Bei der Bahnhofsmission ist es wie bei der Fußwaschung. Wer dient und wer bedient wird, dreht sich hier um. So erlebt es Marisol Recktenwald (24) aus Dortmund.
Marisol fühlt sich in vielen Bereichen privilegiert. Sie sagt: „Ich habe genügend Geld zum Leben, ein Dach über dem Kopf, kann meinen Hobbys nachgehen, mir Sachen zum Malen kaufen oder in den Urlaub fahren.“ All das ist für sie nicht selbstverständlich. Das erlebt sie, wenn sie bei der Bahnhofsmission ist.
Bei der Bahnhofsmission am Dortmunder Hauptbahnhof ist sie ganz für die Gäste da. Sie bedient Männer und Frauen, die wenig Geld, kein Zuhause oder kaum Unterstützung haben.
Marisol ist in Dortmund aufgewachsen. Trotzdem kannte sie die Bahnhofsmission lange nicht. Dass sie sich jetzt dort engagiert, begann in Frankreich.
Ein Jahr lebte Marisol zum Studieren in Paris. Dort hat sie, um Kontakte zu knüpfen und ihr Französisch zu verbessern, in einem Obdachlosen-Café gearbeitet.
Im „Petit Café“ brachte sie den Menschen Baguette und Kaffee, unterhielt sich mit ihnen. Es entstand eine familiäre Atmosphäre - zu den Gästen und auch den älteren Damen, die das Café gegründet haben. Diese luden Marisol auch zu Ostern zu sich ein. „Das waren so meine Ersatzomas in der Zeit“, sagt sie.
Über die familiäre Atmosphäre, den Kontakt zu den Menschen und die Arbeit für sie sagt Marisol: „Das hat mir super viel Spaß gemacht.“ So sehr, dass sie beschloss, auch in Deutschland damit weiterzumachen.
In Dortmund kommt Marisol zwei- bis dreimal im Monat zur Bahnhofsmission. Während ihrer dreistündigen Schichten kümmert sie sich um die Menschen, die dann kommen. „Die Gäste sollen eigentlich nach einer Stunde wieder raus, manche sind aber auch drei Stunden da, nicken kurz ein, lesen ein Buch oder die Zeitung“, sagt Marisol.
Wer zu Gast ist, kann Kaffee oder eine Brezel bekommen, sich ausruhen, das Handy aufladen oder jemanden haben, der zuhört. Für die Gäste kocht Marisol Kaffee, gibt Essen aus, wäscht Teller und Tassen und hört zu. Außerdem vermittelt sie Termine beim Arbeitsamt oder weist darauf hin, dass es im Gasthaus Mahlzeiten gibt und die Möglichkeit, dort eine Nacht zu bleiben.
Dann passiert genau das: Die Verhältnisse kehren sich um. Menschen, die oft als unprivilegiert gelten, werden von denen bedient, die genug haben.
Eine Begegnung ist Marisol besonders in Erinnerung geblieben.
Die junge Frau kommt vor anderthalb Monaten zur Bahnhofsmission. Sie fragt nach einem Getränk und erläutert einem Kollegen von Marisol, dass sie gerade vom Frauenarzt kommt. Sie hat ihr erstes Ultraschallbild dabei.
Ihr Kollege spricht Marisol an, ob sie nicht mit der Frau sprechen könnte. Also nimmt sie sich Zeit. Sie hört zu.
Marisol sagt: „Sie war vielleicht 17, 18 oder 19 Jahre alt. Stell dir vor, du lebst auf der Straße, du bist schwanger, du weißt nicht, wo der Vater ist, deine Eltern sind nicht für dich da und du musst überlegen, ob du das Kind bekommen kannst oder nicht.“
Wirklich helfen kann Marisol in dem Moment nicht. Aber sie sucht für die Frau Schwangerschaftsberatungsstellen heraus, schreibt ihr die Sprechzeiten auf und sagt: „Du kannst hier immer vorbeikommen.“
»Ich denke, dass ich eine gewisse Verantwortung habe als Person, die in Privilegien aufgewachsen ist, etwas zurückzugeben. Auch inspiriert durch mein Aufwachsen in einer christlichen Familie.«
Marisol Reckentwald
„Das war ein Fall, der mich auch danach noch beschäftigt hat“, sagt Marisol.
Sie will helfen. Etwas verändern – und muss gleichzeitig damit leben, dass sie nur für kurze Momente für die anderen da sein kann.
Sie fragt sich öfter: Wo gehen die Gäste hin, nachdem sie hier waren? Wo werden sie heute Nacht schlafen? Werden sie zu den Hilfsangeboten auch gehen?
Es sind Fragen, die einen zweifeln lassen können am eigenen Engagement. Doch bei Marisol ist die Motivation größer als der Zweifel.
Sie sagt: „Klar könnte ich in der Zeit auch malen oder Sport machen, aber ich denke, dass ich eine gewisse Verantwortung habe – auch als Bürgerin von Deutschland – als Person, die in Privilegien aufgewachsen ist, etwas zurückzugeben. Auch inspiriert durch mein Aufwachsen in einer christlichen Familie.“
„Der Größte unter euch aber soll euer Diener sein“ (Matthäus 23,11). Genau das zeigt Jesus, als er seinen Jüngern die Füße wäscht. Danach sagt er zu ihnen: „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen“ (Johannes 13,12-13).
Genau das führt Marisol bei der Bahnhofsmission fort. Sie glaubt, dass alle Menschen gleicher Würde sind und jede und jeder mit Respekt behandelt werden sollte. Auch die, die in dieser Gesellschaft oft das Gefühl bekommen, weniger wert zu sein.
Marisol glaubt: In Gottes Augen hat jeder Mensch den gleichen Wert – egal, ob privilegiert oder nicht.