Cafe Außenansicht
10.02.2019

Es ist normal, verschieden zu sein

Unter Delbrücks schiefem Kirchturm arbeiten Menschen mit und ohne Handicap Hand in Hand

test
von Sophie Kiko

Wer in Delbrück über den historischen Kirchplatz läuft, dem wird ein Gebäude besonders auffallen. An einem der vielen Fachwerkhäuser rund um der Kirche St. Johannes Baptist hängt ein rot gelbes Neonschild aus alten Zeiten mit der Aufschrift „Café“. Knallgrüne Stühle und Tische heben sich von den Pflastersteinen ab. Hinter den Glasscheiben laden ein warmes Licht, bunte Farben und frische Torten zum Aufwärmen mit heißem Kakao oder Kaffee ein. Auch diejenigen, die das Konzept des Cafés am Kirchplatz der Lebenshilfe Paderborn nicht kennen, werden hier schnell feststellen, dass etwas ungewöhnlich ist. Bedient werden die Gäste hier auch von Menschen mit Handicaps, die gemeinsam mit ihren Kollegen den Arbeitsalltag schmeißen.

Arbeit im Café

»Ich habe hier keine Probleme. Es ist entspannt und man versteht mich.«

Timo - 20 Jahre
Mitarbeiter und erkrankt an Narkolepsie

„Hier habe ich keine Probleme, es ist einfach entspannt und man versteht mich“, erzählt ein junger Mitarbeiter namens Timo über seinen Arbeitsplatz und grinst in Richtung seiner Kollegin. Der 20-jährige arbeitet als Teilzeitkraft im Café am Kirchplatz. Seit der achten Klasse leidet er an Narkolepsie, der sogenannten Schlafkrankheit. „Wenn ich zu lange arbeite werde ich unkonzentriert, müde oder schlafe ein.“, erklärt er noch bevor er sich wieder an die Arbeit macht und die Tische für die nächsten Gäste abräumt. Das kleine Café ist nahe zu voll an diesem Freitagmorgen und trotz des tristen, grauen Regenwetters herrscht hier eine freundliche und helle Atmosphäre. Die Gäste strahlen, unterhalten sich und man hört viel Gelächter im Raum. 

Im Moment beschäftigt das Café drei Mitarbeiter mit den verschiedensten geistigen und körperlichen Behinderungen. Viele von ihnen haben Schwierigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt einen Arbeitsplatz zu finden oder haben erst durch ihre Behinderung ihren Job verloren. Auch Timo begann erst im letzten Jahr eigentlich eine Ausbildung zum Bürokaufmann in einem Paderborner Unternehmen. „Mein Chef hatte aber überhaupt kein Verständnis für meine Krankheit.“ An langen Arbeitstagen im Büro wurde Timo müde und unkonzentriert, weshalb er vorschlug, täglich weniger zu arbeiten und dafür die Ausbildungszeit zu verlängern. Doch dies erlaubte sein Vorgesetzter nicht. Als er daraufhin krankheitsbedingt einige Male bei der Arbeit einschlief, wurde er entlassen. Nachdem der 20-Jährige auch in einem vorübergehenden Job bei einem Discounter Schwierigkeiten erfährt, fängt er im Juli 2018 in dem integrativen Café an, wo er endlich das nötige Verständnis erfährt. Hier werden die Mitarbeiter bei ihren Arbeitsabläufen begleitet und unterstützt.

Zwischen Kaffee, Kuchen und Kirchturmglocken werden keine Unterschiede gemacht

Berci Baho

Noch ist Frühstückszeit und Timo versorgt die Gäste mit Kaffee, Brötchen, Aufschnitt und Rührei. Danach beginnt die Kaffeezeit. Seine Kollegin Berci Baho ist deswegen schon in der Küche fleißig. Grade hat sie einen Frankfurter Kranz fertig gebacken, da geht es schon weiter an die nächste Torte fürs Wochenende. Aus einem dicken, schweren Ordner voll mit Rezepten für Torten aller Art und mit Sicherheit auch dem ein oder anderen Geheimrezept nimmt sie das Rezept und klebt es an das Fenster: Eine Kardinalstorte.

