Bruder René erklärt das Leben im Orden

Perspektive

Ein Mönch geht zur Gesamtschule

Bruder René Walke spricht mit Schulklassen über sein Leben als Franziskaner

Von Laura Konieczny

Feiern Mönche Partys? Dürfen sie Tattoos oder Piercings haben?  Tragen sie ihr Gewand immer, auch beim Einkaufen? Fragen wie diese stellt sich wohlmöglich manch einer, der über das Leben von Ordensleuten nachdenkt. Um sie zu beantworten, besucht Bruder René Walke regelmäßig Schulklassen. Wenn René Walke sein Zuhause verlässt, trägt er gern Jeans und T-Shirt. Sein Zuhause, das ist der Franziskanerkonvent in Dortmund. An einem sommerlichen Vormittag macht er sich auf den Weg zur Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen, um mit einer Schulklasse über sein Leben und den Glauben zu sprechen. YOUPAX hat ihn dabei begleitet.

Um kurz nach zehn Uhr morgens läutet die Schulglocke. Gemeinsam mit Religionslehrerin Ulrike Langenkamp betritt Bruder René den Raum. Vor ihm sitzen knapp 20 Jugendliche: der „gemischte Reli-Kurs“, bestehend aus Katholiken, Protestanten und Nicht-Bekennenden. Die Zehntklässler schauen ihn erwartungsvoll an. Er beginnt die Stunde mit einer Frage.

„Wer glaubt, dass es Gott gibt und dass er es gut mit uns meint?“, fragt er.

Ein Drittel der Gruppe meldet sich. „Ich glaube, dass wir alle von Gott geliebt werden“, sagt Bruder René und beginnt, zu erzählen. Davon, wie die katholische Kirche im Mittelalter kurzfristig den Blick für Gottes Liebe über Geldgier vergas. Davon, dass sich Franz von Assisi im Jahr 1200 dazu entschied, in Armut zu leben, anstatt wie zuvor als reicher Modezar und Ritter. Grund dafür war der Ruf Gottes, den er durch das Lesen im Alte Testament vernahm. Die jungen Erwachsenen lauschen den lebhaften Erzählungen des Bruders aufmerksam.

Auch er fand seinen Weg in die Berufung als Franziskaner durch die Bibel. Lange interessierte er sich neben seiner Arbeit als Krankenpfleger primär für Philosophie. Vor 14 Jahren, mit Anfang 20, las er zum ersten Mal im Evangelium.

Bruder René präsentiert sein Ornat
Bruder René präsentiert sein Ornat
2012 hat René seine ewige Profess abgelegt
2012 hat René seine ewige Profess abgelegt

 Schnell merkte er: „Sokrates hinterfragte alles, bis es nicht mehr weiterging. Das Neue Testament hingegen gibt mir Antworten, anstatt nur zu fragen.“ Die Botschaft von Jesu Auferstehung, nämlich: „Die Liebe ist unsterblich“, habe ihn tief berührt und schließlich dazu bewogen, einen neuen Lebensweg einzuschlagen.

Irgendwann spürt der Novize: Für immer oder gar nicht

Der Werdegang eines Franziskaners ist stets gleich. Mit dem Ordenseintritt beginnt das einjährige Postulat, quasi ein Hineinschnuppern in das Leben als Bruder. Darauf folgen die Ausbildung, das zweijährige Noviziat, sowie das Juniorat mit einer „Profess“, einem Gelübte für je ein weiteres Jahr, bis der Anwärter irgendwann spürt: „Für immer oder gar nicht“.

„Ich selbst bin 2003 in den Orden eingetreten und habe 2012 meine ewige Profess abgelegt“, so René Walke. In den vergangenen 14 Jahren lebte er in acht verschiedenen Städten und arbeitete zuerst in einem Altenheim und in einer Suppenküche, bevor er nach dem Noviziat sein Abitur nachholte und Theologie studierte. Seit 2016 ist er Vikar in der Pfarrei St. Franziskus in Dortmund, arbeitet dort als Gemeindepfarrer, Religionslehrer und kümmert sich um die Jugendarbeit.

