So intensiv hätten sich Bartu Dev und Vincent Peters ihren Freiwilligendienst nicht vorgestellt. Die beiden sind 19 und machen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in katholischen Krankenhäusern im Sauerland und in Paderborn. Sie bereiten Visiten vor, öffnen Verbände, geben Essen aus, begleiten Patientinnen und Patienten zur Toilette, machen Körperpflege, messen Blutzucker und Vitalparameter.
Beide wollen im FSJ Einblicke in die Praxis sammeln – und sich aufs Auswahlverfahren des Medizinstudiums vorbereiten. Doch was sie nicht erwartet haben: Wie sehr sie im Krankenhaus gebraucht und gefordert werden. Wie viel Verantwortung für andere sie tragen. Und wie sehr der Körper auf dauerhaften Stress reagieren kann.
Was Bartu und Vincent seit August 2025 in ihrem elfmonatigen FSJ im Krankenhaus gelernt haben, reflektieren sie im Juli beim Abschlussseminar ihres Freiwilligendienstes (in Trägerverantwortung des IN VIA Diözesanverbands Paderborn) im Jugendhaus Hardehausen. Als sie dann von ihren Erlebnissen erzählen, hört kein geringerer als Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz zu. Er interessiert sich dafür, was die jungen Menschen in den Freiwilligendiensten in katholischen Einrichtungen erleben.
Bartu und Vincent skizzieren ihm kurz, was ihre Aufgaben sind. Kurz zusammengefasst: „Die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zu erfüllen.“ Schnell kommt ein Aber. Bartu sagt: „Man versucht, es jedem recht zu machen, aber aufgrund des Fachkräftemangels geht das nicht.“
Beispiel gefällig? Bartu erzählt, dass er an manchen Wochenenddiensten, in denen viel los ist, zusammen mit einer examinierten Pflegefachkraft für 20 oder 30 Menschen auf der Station zuständig ist.
Vincent nickt. Er kennt solche Situationen. „Ich hätte erwartet, dass ich deutlich weniger Verantwortung habe“, sagt er. „Wenn du ein halbes Jahr dabei bist und dich als FSJler bewiesen hast, wirst du als kleine Fachkraft eingesetzt.“
Verantwortung zu übernehmen ist für die beiden natürlich nicht völlig neu. Auch in der Schule tragen sie die Verantwortung dafür, wie viel sie für ein Fach lernen. „Aber der Stress in der Schule ist viel theoretischer“, sagt Vincent. „Es hat alles nur Auswirkungen auf dich. Aber im Krankenhaus hat alles, was du tust – und sei es nur der Gang zur Toilette – Auswirkungen auf das Leben eines anderen Menschen.“
Bartu ergänzt: „Im Krankenhaus ist auch die Sache, dass man viele Aufgaben auf einmal bekommt. Da musste ich die Fähigkeit entwickeln, mir alles merken und alle Aufgaben erfüllen zu können, um in der Hektik nichts zu vergessen.“
Die beiden hat auch überrascht, wie viel Verantwortung die Pflegekräfte für die Patienten und die Dokumentation übernehmen. „Da wusste ich nicht, dass in der Pflege so viel im Hintergrund abgeht“, sagt Bartu.
Der Verantwortung und dem Druck im FSJ können die beiden sowohl gute als auch schlechte Seiten abgewinnen.
Positiv ist, dass sie so extrem viel dazulernen können. Sowohl fachlich als auch persönlich. Vincent sagt: „Diesen Reiz und Stress finde ich auch geil. Ich muss unter Druck neue Aufgaben machen, Leistung abrufen. Das bietet mir große Möglichkeiten, mich selbst zu entdecken und zu entwickeln.“ Er weiß: Auch im Studium wird er mit Aufgaben umgehen müssen, die komplett neu sind. „Da habe ich im FSJ gelernt: Okay, das ist viel auf einmal, aber ich kann das schaffen.“
Auch Bartu hat es gereizt, mit viel Verantwortung umgehen zu lernen. Doch er sagt: „Ich habe auch erlebt, dass sich dauerhafter Stress auf meinen Körper auswirkt.“
Bartu erzählt davon so: „Vor zwei Wochen lag ich selbst mit einer neurologischen Migräne im Krankenhaus. Ich bin nachts ins Zimmer meiner Eltern gegangen und wollte denen sagen, dass ich Kopfschmerzen habe, aber ich konnte die Sätze nicht aussprechen. Ich konnte auf einmal nicht mehr sprechen.“
Seine Eltern fahren mit ihm in die Notaufnahme, Bartu wird stationär aufgenommen und medikamentös behandelt. Nach einem Tag hat er keine Schmerzen mehr, kann wieder sprechen.
„Das war sehr wahrscheinlich eine Reaktion auf Dauerstress“, sagt er. Und: „Es war nicht nur die Arbeit, die mich gestresst hat. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich so jung an einen Punkt komme, an dem ich mein Limit kennenlerne.“
Bartu und Vincent können sich nicht vorstellen, später in der Pflege zu arbeiten. Aber das FSJ hat ihre Begeisterung für die Medizin weiter gepusht.
Erstens, weil sie fachlich schon viel dazulernen konnten, wenn Verbände gewechselt, Röntgenaufnahmen besprochen oder Operationen geplant wurden.
Zweitens, weil sie schon viele Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte kennengelernt und sich ein erstes Netzwerk aufgebaut haben.
Drittens, weil sie eine soziale Kompetenz entwickelt haben, weil sie auf unterschiedliche Typen von Menschen im Krankenhaus reagieren mussten.
Und viertens, weil sie das Gefühl kennenlernen durften, etwas zu tun, was anderen helfen kann. Zum Beispiel als es einem Patienten mit Tumor in der Lunge nach einer Woche wieder besser ging und er nach Hause konnte. Oder als im OP durch einen Kaiserschnitt ein neues Menschenleben auf die Welt kommen konnte. „Da hatte ich Gänsehaut“, sagt Bartu.