„Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.” So beginnt es, das berühmte Tagebuch der Anne Frank.
09.11.2020

Faszination

Anne Frank - ein ganz normales Mädchen?

"Weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube" - so schrieb Anne Frank im Juli 1944 in ihrem weltberühmten Tagebuch - nachdem sie sich schon zwei Jahre auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Hinterhaus eines Lagerhauses versteckte. Sie war ein besonderes und starkes Mädchen, das gerade heute unsere Aufmerksamkeit verdient.

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von Lioba Vienenkötter

Heute vor 82 Jahren, am 09. November 1938, brannten in ganz Deutschland Synagogen, Mitglieder der SS und SA zerstörten jüdische Geschäfte und Wohnungen und misshandelten jüdische Bürger. Weit mehr als 1.300 Menschen starben, mit mindestens 1.400 wurden über die Hälfte aller Synagogen oder Gebetshäuser in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder ganz zerstört. Es war die erste größere öffentliche Ausschreitung der Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung. Den heutigen Jahrestag sollten wir nutzen, um einen Blick zurückzuwerfen und ein junges Mädchen zu Wort kommen zu lassen, das die Schrecken des Nationalsozialisten am eigenen Leib erfahren musste.

 „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.” So beginnt es, das berühmte Tagebuch der Anne Frank. Es erzählt die Geschichte von einem jungen Mädchen, dessen Namen vermutlich jeder kennt. Und das vollkommen zurecht, denn Anne Franks Tagebuch ist nicht nur ein wichtiges Zeugnis des Holocausts, sondern auch eine Geschichte, die uns auch heute noch einiges für unser Miteinander lehren kann. Doch beginnen wir am Anfang.

Anne Franks Leben, geboren am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main, verlief bis 1933 ganz beschaulich. Dann, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wanderte die jüdische Familie in die Niederlande, genauer gesagt nach Amsterdam, aus. Bis zu Ihrem elften Lebensjahr wuchs Anne dort sicher und unbeschwert auf. Sie besuchte die Montessori-Schule, fast die Hälfte ihrer Klasse kam aus jüdischen Familien, viele von ihnen aus Deutschland.

1940 besetzte die Deutsche Wehrmacht die Niederlande – und für Familie Frank brachen schwere Zeiten an. Zahlreiche Gesetze erschwerten das Leben für die jüdischen Bürgerinnen und Bürger. So musste Anne Frank, wie alle jüdischen Kinder, auf eine gesonderte jüdische Schule wechseln. 1941 kam es zur ersten großen Razzia in Amsterdam und zu den ersten Deportationen von Juden und Jüdinnen; im November 1941 verlor die Familie Frank die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde staatenlos; ab 1942 mussten sie einen gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen.


Foto von Anne Frank, aufgenommen von ihrem Vater.

Am 5. Juli 1942 erhielt Margot Frank den schriftlichen Befehl, sich zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden. Für die Eltern war klar, dass sie diesem Aufruf nicht folgen soll. Deshalb tauchte die ganze Familie am nächsten Tag unter, und zwar im Hinterhaus der ehemaligen Firma von Otto Frank. Seit geraumer Zeit hatten sie dies bereits vorbereitet und Möbel, Geschirr und Annes geliebte Filmstarsammlung dorthin gebracht. Getarnt wurde die Eingangstür zur Wohnung durch ein drehbares Bücherregal.

»Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann, dass wir niemals hinausdürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden. Das ist natürlich eine weniger angenehme Aussicht.«

Das Tagebuch der Anne Frank, 28. September 1942

Das Zusammenleben im Hinterhaus dokumentiert Anne Frank in ihrem Tagebuch sehr eindrücklich. Sie hält den Tagesablauf fest, berichtet von alltäglichen Streitigkeiten und verfasst eine humoristische Hausordnung für alle Bewohner. Besonders schön beschreibt eine von vielen Geschichten, die zusätzlich zum Tagebuch erhalten geblieben sind und die den Titel „Die Pflicht des Tages in der Gemeinschaft: Kartoffelschälen!“ trägt, die Stimmung des Zusammenlebens.

Anne Frank hatte durchaus schriftstellerische Ambitionen. Auch wenn sie das Tagebuch, das sie zu ihrem 13. Geburtstag geschenkt bekam, zunächst für sich selbst schrieb, wusste sie früh, dass sie ihre Aufzeichnungen nach Ende des Krieges veröffentlichen wollen würde.  

»Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale, meine Phantasien.«

Das Tagebuch der Anne Frank, 5. April 1944

Eine Schulfreundin von Frank, Jacqueline van Maarsen, sagte in einem Interview dem WDR: „Ich denke immer, dass Anne es toll gefunden hätte, dass sie so berühmt geworden ist. Andererseits ist das aber auch ein sehr trauriger Gedanke.“

Das Tagebuch wird für Anne Frank zur Ersatz-Freundin.

