Ein Kompass. Er gibt den Weg nicht vor, aber er hilft, sich zu orientieren und den eigenen Weg zu suchen. Im neuen jugendspirituellen Zentrum #KOMPASS im Haus am Eulenspiegel Rüthen sollen junge Menschen genau dafür Raum finden.
Am 11. Juli wird #KOMPASS offiziell eingeweiht. Das Zentrum wird von Ana Jezildic geleitet unter den drei Leitworten „suchen. wachsen. glauben.“
Im Interview erzählt Ana gemeinsam mit Nils Wilzki, der als Bildungsreferent im Haus am Eulenspiegel arbeitet, wann sie selbst Orientierung gebraucht hat — und warum der Glaube für sie keine fertige Navigation ist, sondern ein Vertrauen, das mitgeht.
Bald wird in Rüthen das neue jugendspirituelle Zentrum #KOMPASS eingeweiht. Wann hättet ihr einen Kompass mal gut gebrauchen können?
Ana: In Situationen, in denen es mir nicht gut ging. Als ich Zweifel hatte und eine Richtung gesucht habe, um mich selbst zu finden.
Nils: Ich kenne auch Phasen, in denen mir die Klarheit gefehlt hat über mich und das, was ich machen möchte.
Erzählt davon.
Ana: Ich komme aus einer Nachkriegsgeneration des Balkankriegs. Meine Familie kommt aus Bosnien, hat nach dem Krieg kroatische Papiere bekommen und wurde aus ihrem Dorf vertrieben. Ich bin dann in Deutschland aufgewachsen. Wenn ich auf Kroaten treffe, sagen die: Du bist keine richtige Kroatin, du kommst aus Bosnien. Andersherum genauso. Identitätskrise des Grauens.
Nils: Ich habe eigentlich Lehramt studiert, doch im Referendariat habe ich gemerkt: Das passt nicht zu mir. Das bin ich nicht. Das war schon schwer für meine Identität, weil ich über Jahre erzählt habe: „Ich werde Lehrer“. Das war auf einmal weg. Ich habe mich gefragt: Wer bin ich eigentlich, wenn ich kein Lehrer werde? Was ist mir wichtig im Leben? Wo kann ich meine Ideale einbringen?
#KOMPASS ist eine neue Facette des Pfadfinderzentrums am Eulenspiegel in Rüthen. Neben den bisherigen Bildungsangeboten (Berufsorientierungscampus, BFD-Begleitseminare und Orientierungstage) entwickelt Ana Jezildic neue geistliche Formate.
Sie gibt spirituelle Impulse für die Gruppen am Eulenspiegel und arbeitet an religiösen Einkehrtagen für Schulklassen, einer Firmvorbereitung, Themenabenden, musikalischen Angebote und mehr.
Ana Jezildic lädt herzlich dazu ein, das geistliche Zentrum ehrenamtlich mitzugestalten.
Einen Kompass benutze ich, um auf einem Weg ans Ziel zu kommen. Glaubt ihr, dass es ein Ziel im Leben gibt, das für alle gleich ist?
Ana: Ein Ziel von vielen jungen Menschen ist, glücklich zu sein. Wenn wir unsere Angebote reflektieren, geht es oft darum: Wo hatte ich eine gute Zeit? Was hat Bock gemacht?
Nils: Dafür gibt es aber oft wenig Angebote. Schule ist auf Leistung ausgerichtet, Sportvereine oft auch. Aber wo gibt es einen Ort, an dem es kein gut oder schlecht gibt, sondern wo der Spaß am wichtigsten ist?
Was suchen junge Leute noch, die zu euch kommen?
Ana: Ganz oft sich selbst.
Sich selbst suchen – wie geht das?
Ana: Ich glaube, dass jede und jeder durch seine Lebensgeschichte Fragen mit sich herumträgt. Unser Glaube kann an vielen Stellen dabei helfen, mich nach Antworten auf die Suche zu machen – ohne, dass es DIE EINE Antwort für alle gibt.
