Was ist Heimat?
29.11.2017

Heimat

Eddies Reise

Wenn Heimat nur eine Angewohnheit wäre

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Von Marie Eickhoff
Diese Geschichte beginnt vor drei Jahren. Wann sie endet – keine Ahnung. Sie ist eine Reise in die Heimat. Die liegt für die eine in der Vergangenheit, für den anderen in der Zukunft. Schnittpunkt ist ein Ort im Sauerland. Dort ist unsere Autorin Marie Eickhoff aufgewachsen. Ihr Nachbar Eduard Ferderer auch. Sie haben sich jedoch nie kennengelernt. Erst als beide ausgezogen sind, treffen sie sich zufällig in einem Chat, und stellen fest, wie derselbe Lebensort sie völlig unterschiedlich geprägt hat. Sie hat sich dort entfaltet, er fühlt nur Enge. So sehr, dass er beschließt, Deutschland für immer zu verlassen. Kurz davor haben sich die beiden noch einmal live getroffen. Zum ersten Mal.
Eddy

»Die Menschlichkeit geht verloren, wenn du irgendwann die Weitsicht verlierst.«

EDUARD "EDDY" FERDERER

Er ist kleiner als gedacht. So gute 1,75 Meter. Skijacke, braune Chino-Hose und die Haare hoch gegelt. Die Augen sind hinter einer blau-grün verspiegelten Sonnenbrille versteckt. Er lächelt. Sein Grübchen lächelt mit. Zur Begrüßung ein Händedruck. Skurrile Situation. Zu komisch, jemanden zu treffen, der jahrelang zwei Häuser weiter gewohnt hat, und doch so unbekannt ist.

Vom Schreibtisch aus fiel der Blick immer in den kleinen Garten seiner Familie. Der Spielplatz der Siedlung und die Wiese mit den vielen Heuschrecken sind direkt vor seiner Haustür. Aber es gibt keine gemeinsamen Erinnerungen. Dabei kennt im Dorf normalerweise jeder jeden. Möhnesee-Körbecke liegt an der Grenze zum Sauerland und hat etwa 4000 Einwohner inklusive Freiwilliger Feuerwehr, Schützen- und Karnevalsverein. „Gehst du heute Abend zur Prinzessinproklamation in die Schützenhalle?“ „Auf keinen Fall.“ Viel zu viel Dorfgedöns für den einen, geliebte Tradition für die andere.

Wegkreuz
Winter im Dorf
Eddy am See
Himmel

Dieses Land, dieses Dorf

Wie eine Show, der sich jeder anpasst

Er ist eine Facebook-Anfrage. „Eduard Eddy“, noch nie gehört. Trotzdem angenommen. Seine Anfrage ist ein Fehler. Er denkt, er schreibt die Marie aus dem Taxi letzte Nacht an. Falsch. Diese hat den gleichen Namen und Möhnesee als Wohnort angegeben, aber sie saß letzte Nacht allein auf dem Sofa.

Es ist der Tag nach der Silvesternacht, Neujahr. 2014 beginnt gerade. „Schönes Gefühl, verstanden zu werden“, schreibt er nach einem Monat. „Ist das ein ungewöhnliches Gefühl für dich?“ „In letzter Zeit leider ein seltenes.“ Eddy ist 28 und ist beruflich erfolgreich. Er sorgt dafür, dass die digitale Infrastruktur von Unternehmen in der ganzen Welt funktioniert. Wegen des Jobs ist er alleine nach Hannover gezogen. So doll liebt er diesen Job aber nicht mehr.

„Die Menschlichkeit geht verloren, wenn du irgendwann die Weitsicht verlierst“, sagt er beim Spaziergang durchs Feld über seine Arbeit. Es ist ein wunderschöner Tag. Die Siedlung liegt am Rande des Dorfes. Danach kommt nur noch Grün.

Zwischen Feldern und Wald eingeklemmt liegt der See. „Wenn ich den See seh’, brauch ich kein Meer mehr, oder wie war das noch?“, fragt Eddy und lacht. Der Spruch steht auf einem Aufsteller am Wasser. Eddy fühlt sich nicht frei, als er über den glatten See schaut. Denn nichts hier ist für ihn echt. Mehr wie eine Show, in der sich jeder anpasst. „Es ist beklemmend.“ Dieses Land, dieses Dorf.

»Ich war in Kasachstan ein Ausländer und bin es hier auch.«


Er erwartet Ablehnung, als er nach zwei Monaten Chatten erzählt, dass er in Kasachstan geboren ist. Seine Großeltern sind im zweiten Weltkrieg mit der Völkerwanderung nach Preußen geflohen. Als der Krieg vorbei war, haben sie Land in Kasachstan gekauft und gewartet, bis der Wiederaufbau in Deutschland fertig war.

