Wie schreibt man über Gerechtigkeit?
22.09.2021

Miteinander

Die Suche nach der eigenen Stimme

Poetryslammerin Eva Dreier über die Liebe zum Schreiben und wertvolle Gedanken

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von Lioba  Vienenkötter

Über ein so komplexes Thema wie Gerechtigkeit zu schreiben, kann einen ganz schön überfordern. Aber das muss nicht sein. Eine Hilfestellung dabei kann zum Beispiel Poetrysalmmerin Eva Dreier geben. Sie ist 25 Jahre alt und studiert katholische Theologie in Paderborn. Zum Poetryslam ist sie über ein Schulprojekt gekommen. Seit 2017 steht sie mit ihren Texten regelmäßiger auf der Bühne. Das Besondere an Poetryslams sei, dass die Texte selbst geschrieben sind. Die Themenwahl sei völlig frei, was eine große Vielfalt an Perspektiven zuließe. Cool findet Eva außerdem, dass es auf Poetryslam-Veranstaltungen keine Regeln gebe – außer ein Zeitlimit und ein Verbot von Kostümierungen.

Eva schreibt eher ernste Texte, bei denen man zwar auch lachen darf, die aber durchaus die Probleme der modernen Gesellschaft offenlegen. Ihre Ideen bekommt Eva über Beobachtungen im Alltag: „Ich versuche immer mit einem kritischen Blick durchs Leben zu gehen und da entstehen dann auch die Beobachtungen, die ich in meinen Texten aufgreife.“ Sie bringe häufig auch eine persönliche Perspektive ein, was allerdings oft dazu führe, dass ihre Zuhörenden alle Gedanken des Textes auf Eva selbst bezögen und nicht mehr zwischen dem lyrischen Ich und der Vortragenden zu unterscheiden wüssten.

Nun möchte sie anderen ihre Tipps und Erfahrungen weitergeben und jungen Menschen helfen, ihre Gedanken aufs Papier zu bringen. Deshalb wird sie im Rahmen des Projekts „Schreib über Gerechtigkeit“-Projekts drei Workshops zum kreativen Schreiben anbieten. Das Thema des Wettbewerbs liegt der Studentin dabei selbst sehr am Herzen: „Gerechtigkeit bedeutet für mich, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann und leben kann, wie es der eigenen Person entspricht. Gerechtigkeit heißt, dass jeder Mensch das bekommt, was er oder sie für ein gelingendes Leben benötigt.“ Gerechtigkeit dürfe jedoch keinesfalls mit Gleichheit synonym gebraucht werden.

Ihre Definition speise sich dabei auch aus der Theologie, erklärt Eva. Schließlich sei das Thema aber auch in den anderen Religionen präsent, sagt die Theologie-Studentin mit Verweis auf die dritte Säule des Islams, die die Gläubigen zu Almosen aufrufe: „Deshalb finde ich das Thema des Schreibprojekts auch so spannend: Jeder kann etwas dazu sagen! Egal, ob es darum geht, welche Ungerechtigkeiten jemand erlebt hat oder was er sich für eine gerechtere Welt wünscht.“.

Eine weitere Quelle ihrer Überlegungen liege im Feminismus, denn die 25-Jährige ist überzeugte Feministin. Wenn Gerechtigkeit bedeute, dass alle Menschen so leben dürfen, wie sie es wollen, dann dürfe diese Freiheit nicht vor Geschlechtergrenzen haltmachen. Sie sehe die Aufhebung von Unterschieden aller Art und dadurch das Erreichen gerechter Lebensverhältnisse als zentralen Punkt des Feminismus.

Schreiben kann schwerfallen, aber auch Spaß machen

Wie schreibt man über Gerechtigkeit?

Auf die Frage, wie man über komplexe Themen wie Gerechtigkeit schreiben könne, antwortet Eva: „Ich bin Fan davon, ein Brainstorming zu machen – wenn man einfach vor dem weißen Papier sitzt, wird das oft nichts. Es ist total wichtig, Assoziationen direkt aufzuschreiben, damit die nicht verfliegen.“. Sie mache sich immer Stichpunkte in ihrem Handy, wenn ihr im Alltag etwas einfalle. Wenn sie die Notizen dann durchsehe, fielen ihr oft schon Querverbindungen auf, die nicht selten zu einem Texten führten. Gleichzeitig müsse man sich selbst den Druck nehmen, sofort den perfekten Text zu schreiben, das sei schließlich utopisch. Lebendig würden Texte auch durch persönliche Beispiele oder Situationen aus dem Alltagsleben. Eva ist überzeugt, dass ihre Erfahrungen im Schreiben auch den Workshopteilnehmenden weiterhelfen werden.

Eva Dreier bei einem Auftritt am Schloß Overhagen im Sommer 2021

Sie freue sich schon total auf die Schreibworkshops, die im September und Oktober stattfinden werden. Gerade die Aussicht auf die unterschiedlichen Perspektiven der jungen Menschen machten sie neugierig: „Schreiben ist schließlich etwas ganz persönliches.“ Sie hoffe, dass ihre Begeisterung ansteckend wirken werdet, damit die Teilnehmenden auch in Zukunft das Schreiben als eine nützliche Hilfestellung im Alltag weiterführen könnten. Strahlend erklärt sie: „Ich hoffe darauf, dass sich viele Jugendliche trauen, etwas aufs Papier zu bringen. Und wenn sie dann auch noch so zufrieden damit sind, dass sie die Texte beim Wettbewerb einreichen, dann wäre das echt das i-Tüfelchen! Ich würde mich freuen, wenn die Teilnehmenden merken, dass ihre Gedanken es wert sind, aufgeschrieben, gehört und eventuell auch vorgetragen zu werden. Das ist meine Hoffnung, dass die Jugendlichen ihre Stimme finden.“

Wer jetzt Lust bekommen hat, an einem der Workshops teilzunehmen, kann sich hier informieren und sich anmelden.

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