Mai 1944. Der niederländische Kulturminister befindet sich in London im Exil. Über den geheimen Radiosender „Oranje“ rief er die Bevölkerung dazu auf, Tagebücher und andere Dokumente aus der Kriegszeit aufzubewahren. Daher kam Anne Frank auf die Idee, ihre losen Tagebücher zu einer fortlaufenden Geschichte umzuarbeiten, die den Titel „Het Achterhuis“ (Das Hinterhaus) tragen sollte.

Soweit der nötige historische Background. Für mich ist das Besondere an Anne Franks Tagebuch, dass es das Tagebuch einer Jugendlichen ist. Klingt simpel, ist es aber nicht. Es ist ein Tagebuch voller Intimität und Ratlosigkeit, voller Wut, Liebe und Reflexion. Anne schreibt von Themen und Problemen, die wir alle kennen: vom Streit mit ihren Eltern, vom Gefühl, nicht verstanden zu werden, vom Alleinsein, von der ersten großen Liebe und der zweiten, vom ersten Kuss, von Selbstzweifeln und der Frage „was passiert gerade mit mir?“.

Wenn wir Annes Tagebuch lesen, können wir ihr Schritt für Schritt beim Erwachsenwerden zuschauen: Wir lesen zunächst Beschwerden über Klassenkameradinnen und vom täglichen Streit mit der Mutter. Mit der Zeit werden Annes Einträge reflektierter, sie denkt über ihr Verhalten und das der anderen Hinterhaus-Bewohner nach, sucht nach Erklärungen für die Unstimmigkeiten im Zusammenleben. Und sie schreibt über politische Themen, hinterfragt gesellschaftliche Probleme, wie zum Beispiel die Rolle der Frau.

»Frauen sollten auch respektiert werden. Im Allgemeinen werden Männer in allen Teilen der Welt hoch geschätzt, warum haben Frauen nicht ihren Anteil?«

Das Tagebuch der Anne Frank, 13. Juni 1944

Die Veröffentlichung ihres Tagebuchs durfte Anne Frank nicht mehr erleben. Die Eintragungen ins Tagebuch enden am 1. August 1944. Drei Tage später, am 4. August 1944, wurden die Bewohner des Hinterhauses von Polizisten entdeckt und verhaftet. Über das Durchgangslager Westerbork verschleppten die Nazis die Untergetauchten in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ungefähr 350 Menschen aus Annes Transport wurden gleich danach in den Gaskammern ermordet. Anne wurde mit Margot und ihrer Mutter in das Arbeitslager für Frauen geschickt. Otto Frank kam in ein Männerlager. Anfang November 1944 wurde Anne mit Margot in das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Hannover deportiert. Dort starben Margot und Anne Frank Ende Februar 1945, wenige Wochen vor der Befreiung des KZ, an Typhus. Ihr Todestag ist unbekannt.

Anne Franks Geschichte ist eine der bekanntesten Lebensgeschichten der jüngeren Weltgeschichte. Und gleichzeitig nur eine von vielen traurigen Geschichten des Holocausts. Anne Frank und ihr Tagebuch begegnen uns in der Schule, in der Erinnerungskultur, im Film, im Theater, in Ausstellungen. Anne Franks Geschichte berührt uns wie kaum eine andere. Ein junges Mädchen, das zum Symbol für viele Millionen Holocaustopfer wurde. Und gleichzeitig ein junges Mädchen, das eben genau das ist: Ein junges Mädchen mit Problemen, die wir alle gut nachvollziehen können. Jeder findet ein bisschen von sich in Annes Erzählungen wieder.

Am 4. August 1944 wurden die Bewohner des Hinterhauses von Polizisten entdeckt und verhaftet. Sie wurde in das Konzentrationslager Ausschwitz gebracht, dessen Tor man auf dem Foto sieht.

Doch nicht nur deshalb gehört das Tagebuch zu den wertvollsten Zeugnissen, die wir aus der Vergangenheit überliefert haben. Das Tagebuch strahlt auch eine ur-christliche Hoffnung aus – die Hoffnung auf Rettung. Denn eigentlich lebten Anne Frank und ihre Familie über zwei Jahre lang versteckt und gefangen ohne Aussicht auf Besserung. Doch trotz all der Einschränkungen und obwohl Anne sich oft einsam fühlte, blieb sie positiv. So schrieb sie am 15. Juli 1944: "Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube."

Nelson Mandela, der südafrikanische Freiheitskämpfer, der 1964 auf der Gefängnisinsel Robben Island gefangen gehalten wurde, fasst die Lehre, die wir auch heute noch aus Anne Franks Tagebuch ziehen können, sehr treffend zusammen: „Manche von uns haben Anne Franks Tagebuch auf Robben Island gelesen und Mut daraus geschöpft. Es gab uns Kraft und stärkte unser Vertrauen in die Unbesiegbarkeit von Freiheit und Gerechtigkeit.”

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