Dabei trage er das markante, braune Gewand der Franziskaner nicht immer, erklärt er und zieht seine Robe währenddessen an. Was heute braun ist, war einst grau und aus Flicken zusammengenäht, weil Farbe im Mittelalter teuer war.

Der Eselsstrick um die Hüfte erinnert bis heute daran, dass die Menschen im Mittelalter ihren Geldbeutel am Gürtel trugen. Eine Kapuze schützt vor Regen. Zum Einkaufen bei schlechtem Wetter trage er den Habit trotzdem nicht immer, in der Gemeinde meistens schon.

Nach seinem Input stellt sich Bruder René den Fragen der 16-Jährigen. „Ihr könnt alles fragen, was ihr wissen möchtet“, betont er. „Heißt Ehelosigkeit: Da geht gar nix?“, fragt ein Schüler. „Es bedeutet, keine Paarbeziehung, Ehe oder Familie zu haben, sondern der eigenen Beziehung zu Jesu höchste Priorität zu geben. Das ist meine Berufung“, lautet die Antwort. „Gehen Mönche auch feiern?“ – „Ich war nie der Discotyp, aber feiern tun wir auch, zum Beispiel in der Jugendarbeit.“ „Kann jeder Franziskaner werden, selbst mit Tattoos oder Piercings?“ – „Ja. Wichtig ist nicht, was man sieht, sondern die Beziehung zu Gott.“ Die Fragerunde nimmt Fahrt auf.

„Ich war nie der Discotyp, aber feiern tun wir auch, zum Beispiel in der Jugendarbeit.“

BRUDER RENÉ

Ob er sich an Regeln halten muss, möchte jemand wissen. „Ja, schon: Die erste lautet, sich selbst, Gott und Andere zu lieben, also das Evangelium, die frohe Botschaft zu leben. Die zweite ist, dass ich den drei evangelischen Räten folge, also in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam lebe.“ Drei Knoten im Strick um seine Hüfte erinnern ihn täglich daran. Gehorsam bedeute einerseits, gleichzeitig auf Gottes Stimme, seine eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen zu hören.

Franziskanermönche leben in einer so genannten Provinz, nicht in einem Kloster. Die Deutsche Franziskanerprovinz besteht aus 30 Häusern im ganzen Land. Aktuell wohnen darin rund 300 Franziskaner. Außerdem gibt es in Deutschland 100 Kapuziner und 150 Konventuale Ordensbrüder sowie 30 Franziskanerinnen, die in Frauengemeinschaften leben. Weltweit gibt es heute knapp 14.000 Franziskaner in mehr als 110 Staaten der Erde.

Wer Bruder René oder einen von 22 Ordensleuten, Priestern, Gemeindereferentinnen und Referenten aus dem Erzbistum Paderborn an seine Schule oder zur Gruppenstunde einladen möchte, findet weitere Informationen auf der Seite des Projekts Auf!Sendung.

Andererseits heiße es auch, sich auf die Weisungen des demokratisch gewählten Provinzials, dem Entscheidungsträgers im Orden, einzulassen, der beispielsweise über den Wohnort der Brüder entscheidet. Er entscheidet auch über die Arbeitsstellen der Brüder. Zwischen gemeinsamen Gebeten und Mahlzeiten geht jeder entsprechend seinen Fähigkeiten unterschiedlichen Berufen nach. „Das Gehalt wird direkt an den Orden überwiesen, der den Gemeinschaften wiederum das notwendige Geld für den Haushalt und jedem ein kleines Taschengeld auszahlt“, erklärt Bruder René.

Die Schulstunde neigt sich dem Ende und es wird Zeit, sich zu verabschieden. René Walke dankt den Schülern für ihr Interesse. „Die Idee hinter den Besuchen an Schulen ist, einander kennenzulernen und die frohe Botschaft weiterzugeben“, sagt er später im Gespräch mit YOUPAX. „Ich hatte mir den Bruder ehrlich gesagt irgendwie etwas langweilig vorgestellt. Es war echt interessant“, sagt Mandy Klekewk (16) nach dem Unterrichtsbesuch. Auch ihre Freundin Kimberly Roth fand die Begegnung spannend: „Ich hatte vorher noch nie einen Mönch gesehen – immer nur Priester.“

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