»Wir arbeiten alle zusammen. Für mich sind die Kollegen mit Handicap nicht anders als andere.«

Berci Baho - 49 Jahre
Mitarbeiterin im Café

Die 49-jährige hat sieben Kinder im Alter von 13-27 Jahren. „Ich war immer Hausfrau und Mutter und Backen mein großes Hobby. Vor fünf Jahren konnte ich dann hier im Café anfangen und mit meiner Leidenschaft Geld verdienen.“, freut sie sich. Über die gemeinsame Arbeit mit Menschen mit Handicaps hat sich Berci Baho vor ihrem ersten Tag einige Sorgen gemacht, welche sich aber direkt in Luft aufgelöst haben: „Wir arbeiten alle zusammen und für mich sind die Kollegen mit Handicap nicht anders als andere. Ich denke auch gar nicht mehr darüber nach, dass sie ein Handicap haben.“

»Solche Projekte sollte es öfter geben. Es sollte einfach normal sein, dass Menschen mit und ohne Handicap zusammenarbeiten und sich unterstützen.«


Das kleine Café hat sich in Delbrück gut etabliert und die Reaktionen sind allesamt positiv. „Die Gäste kennen uns und das Konzept. Sie verstehen, dass einige Dinge hier manchmal länger dauern können und freuen sich sehr darüber, mit unseren Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen.“, versichert Berci Baho während sie die Kirschen auf dem Tortenboden verteilt. Stolz erinnert sie sich an eine Kollegin mit Handicap, die sehr gern direkt auf die Gäste zugeht und sich mit ihnen unterhält. Einige Delbrücker mögen das Café so gern, dass sie gern und regelmäßig wiederkommen, um die verschiedensten Tortenkreationen zu probieren und sich mit den Mitarbeitern zu unterhalten.

Es wird deutlich: Das Konzept funktioniert. Menschen mit Handicap finden einen Arbeitsplatz, der ihnen gerecht wird. Gäste kommen mit ihnen in Kontakt, sodass der Umgang miteinander völlig normal und alltäglich wird. Es funktioniert dank Initiativen wie der Lebenshilfe, der Aktion Mensch, der LWL oder der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, die das kleine Café fördern. Vor allem funktioniert es, weil die Menschen vor Ort sich darauf einlassen und ohne Vorurteile miteinander arbeiten. Berci Baho bringt es auf den Punkt „Solche Projekte sollte es öfter geben. Es sollte einfach normal sein, dass Menschen mit und ohne Handicap zusammenarbeiten und sich unterstützen.“

So backst du die Kardinalstorte aus dem Café am Kichtplatz

Kardinalstorte
Kardinalstorte Schritt 1
Schritt 2
Schritt 3
Schritt 5
Schritt 6

Du brauchst:

Boden:

250g Butter
250g Zucker
6 Eigelb
200g Raspelschokolade zartbitter
2 TL Zimt
100g Mehl
2 TL Backpulver
100g gemahlene Haselnüsse
6 Eiweiß

Creme:

1 Glas Sauerkirschen
1 Pk roten Tortenguss
Etwas Rum
1Pk Rotweincreme (z.B. Dr. Oetker)
500g Schlagsahne
Sahnesteif
Schokoladenraspel

So geht's: 

Boden

Butter, Zucker, Eigelb, Zartbitterschokolade, Zimt, Mehl, Backpulver und Nüsse in einer Schüssel verrühren. 


In einer zweiten Schüssel das Eiweiß aufschlagen bis es zu einer festen, luftigen Masse geworden ist. (Berci Bahos Tipp: Mit einer Prise Salz klappt es besser)


Dann das Eiweiß vorsichtig unter die Masse unterheben. 


Die Teigmasse nun in eine gefettete Springform geben und im vorgeheizten Backofen bei 150 Grad Umluft 45 min backen. 


Danach den Boden in der Form am besten über Nacht auskühlen lassen und dann aus der Form lösen und direkt auf die Tortenplatte legen.

Creme

Die Sauerkirschen aus einem Glas abtropfen lassen und den Kirschsaft auffangen. Die Kirschen können dann auf dem Boden verteilt werden. Am besten die saubere Springform wieder um den Boden herum legen.



Einen kleinen Teil des Kirschsafts mit dem Tortengusspulver und einem Schuss Rum (kann auch weggelassen werden) verrühren bis keine Klümpchen mehr zu sehen sind. Den Rest des Kirschsafts in einem Topf erhitzen, dann die Tortengussmischung hinzugeben und alles unter ständigem Rühren etwa eine Minute aufkochen lassen. Dann den heißen Tortenguss über die Kirschen schütten und verteilen. Abkühlen lassen.



Ein Päckchen Rotweincreme nach der Anleitung anrühren. (Berci Bahos Tipp: Beim Sahneschlagen immer etwas Sahnesteif hinzugeben, damit der Kuchen besser zusammenhält)



Die fertig angerührte Rotweincreme dann mit einem Spritzbeutel in einer Kreisbewegung von außen nach innen als Tupfen auf den Boden mit den Kirschen geben.



Nun nur noch mit Schokoladenraspeln dekorieren.



Etwa eine Stunde kaltstellen und danach wieder aus der Springform lösen.

Fertig ist die Kardinalstorte!

Schritt 7

Mix

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