In Kasachstan hat sich nach dem Krieg eine deutsche Kolonie gebildet. Eddys Papa Eduard hat beim Wehrdienst in Sibirien dann die Russin Nina kennengelernt. Sie haben zwei Kinder bekommen. Eddy kam dazu, als sie wieder in Kasachstan waren.

Dann sind sie mit der ganzen Familie zurück nach Deutschland gezogen, nach Thüringen. Eddy ist da gerade sieben. Sein erstes Wort in der Grundschule ist „Hurensohn“, weil sie das zu ihm gesagt haben. „Ich musste viel machen, um akzeptiert zu werden.“ Schnell kann er akzentfrei Deutsch - als Einziger in seiner Familie. Hinter der Sprache kann er sich verstecken. „Damit war ich angekommen.“ Für die Gesellschaft zumindest. Aber er fühlt sich weiterhin fremd. „Ich war in Kasachstan ein Ausländer und bin es hier auch.“ Deshalb führt er zwei Leben: eins öffentliches für die Gesellschaft und ein privates.

Die drei Steine – das ist seine Lieblingsstelle am See. Von der Straße aus ist sie nicht zu sehen. Sie liegt hinter Bäumen versteckt am Ufer des Sees. Die Oberfläche der schwarzen Steine ist flach, sodass sie als Stühle taugen, und in der Mitte des Stuhlkreises ist Platz für ein Lagerfeuer. Das hier war immer der Treffpunkt seiner Clique. Nachdenklich stellt sich Eddy auf einen abgesägten Baumstumpf und guckt auf den Boden. Als er mit elf Jahren nach Körbecke gekommen ist, hat er gedacht: „Jetzt bin ich ein neuer Mensch. Jetzt lasse ich mir nichts mehr gefallen.“

Sonnenuntergang
Abend am See
Ein Hoch auf uns! Kindheitserinnerungen
Winter am See

Die Angst vorm Falschmachen

Der Umzug seiner Familie hat sich angefühlt wie ein Neuanfang. „Ich wollte zeigen: Ich bin der Starke“. Schon am ersten Schultag hat er sich gerangelt und als die Grundschule vorbei war, hat ihn die Lehrerin bei der Hauptschule angemeldet. „Ich hätte locker die Realschule geschafft“, ist Eddy sicher.

Aber er war ein Raudi, ein alberner Sturkopf. „Ich bin ins Alberne geflüchtet.“ Mit 17 Jahren merkt er, dass er mit diesen Masken nie ankommen wird. Es fühlt sich an, als solle er immer in Schubladen passen, in die er nicht passt. Dann entdeckt er den Computer. Die neue Technologie wird sein neuer Fluchtort.

»Heimat ist für mich da, wo ich mich wohlfühle. Um mich wohlzufühlen, brauche ich Freiheit.«


Er hat keinen Kühlschrank, sondern geht lieber essen. Damit das Essen nicht ansetzt, macht er viel Sport. Das stärkt zwar das Ego, aber lässt nicht alle Zweifel vergessen. „In jedem könnte ein Richter sein, alle urteilen und verurteilen einen sofort“, so empfindet Eddy es in Deutschland.

Es gab eine Phase, da hat er sich durch und durch Deutsch gefühlt. Jetzt ist es ihm hier vor allem eins: viel zu eng. Weil er immer das Gefühl hat, sich an einen Rahmen anpassen zu müssen. Dafür hat er Sachen verschwiegen, sich nach anderen gerichtet und sich versteckt. Die Angst vorm Falschmachen hat ihn klein und kaputt gemacht.

Durch Schneematsch geht es zum höchsten Punkt des Weges. Hier stehen nur ein schmaler Baum und eine Bank. Der Blick ist frei auf ein Panorama aus weißen Feldern, Häusern im Schnee und blauem Himmel. Für die eine fühlt es sich hier an wie Heimat.

Für den anderen ist schon das Wort „Heimat“ blöd, und es zu benutzen, eine schreckliche Angewohnheit. „Heimat ist für mich da, wo ich mich wohlfühle. Um mich wohlzufühlen, brauche ich Freiheit“, sagt Eddy. Aber es fühlt sich für ihn an, als habe er seine Freiheit verloren. Schlimmer: „Ich habe das Gefühl, ich habe mich verloren.“ Deshalb verlässt er Deutschland.

In seinen Armen liegend streckt die Katze ihre Beine in die Luft. Kitty ist schwarz-weiß und Eddys liebste Zuhörerin, ihr kann er alles erzählen. „Kitty schnurrt nur bei ihm“, erzählt Eddys Mutter.

