Mutig: Ein Mann steht auf einem hohen Berg
18.08.2022

Andacht

Wer tapfer ist, überwindet Angst

Was es bedeutet, tapfer zu sein - und mutig zu handeln

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von Peter Jochem

Tapferkeit? Wenn ich das Wort höre, denke ich an einen Spruch, den du vielleicht auch noch aus deiner Kindheit kennst: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“. Ich hoffe, dass dieser Satz heute nicht mehr so häufig fällt. Einerseits, weil der Begriff "Indianer" die indigenen Völker diskriminieren könnte. Andererseits, weil Sprüche wie dieser uns bloß mahnen, keine Schwäche zu zeigen. Nicht angreifbar zu sein.

Ich merke selbst: Solche Sätze prallen nicht einfach an uns ab. Sie dringen in das Innerste ein und steigen in uns auf. Die kritischen Stimmen, die in uns wohnen, übernehmen sie, damit wir vermeintlich taff durchs Leben gehen.

Was kann da Tapferkeit im guten Sinne sein?

Tapferkeit in der vorchristlichen Antike

Achilles auf einem Streitwagen - ein Symbol für Tapferkeit?

Wenden wir den Blick in die vorchristliche Antike. Hier könnte sich das Verständnis von Tapferkeit im Sinne eines „Bloß nicht meine Wunden und Schwächen zeigen“, bestätigen. Andreia ist das griechische Wort für Tapferkeit. Direkt übersetzt:  Mannhaftigkeit.

Eine Tugend, mit der schon in der Ilias Kriegshelden beschrieben werden, die auch in aussichtslosen Kämpfen ihre Kühnheit und ihren Wagemut unter Beweis gestellt haben.

Was Platon und Aristoteles unter tapfer verstehen

Aber schon Platon und Aristoteles verstehen Tapferkeit anders. Nicht mehr als Draufgängertum, sondern viel mehr im Dienst des Guten. Letztlich soll Tapferkeit dazu führen, dass sich das Gute durchsetzt. Und das in einer Welt, die so verletzlich ist, weil Menschen um Macht ringen. Wer tapfer ist, nimmt also in Kauf, für das Gute verletzlich zu sein, ohne sich dabei als Opfer zu stilisieren. Aristoteles stellt sie gar unter die Kontrolle der Besonnenheit.

Dies bekommt mit dem Christentum nochmal eine besondere Wendung. Jesus selbst wirkt in vielen Situationen mutig. Denk nur daran, dass er selbst den Weg bis ans Kreuz geht. Aber nicht, ohne vorher Angst zu haben. Denk nur an die Stunde, die Jesus im Garten von Getsemani erleidet: Er ist so sehr von Angst gepeinigt, dass es ihm das Blut aus den Poren seiner Haut treibt.

Wer tapfer ist, überwindet Angst und Furcht, weil man zu leiden bereit ist. Weil man sich in Gemeinschaft mit Gott und den Seinen weiß. Darum sagt der Heilige Ambrosius: „Tapferkeit darf sich selbst nicht trauen“ (De officiis I,33).

Tapfer, aber nicht ohne Angst

Weil Jesus tapfer ist, kann er seiner Sendung nachkommen. Seine Aufgabe ist, dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben (vgl. Joh 3,15). Jesus kommt also in eine Welt, die zum Tode verurteilt ist. Und er macht sich selbst zu Tode verwundbar, um uns so vom Tod zu heilen.

Jesus erfüllt, was von Platon und Aristoteles erkannt wurde: Tapferkeit ist kein Wert für sich, sondern steht im Dienst des Guten. Christlich gesehen ist das Gute das Leben in Fülle, das es letztlich nur in Gott gibt.

Tapfer ist also der Mensch, der Jesus nachfolgt. Lass dich von ihm inspirieren und nimm seine helfende Hand an.
Tapfer ist also der Mensch, der Jesus nachfolgt. Lass dich von ihm inspirieren und nimm seine helfende Hand an.

Christlich tapfer sein - so kann's gehen

Wie kann ich also Tapferkeit christlich verstanden leben? Ich denke: Indem ich meine Verwundung und Verwundbarkeit aktiv annehme und nicht nur passiv erleide. Nur, wenn wir lernen, mit unseren Schwächen umzugehen, können wir in eine gesunde Selbstliebe hineinreifen.

Eine Selbstliebe, die uns auch zur Nächstenliebe befähigt. Ich kann meine Wunden also geradezu mit Christus vereinen, damit alle, die ihm der Vater aus der Welt gegeben hat, das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 17).

Tapfer ist wer, der Jesus nachfolgt. Wer aktiv danach strebt, ihm ähnlich zu werden. Hier liegt für uns die Kraftquelle, um mit aller Bedrohung, Furcht, Angst und der damit verbundenen Verwirrung umzugehen.

Es verleiht die Kraft, das hinzunehmen, was ich nicht ändern kann und mich mutig für das einzusetzen, was ich ändern kann. Mit dem Blick auf den Herrn wächst dann auch die Weisheit heran, das Eine von dem Anderen zu unterscheiden. Und die Kraft, die Herausforderungen in der Gemeinschaft mit Christus und all denen, die zu ihm gehören (Kirche), zu überwinden.

Gebet um Tapferkeit

Vielleicht kennst du das Gebet um Gelassenheit, das Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird. Viele kennen jedoch nur den ersten Teil. Nimmt man den weniger bekannten zweiten Teil hinzu, klingt es wie ein Gebet um Tapferkeit. Vielleicht kannst du es in den nächsten neun Tagen zu deinem Gebet machen und so eine Novene halten. Hier die Worte mit denen du zu deinem Gott um Tapferkeit beten kannst:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
Diese sündige Welt anzunehmen, wie Jesus es tat,
und nicht so, wie ich sie gern hätte.
Zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst,
wenn ich mich Deinem Willen hingebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge
und im nächsten für immer überglücklich mit dir.
Amen.


(Reinhold Niebuhr)

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