Am Anfang hatte sie auch Angst, gibt Isabel zu. Vor ihrem Freiwilligendienst in einer Fachklinik für Multiple Sklerose hatte sie noch keinen Bezug zur Pflege. Sie wusste nicht, ob sie mit Krankheit, Pflegebedürftigkeit und der Verletzlichkeit der Menschen umgehen konnte.
Die 19-Jährige aus dem Sauerland hat nach dem Abitur nach einem Freiwilligendienst gesucht, um sich beruflich zu orientieren. Dabei hat sie nach Angeboten in ihrer Nähe gesucht, um weiter zuhause wohnen zu können. Ein Freiwilligendienst in der Pflege war für sie eigentlich nicht erste Wahl, aber da die Sauerlandklinik in Hachen so nah an ihrem Heimatort ist, hat sie sich dafür entschieden.
Nach elf Monaten in der Klinik sagt Isabel: „Die Arbeit in der Pflege kann total schön sein.“ Sie verteilt Wasser, gibt das Frühstück aus, wechselt Betten, packt Koffer aus, sorgt für neue Handtücher und hat Zeit, mit den Patientinnen und Patienten im Kontakt zu sein.
Isabels Freiwilligendienst und Austausch mit Erzbischof Bentz
Im Juli ist Isabel zum Abschlussseminar des Freiwilligendienstes mit 47 anderen Freiwilligen aus sozialen Einrichtungen im Erzbistum Paderborn zusammengekommen und hat sich mit Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz über ihren Dienst ausgetauscht.
Sie hat dem Erzbischof unter anderem erzählt, dass der Freiwilligendienst ihr Interesse an der Biologie gesteigert hat, weshalb sie ab Oktober Biologie und Pädagogik auf Lehramt studieren will.
Isabel denkt daran, wie sie den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und, wie die Stärke und Freundlichkeit der Patientinnen und Patienten sie inspiriert.
Drei Erfahrungen haben ihren Blick auf Krankheit, andere Menschen und ihr eigenes Leben besonders verändert.
Isabel begegnet jeden Tag Menschen, deren Leben durch Multiple Sklerose unterschiedlich stark eingeschränkt ist. Die Erkrankung des Zentralen Nervensystems ist nicht heilbar, und kein Verlauf gleicht dem anderen.
Das könnte Angst machen, selbst zu erkranken. Doch das Gegenteil ist bei Isabel der Fall.
„Ich sehe Menschen mit leichten und schweren Verläufen“, sagt sie.
„Dadurch habe ich verstanden, wie individuell Krankheit und Gesundheit sind. Das kann erschrecken. Es kann aber auch beruhigen, weil niemand genau weiß, wie das eigene Leben verlaufen wird.“
Krankheit ist für Isabel nicht mehr nur etwas Fremdes und Bedrohliches. Sie sagt: „Die Krankheit ist für mich mehr zur Normalität geworden.“Und: „Ich sehe nicht mehr den Pflegefall, sondern mehr den Menschen dabei.“
»Niemand weiß genau, wie das eigene Leben verlaufen wird.«
Isabel sagt: „Der eine Mensch braucht hier mehr Unterstützung, der andere weniger - aber letztendlich kommt es aufs Gleiche drauf an. Da fällt dieses Einordnen in Kategorien weg.“
Sie hat gelernt, dass der Wert eines Menschen nicht von Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder Selbstständigkeit abhängt. Damit die Patientinnen und Patienten das auch spüren können, muss Isabel immer wieder die Perspektive wechseln.
Wenn jemandem etwas heruntergefallen ist, hat sie anfangs sofort ihre Hilfe angeboten. Darauf haben manche zurückhaltend reagiert. Vielleicht, so vermutet Isabel, weil sie ihnen damit ungewollt das Gefühl gab, etwas nicht selbst schaffen zu können.
Heute wartet sie zunächst ab. Beobachtet. Fragt dann: Schaffen Sie das selbst? Möchten Sie, dass ich Ihnen dabei helfe? Oder soll ich das für Sie aufheben?
In der Klinik erlebt Isabel Schönes und Schweres. Sie sieht, wie Menschen durch ein gutes Team, eine wirksame Behandlung oder die Unterstützung ihrer Angehörigen neue Kraft bekommen. Sie erlebt aber auch, dass manche einen Schicksalsschlag nach dem anderen verkraften müssen.
„Ich lerne die ganze Bandbreite des Lebens kennen“, sagt sie. „Das Leben stellt hin und wieder Steine in den Weg. Manchmal muss man darüber hinweg, manchmal einen Weg außen herum finden. Dabei erlebe ich bei vielen Menschen viel Kampfgeist und Hoffnung.“
Doch was bedeutet Hoffnung, wenn eine Krankheit nicht geheilt werden kann?
Für Isabel bedeutet sie nicht, dass plötzlich alles gut wird. Hoffnung zeigt sich in schönen Tagen während einer schwierigen Phase – und in kleinen Fortschritten, die im Alltag leicht übersehen werden.
Wieder eine Tasse greifen zu können. Leichter aufzustehen. Mehr Gefühl in den Händen zu spüren.
„Oft denkt man: Das ist doch nichts Großes“, sagt Isabel. „Aber wenn man etwas eine Zeit lang nicht konnte und es dann wieder schafft, bekommt es eine ganz neue Bedeutung.“
Auch Isabel geht durch ihren Freiwilligendienst bewusster durchs Leben. „Ich weiß viel mehr zu schätzen, was ich habe“, sagt sie. „Auch kleine Dinge können einen erfüllen – selbst wenn es nur die Tasse Tee am Morgen ist.“