Nils: Ich glaube auch, dass es uns oft gar nicht bewusst ist, was für eine Frage man hat. Man trägt Unsicherheiten mit sich, die man durch die passende Frage auflösen könnte.
Zum Beispiel?
Ana: Wenn ich einen Impuls mache zu den eigenen Stärken und Schwächen, dann tun sich viele Schülerinnen und Schüler schwer damit, fünf Stärken von sich aufzuschreiben.
Nils: Würde man das Gegenteil fragen, also was die eigenen Schwächen sind, könnten das viele schnell beantworten. Wir wachsen viel zu viel damit auf, dass wir auf unsere Defizite schauen.
Und uns mit anderen vergleichen…
Nils: Wenn ich mich mit anderen vergleiche, verhindert es oft, dass ich glücklich bin. Ich werde unglücklich, weil ich denke, dass jemand anderes etwas besser kann als ich.
Ana: Aus dem Glauben heraus sagen wir ja: Gott nimmt dich an mit deinen Stärken und Schwächen. Aber diese Antwort ist jungen Menschen oft nicht genug. Ich habe schon oft gehört: Ja Ana, aber das gibt mir gerade nichts. Ich kann nicht darauf vertrauen, dass ich angenommen bin mit den Dingen, die ich nicht gut kann – und Gott redet nicht mit mir.
»Wenn ich einen Impuls mache zu den eigenen Stärken und Schwächen, dann tun sich viele Schülerinnen und Schüler schwer damit, fünf Stärken von sich aufzuschreiben.«
Ana Jezildic
Leiterin des neuen jugendspirituellen Zentrums der Pfadfinder #kompass
Und was sagst du dann?
Ana: Erstmal höre ich zu. Oft sage ich dann, dass ich das verstehen kann. Ich habe selbst auch schon genug solche Situationen erlebt. Für mich ist der Glaube letztlich eine Sache des Herzens. Kann ich darauf vertrauen, dass Gott meinen Weg mit mir geht und sich vielleicht durch andere Situationen zeigt oder nicht?
Habt ihr so etwas schon erlebt?
Nils: Ich habe zum Beispiel schon erlebt, dass Dinge möglich geworden sind, die ich für unmöglich gehalten habe. In der Schule war ich immer nur mittelmäßig – und das war für alle auch okay. Ich wusste halt: Ich bin ein durchschnittlicher Schüler und damit komme ich gut durch.
Und dann?
Nils: Fürs Studium hatte ich das Ziel, einmal eine Eins vor dem Komma zu haben. Dann kam eine mündliche Prüfung, bei der ich Angst hatte, da zu sitzen und nichts sagen zu können. Also habe ich dafür viel gelernt – und das Lernen hat mir auf einmal Spaß gemacht. Als ich in der Prüfung dann eine 1,0 hatte, habe ich gemerkt, dass ich mir manchmal selbst Grenzen setze, die gar nicht stimmen.
Ana: Das habe ich auch schon ganz oft erlebt. Gott hat schon viele Dinge für mich in die richtigen Bahnen gelenkt.
Zum Beispiel?
Ana: Dass ich diese Berufung wähle, hätte ich vor 15 Jahren niemals gedacht. Nach dem Abi hatte ich gar keinen Plan. In dieser Zeit musste ich einmal meine Tante mit dem Auto abholen. Sie war Haushälterin bei der Gemeindereferentin, die mich zur Kommunion geführt hat. Da sagte mir die Gemeindereferentin: „Als du Kommunionkind warst, hast du zu mir gesagt: ‚Wenn ich groß bin, möchte ich das machen, was du machst.‘“ Von da an habe ich mich mit dem Beruf beschäftigt. Dann ging alles ganz schnell. Ich war das erste Mädchen, das in meiner Familie unverheiratet zum Studium wegziehen durfte. Das war eine von vielen Türen, die Gott für mich geöffnet hat.
Vielen Dank für das Gespräch.