Finn Heine ist Landwirt aus Dorfwelver im Kreis Soest.
Finn Heine ist Landwirt aus Dorfwelver im Kreis Soest.
04.10.2019

Miteinander

Ein Landwirt, der Nähe schafft

Für Finn Heine ist Landwirt der wichtigste Beruf der Welt – zum Erntedankfest kritisiert er eine Kluft zwischen Verbrauchern und Landwirten

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von Tobias Schulte

Finn Heine blickt in die dunklen, warmherzigen Augen von drei Milchkühen. Sie beugen den Kopf zum Futter auf dem Boden, umschließen den Mix aus Mais- und Grassilage, Ackerbohnen und Stroh mit der Zunge und ziehen das Futter ins Maul. Der 20-jährige Landwirt erzählt, dass die Stallarbeit einer seiner Lieblingsaufgaben ist. Morgens, wenn gerade die Sonne aufgeht, läuft er durch den Stall und beobachtet, wie es den Tieren geht. „Es ist interessant, zu sehen, wie sich die Tiere verhalten“, sagt Finn Heine. Manche fressen, manche liegen entspannt, andere haben die Augen geschlossen. „Außerdem zeigt sich, welche Kühe sich mögen und welche gar nicht miteinander können.“

Durch den Stall zieht ein ordentlicher Wind, der den leicht säuerlichen Geruch der Silage in die Kleidung einziehen lässt. Der Stall mit 120 Milchkühen gehört zum Hof Bockholt in Welver-Dorfwelver im Kreis Soest – dem Heimatdorf von Finn Heine. Nur zwei Kilometer Luftlinie liegt Heines Elternhaus, ein ehemaliger Bauernhof. Für seinen Vater ist Landwirtschaft nur noch ein Hobby – Finn Heine dagegen macht sie wieder zum Beruf. Die Ausbildung zum Landwirt sowie ein Gesellenjahr hat er schon absolviert. Nun bildet er sich zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt weiter und arbeitet noch nebenbei auf dem Hof Bockholt.

Finn Heine mit einem Kälbchen.
Finn Heine mit einem Kälbchen.

Weniger, dafür größere Betriebe

Keine zwanzig Meter vom Stall entfernt ist ein Großaufgebot an Treckern dabei, dass die Kühe im Winter und im nächsten Jahr genug zu fressen haben. Zwei Gespanne von Traktor und Muldenkipper, die eine enge Landstraße fast ganz einnehmen, laden in einem Schub mehrere Tonnen gehäckselten Mais ab. Drei Trecker verteilen die Schnipsel in zwei Silos. Damit der Mais zu Maissilage wird, fahren die Trecker über den meterhohen Berg, um ihn zu einer festen Masse werden zu lassen. Willkommen in der modernen Landwirtschaft.

Der Hof gehört zu einem von 33.700 landwirtschaftlichen Betrieben in Nordrhein-Westfalen – Tendenz sinkend. Laut Statistischem Landesamt haben zwischen 2010 und 2016 mehr als 2.000 Betriebe dichtgemacht. Je weniger Tiere und Ackerland ein Landwirt hat, desto weniger lohnt sich die Arbeit. Deshalb ist im selben Zeitraum die Zahl der Betriebe mit 200 Hektar Ackerland oder mehr um 18 Prozent gestiegen. So hat auch die Familie von Finn Heine ihre Tiere verkauft und die Ackerflächen verpachtet. In Zukunft kann der 20-Jährige entweder auf einem großen Hof mitarbeiten oder es wagen, einen eigenen Betrieb aufzumachen.

Trecker fahren gehäckselten Mais in einem Silo fest.
Trecker fahren gehäckselten Mais in einem Silo fest.

Nach der dreijährigen Ausbildung und einem Gesellenjahr besucht er zurzeit die Fachschule für Agrarwirtschaft in Münster. Wenn er nachmittags um drei Uhr von der Schule wieder zuhause in Dorfwelver ist, gilt meistens: am Schreibtisch statt auf dem Feld ackern. Er lernt, wie sich ein Unternehmen solide führen lässt, wie Pflanzenschutzmittel gezielt eingesetzt werden können und was Kühe fressen sollten, um ihren eigenen Energiebedarf zu decken und täglich rund 30 Liter gute Milch zu geben.

