Aliénor Khalifé trägt eine goldene Kreuzkette um den Hals. Jeden Tag. Als Zeichen für ihren christlichen Glauben. Diesen offen zu zeigen, war für sie immer selbstverständlich. Doch seit sie in Deutschland lebt, wird dieses Selbstverständnis immer wieder hinterfragt.
Aufgewachsen ist sie im Libanon, einem Land, in dem etwa zwei Drittel der Bevölkerung muslimisch und nur circa ein Drittel christlich sind. Auf ihre sichtbare Kreuzkette wurde sie allerdings nur in Deutschland angesprochen.
„Ich habe in Leipzig und Rostock gewohnt. Ich wurde oft gefragt, wieso ich ein Kreuz trage“, erzählt Aliénor. Manche sagten ihr sogar: „Das macht man hier nicht. Das ist Privatsache.“ In ihrer Heimat sei das ganz anders: „Im Libanon hat jeder eine Religion – egal ob muslimisch oder christlich. So bin ich aufgewachsen. Als ich nach Deutschland kam, war es für mich schockierend zu erleben, dass manche gar nicht gläubig sind.“ Für Aliénor bleibt das auch nach über zehn Jahren in Deutschland ein Rätsel: „Ich verstehe nicht, wie Menschen ohne Glauben leben können.“ Glaube sei im Gegensatz zum Libanon hier oft keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber genau dieses Umfeld habe ihren persönlichen Glauben gefestigt. Es motiviere sie, als Christin sichtbar zu sein.
Aliénor kam mit 15 Jahren allein nach Deutschland. Eine große Herausforderung sowohl für sie als auch für ihre Familie. Doch der Wunsch ihrer Leidenschaft – der Musik – nachzugehen, war groß. Bereits mit 16 Jahren bekam sie die Chance, sich einen Platz als Jungstudentin an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig zu sichern. Auf das Bachelorstudium der Klaviermusik in Rostock folgte der Master in Musikpädagogik mit dem Schwerpunkt Klavier in Detmold, den sie 2023 abgeschlossen hat.
Aliénor ist maronitische Christin. Das ist eine Konfession, die den Gottesdienst in einem anderen Ritus feiert, den Papst aber als ihr Oberhaupt anerkennt. Im Libanon gehörte es für sie und ihre Familie selbstverständlich dazu, jeden Sonntag die Messe zu besuchen. In Deutschland änderte sich das zunächst. „Meine Mutter hat jeden Sonntag am Telefon gefragt: ‚Warst du im Gottesdienst?‘“, erzählt sie. Doch ihre Antwort war so gut wie immer: „Nein.“ Als Jugendliche allein die Initiative zu ergreifen und in die Kirche zu gehen, sei ihr schwer gefallen. „Ich war jung und hatte andere Dinge im Kopf. Vermutlich geht das vielen in dem Alter so“, sagt sie schmunzelnd. Bis zum Jahr 2020. Das Jahr, in dem sie von Rostock nach Detmold gezogen ist. Ihr Glaube war ein Teil von ihr geblieben und sie spürte, dass sie ihm wieder mehr Raum geben wollte: „Nach ein paar Jahren, in denen ich nicht so oft in der Kirche war, habe ich gemerkt, dass ich diese Gemeinschaft suche.“
In Detmold hat Aliénor diese Gemeinschaft gefunden. Die heute 28-Jährige wurde eines der ersten Mitglieder der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Bielefeld am Standort Lippe/Detmold. Studierende zweier Hochschulen, eine davon ist die Hochschule für Musik, gehören zu der lebendigen Gruppe. Die jungen Erwachsenen, die aus vielen verschiedenen Ländern kommen, treffen sich regelmäßig, feiern zusammen Gottesdienst, organisieren Benefizkonzerte und waren sogar beim Weltjugendtag in Lissabon dabei.
In der Gemeinde der Detmolder Pfarrkirche Heilig Kreuz ist Aliénor in eine Art „Kirchenfamilie“, wie sie es nennt, hineingewachsen. Am Anfang waren das lediglich ein paar Menschen, die zufällig immer in derselben Bank beim Gottesdienst saßen, erzählt sie. Fünf Jahre später ist daraus eine vertraute Gemeinschaft über drei Generationen geworden. Auch Paderborn ist für sie ein wichtiger Ort. Dort kommt sie gerne hin, um Freunde zu treffen und in den vielen schönen Kirchen der Stadt zu beten. „Glaube verbindet“, sagt Aliénor. Das spüre sie sowohl in der multinationalen Hochschulgemeinde als auch in der generationenübergreifenden Kirchenfamilie der Pfarrgemeinde.
Lediglich den Gottesdienst besuchen, mache jemanden nicht zwangsläufig zum guten Christen, findet Aliénor. Glaube sei mehr. Ihr ist es wichtig, ihn im Handeln sichtbar zu machen: „Ich versuche jeden Tag eine neue Sache zu lernen und eine gute Tat zu machen. Man bekommt immer mehr zurück, als man gibt.“ Glaube bedeute Werte leben, vor allem: einander Fehler verzeihen können – Versöhnung –, sei das Wichtigste.
Wirklich an ihrem Glauben gezweifelt, habe sie nie. Glaube ist für sie noch immer etwas Selbstverständliches. So wie sie es im Libanon erfahren hat. Im Gegenteil – manchmal fragt sie sich: „Mache ich genug? Könnte ich noch mehr machen?“ Besonders einander helfen und sich unterstützen, vor allem älteren Menschen, liege ihr am Herzen.
Glaube und Musik gehören für Aliénor untrennbar zusammen. Ihren Glauben in Worte zu fassen, falle ihr schwer. Aber: „Musik kann ausdrücken, was Wörter nicht schaffen.“ Seit vielen Jahren arbeitet sie als Musikerin: Sie spielt Konzerte, gibt Klavierunterricht, war studentische Hilfskraft und auch als Vertretungsorganistin in Detmold aktiv. Beides – die Musik und den Glauben – hat sie diesen Sommer an einen neuen Ort mitgenommen: in die Schweiz, die Heimat ihrer Mutter. Dort unterrichtet sie nun als Klavierlehrerin im Oberwallis und in Bern.
In der Schweiz freue sie sich darauf, in der neuen Gemeinde anzukommen, sich zu vernetzen und den Menschen mit ihrer Musik und ihrem Engagement Gutes zu tun. Denn eines ist für sie klar: „Ich brauche Kirche. Ein Leben ohne kann ich mir nicht vorstellen.“