im Himalaya. Sagen wir Gott ist der Berg, der Mount Everest – und ich will auf den Berg. Dann habe ich die Sherpas, bei denen ich mir sicher bin, dass sie den Weg kennen. Mit denen komme ich zu Gott. Dann wähle ich einen Sherpa aus, dem ich vertraue. Diesen Vergleich fand ich ganz treffend.

Nun haben gerade Johannes Paul II und Franziskus besonders viele Menschen heiliggesprochen. Entspricht das dem Wunsch der Gläubigen? Brauchen wir mehr Heilige?


Ich glaube nicht, dass die Menschen heute heiliger sind als in den Jahrhunderten vorher. Ich habe aber den Eindruck, dass wir heute mehr Wert auf Beispiele und Vorbilder legen. Vielleicht ist das ein Grund. Vielleicht liegt es auch an der medialen Vernetzung. Oder daran, dass heute mehr Geld da ist. Ein Heiligsprechungsprozess kostet schließlich viel Geld.

Gerade für Außenstehende, aber auch für einige Katholikinnen und Katholiken wirkt vor allem die Reliquienverehrung antiquiert. Liegen die Menschen da einfach falsch oder gibt es modernere Varianten der Heiligenverehrung?

Durch eine Reliquie kann ich mich einem Heiligen verbunden wissen, denn er ist auch physisch da. Ich will mal ein ganz säkulares Beispiel geben: Vor drei Jahren ist meine Oma gestorben. Wir haben gemeinsam die Wohnung ausgeräumt und jedes Familienmitglied hat sich einen Gegenstand ausgesucht, den er besonders mit meiner Großmutter verbunden hat. Das waren allen unglaublich wichtig. Wenn wir von der Perspektive rangehen, wird die Reliquienverehrung etwas einleuchtender. Natürlich sind die Heiligen nicht die eigenen Großeltern, aber sie sind unglaublich bedeutsam für uns. Wir brauchen nicht nur rein abstrakte Vorbilder, wir wollen uns etwas vor Augen führen können.


Die Heiligenverehrung zeigt sich auch in der Verehrung von Statuen.

Zumal der Glauben häufig etwas nicht Greifbares oder Sichtbares ist.

Genau, so erkläre ich mir die Reliquienverehrung zumindest. Das ist natürlich manchmal makaber. Vor allem wenn es um Leichen in Glassärgen geht, wie bei Carlo Acutis oder Johannes Paul XXIII im Petersdom. Aber auf den zweiten Blick müssen Heilige nun einmal notwendigerweise tot sein und das ist die Vergegenwärtigung dessen. Analog dazu gibt es Orte wie die Grabeskirche oder die Geburtsgrotte in Jerusalem. Auch hier können wir uns verbunden wissen. Oder gerade in der Marienverehrung die Statuen und Bilder wie in Werl oder Kevelaer. Das bedeutet den Menschen einfach viel. Und das ist nicht immer rational erklärbar.

Was würdest du gerade jungen Menschen, die sich noch nicht mit Heiligen auseinandergesetzt haben, raten? Wie findet man den Zugang, wenn man jetzt neugierig geworden ist?

Man kann einen Jahresheiligen ziehen, das geht ganz einfach online. Das ist eine Chance, sich mit einem zugelosten Heiligen auseinanderzusetzen. Alternativ kann man sich natürlich mit dem eigenen Namenspatron beschäftigen. Das kann auch sehr inspirierend sein.

Wo begegnen Heilige dir im Alltag?

Hinten im Stundenbuch gibt es einen Kalender, in dem die Heiligengedenktage verzeichnet sind. Wenn ich morgens Laudes bete, dann schaue ich, welcher Gedenktag heute ansteht. Und wenn ich jemanden kenne, der den entsprechenden Namen trägt, dann schreibe ich schnell eine Nachricht und gratuliere zum Namenstag. Und zack wieder eine Gelegenheit, um über die Kirche und den Glauben zu sprechen.

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