Wir treffen Finn Heine in der Woche vor dem Erntedankfest, das am Sonntag, 6. Oktober, gefeiert wird. Auf manchen Feldern steht noch der Mais, zudem wachsen die Zuckerrüben noch. „Im Ackerbau hängt alles, was wir machen, mit dem Wetter zusammen“, sagt der 20-Jährige. „Da finde ich es schon wichtig, am Erntedankfest dankbar zu sein, dass etwas wächst – gerade in Dürrejahren wie 2018.“ Ihn selbst fasziniere es immer wieder, wenn die menschliche Arbeit und die Natur so zusammenspielen, dass es Früchte trägt. Er erklärt es anhand der Gerste, die momentan ausgesät wird: „Wenn man sich Mühe damit gegeben hat, das Land zu pflügen, und fein zu machen, die richtigen Wetterbedingungen abwartet und dass Getreide dann aus der Erde kommt – dann freut man sich.“

Wofür ist er persönlich dankbar? „Dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche“, antwortet der Landwirt. „Wir können zu jeder Tageszeit Lebensmittel einkaufen und müssen keinen Tag auf etwas verzichten“, sagt er. Dadurch, dass Lebensmittel im Supermarkt immer verfügbar sind, sei jedoch eine Kluft zwischen Verbrauchern und Landwirten entstanden. Die Anliegen der Landwirtschaft würden nicht mehr verstanden. Finn Heine möchte da gegensteuern.

120 Kühe stehen in einem Stall mit Melkroboter.
120 Kühe stehen in einem Stall mit Melkroboter.
Blick über einen Acker, auf dem Gras wächst.
Blick über einen Acker, auf dem Gras wächst.

Grünkohl im Sommer?

Jeden Samstag fährt er zu zehn bis 15 Kunden, um ihnen Gemüse zu verkaufen, um Nähe zum Verbraucher zu schaffen. Im Angebot hat er Kartoffeln, Kohlrabi und Tomaten, die er im eigenen Garten anbaut, sowie Gemüse von Landwirten aus Nachbardörfern. „Die Kunden schätzen, dass sie wissen, wo die Lebensmittel herkommen“, sagt Finn Heine. Da kann er auch darüber hinwegsehen, wenn er im Sommer gefragt wird, ob er Grünkohl, ein Wintergemüse, dabei hat.

Dorfkind – auf den 20-Jährigen trifft diese Bezeichnung voll zu. Finn Heine sagt: „Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Land zu leben.“ Er wünsche sich, dass irgendwann seine Kinder so wie er draußen spielen und mit der Natur aufwachsen können. Als zweiter Vorsitzender der Landjugend organisiert er Feste für das Dorf und marschiert in der Avantgarde des Schützenvereins. Er trägt Arbeitshose und Fleecejacke und fährt in einem alten silbernen Opel Vectra. Auf dem Heck des Wagens macht ein grüner Aufkleber deutlich: „Landwirtschaft dient allen“.

»Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.«

Genesis 2,15

Faszination wird in kleinen Momenten deutlich

Auch, wenn Finn Heine das selbst nicht so sagen würde, so arbeitet er doch leidenschaftlich an einem göttlichen Auftrag mit. Im Buch Genesis (2,15) heißt es: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“ Gott vertraut den Menschen die Erde an, damit sie mit den Potenzialen, die er in die Welt gelegt hat, arbeiten und sie stetig weiterentwickeln. Die Menschen „sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen“, wie es im ersten Kapitel des Buchs Genesis lautet.

So erkennt auch Finn Heine durchaus einen Auftrag Gottes in seiner Arbeit. Der Mensch sei nun mal „das schlauste Wesen“ auf der Erde und habe die Möglichkeit, andere Menschen zu ernähren. „Wir leben von der Welt und das verbraucht Ressourcen. Dann sollte man das, was man in der Ernte nimmt, auch der Erde zurückgeben und die Natur schützen.“

Die Faszination des Berufs wird für ihn in vielen kleinen Momenten deutlich – zum Beispiel, wenn Nachwuchs kommt. „Wenn eine Kuh kalbt, dann ist man unruhig, stet nachts auf und schaut nach dem Tier. Da kann man mal entnervt sein. Aber wenn das Kalb geboren wurde und gesund ist, dann gibt es keinen schöneren Moment. Da merke ich, dass ich das Richtige tue.“ Leicht nachvollziehen lässt sich das, wenn man die Kälber mit ihrem flauschigen Fell, der tapsigen Gangart und den Kulleraugen beobachtet.

Freilauf statt Kette

Auch, wenn Finn Heine seine Leidenschaft für die Landwirtschaft nicht sofort griffig formulieren kann – sie wird besonders deutlich, wenn er über das öffentliche Bild der Landwirtschaft spricht. Dann sagt er, dass die Landwirte von ihrer Arbeit leben müssten, jedoch viel weniger spritzten als früher, und, dass die fünf Kühe, die sein Opa früher hatte, angekettet waren, während die Kühe heute in großen, modernen Ställen selbstständig zum Melkroboter pilgern. Manchmal müsse er beim Ackern das Radio ausschalten, sagt Finn Heine. Er habe das Gefühl, dass bei Themen wie Tierwohl und Nitrat-Werten in der öffentlichen Diskussion auf Landwirte eingeschlagen werde. Zeit also, dass zum Erntedankfest auch wir Verbraucher an diejenigen denken, die für unsere Lebensmittel ackern!?

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