 Nina Ferderer hat schon immer geahnt, dass ihr Jüngster mal eine weite Reise machen wird. „Je höher wir ihn als Kind in die Luft geworfen haben, desto mehr hat er gelacht.“ Stillhalten sei für Eddy ganz schwer gewesen. Manchmal muss sie weinen, wenn sie daran denkt, wie weit er weg sein wird. „Aber das darf ich ihm nicht zeigen. Hauptsache keine Angst zeigen.“ Stattdessen wird sie mit ihm skypen und jede Nacht mit dem Telefon am Bett schlafen. Von seiner Mutter fühlt sich Eddy am meisten verstanden, weil sie damals auch alles verlassen hat, als sie mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Als Deutsche fühlt sie sich nicht. Vor allem, wenn sie merkt, dass ihr einige russische Wörter nicht mehr einfallen. „Dann weiß ich nicht mehr, zu wem ich gehöre.“ Aus Eddys Perspektive symbolisiert sie trotzdem Beständigkeit, denn sie gibt ihm Halt. Er sagt sogar: „Mein Zuhause ist meine Mama.“

»Je höher wir ihn als Kind in die Luft geworfen haben,
desto mehr hat er gelacht.«

NINA FERDERER
Eddies Mama

Auf dem Bett liegen vier T-Shirts, eine Badehose und Unterwäsche. Als Schuhe kommen nur selbstgebastelte Flipflops mit. Eddy hat alles verkauft. Alles was er mitnimmt, passt in einen Rucksack und damit möchte er ein neues Leben starten. Er bricht auf, um einen Ort zu finden, an dem er sich heimisch fühlt. Wo der ist? Das möchte er durch die Reise herausfinden. Seine Familie glaubt, dass er maximal ein Jahr durch die Welt reist. Die Wahrheit kann er ihnen nicht erzählen. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich es übers Herz bringe, meiner Mama zu sagen, dass ich plane, nicht mehr wiederzukommen? Oder was die Reise für mich bedeutet. Das kann ich meinen Eltern einfach nicht sagen … besonders nicht, weil ich gar nicht weiß, wo es mich hinbringt.“ Erste Station: die Philippinen. Seine Freunde stressen plötzlich, werfen ihm vor, er flüchte vor allem. Aber er muss gehen, um zu finden, was ihm fehlt. „Ich brauche Zeit für mich, um mich wiederzufinden.“ Seine Erwartungen hält er solange geheim, „wie in einer Schatzkiste verpackt.“ Erst wenn er sich und seinen Ort gefunden hat, will er sie öffnen.


Eddy mit Katze Kitty
Eddy wird Vater!

Angekommen?

Nach eineinhalb Jahren hat Eddy endlich wieder das Gefühl,
er selbst zu sein

„Hey du“. So fängt immer noch jedes Gespräch an, das er im Chat beginnt. Reserviert und doch persönlich. In der Vergangenheit hat er sich manchmal herzlos gefühlt. Weil er niemanden so nah an sich rangelassen hat. Das hat sich geändert. Nach eineinhalb Jahren Reise hat er das Gefühl, wieder der zu sein, der er immer war: verrückt, verträumt und abenteuerlustig.

Von den Philippinen ist er nach Kuala Lumpur gereist und zum Goldenen Dreieck aus Myanmar, Thailand und Laos. In Laos hat er sich ein Motorrad gekauft und ist einfach Richtung Süden gefahren. Ohne Navi, GPS oder Karten, bis er in Vietnam gelandet ist. Das war Abenteuer pur, aber belastend für das Reisebudget. Um es wieder aufzufüllen, ist er nach Australien gereist. Als er dort war, hat sich eine gute Jobchance in den USA ergeben. Deshalb hat er wieder den Kontinent gewechselt.

»Meine Reise endet nie.«

Jetzt arbeitet er in Miami, als Geschäftsführer eines Internet-IT-Systems. Er pendelt jedoch regelmäßig zwischen Amerika und den Philippinen. Denn seit einigen Monaten hat er eine Freundin. Miles ist Philippinin, lebt auf der Insel, die Eddys erstes Reiseziel war.

Während seiner Reise hatte er ein zweites Mal dort angehalten und sie kennengelernt. Bei Miles fühlt er sich gebraucht und geliebt. „Frei und dennoch geborgen“, so beschreibt er es. Bei ihr auf der Insel Geld zu verdienen, ist allerdings schwierig. Deshalb hat er den Job in Miami angenommen. Bald zieht er von Amerika zurück an den Strand. Denn er wird Vater… Das mischt seine Pläne neu. Stoppt seine Reise dann auf einer Insel mit traumschönen Sonnenuntergängen?

„Vorerst ja, aber meine Reise endet nie.“ Lach-Smiley.

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