20.04.2026
MITEINANDER

Erinnern beginnt vor der Haustür

Nationalsozialismus: Warum sich Johanna und Maya gegen das Vergessen einsetzen

von Tobias Schulte

Ihr Einsatz ist ausgezeichnet. Maya Hemschenherm und Johanna Florentine Dyck haben 2025 den Förderpreis des Bundespräsidenten gewonnen – für ein Projekt des Erinnerns an die Zeit des Nationalsozialismus vor ihrer eigenen Haustür: im Stammlager Senne (Stalag 326) in Schloß Holte-Stukenbrock.

Wir haben Maya und Johanna bei der Pilgerfahrt zum Juliansfest in Le Mans im Januar 2026 kennengelernt. Dort haben sie erzählt, dass sie direkt nach dem Abitur begonnen haben, sich in einem Friedensdienst engagieren – Maya im Jüdischen Museum in Brüssel und Johanna im Widerstandsmuseum in Amsterdam. 

Im Interview sprechen wir darüber, was sie am Erinnern begeistert und was das mit ihrem Glauben an Gott zu tun hat. 

Maya Hemschenherm
Johanna Florentine Dyck

Es ist euer Job, Menschen den Widerstand gegen die Nationalsozialisten und das jüdische Leben näherzubringen. Was habt ihr dabei zuletzt selbst dazugelernt?
 
Maya: Wir waren gestern in der Kaserne Dossin, von wo aus viele Jüdinnen und Juden nach Auschwitz gebracht wurden. Da war das Krasse für mich, wie die Nazis es am Anfang geschafft haben, dass die Menschen eigenständig dorthin gereist sind – indem sie Jüdinnen und Juden im Namen der jüdischen Gemeinden zur Arbeit in der Kaserne aufgefordert haben. Durch diesen Appell per Brief sind die Leute eigenständig mit dem Zug angereist. Ab dem Moment konnten sie nicht mehr weg.

Johanna: In den Niederlanden war das ähnlich, habe ich gelernt. Die Menschen mussten die Fahrt zu den Lagern auch selbst bezahlen. Wenn sie das nicht konnten, wurden sie nach dem Krieg noch unverschämterweise dazu aufgefordert, die Zugfahrt nachträglich zu bezahlen – obwohl ihnen alles weggenommen wurde.

Wie hat eure Begeisterung für das Erinnern angefangen?

Johanna: Bei Projekttagen in der Schule. 

Maya: Bei mir genauso. Wir konnten aus unterschiedlichen Angeboten aussuchen, womit wir uns beschäftigen wollen. Wir haben uns für etwas Geschichtliches entschieden und sind zur Gedenkstätte in Stukenbrock-Senne gefahren. Ich war schon öfter auf dem Gelände, in der Turnhalle dort habe ich oft geturnt, aber in der Gedenkstätte war ich vorher noch nie. Da habe ich gemerkt: Hier ist richtig was passiert. Ich war schon oft hier, aber ich wusste das nicht.

Maya Hemschenherm

Was hat sich dort abgespielt?

 Maya: Die Nationalsozialisten haben dorthin Kriegsgefangene geschickt und sie dazu gezwungen, in der Umgebung, zum Beispiel auf Höfen, zu arbeiten. Ganz viele Menschen sind in dem Lager infolge schlechter hygienischer Bedingungen, von Hunger und harter Arbeit gestorben.

Warum bewegt euch das? 

Johanna: Es geht um Menschen. Und es ist direkt vor der Haustür. 

Maya: Im Unterricht redet man über die Weltkriege und die nationalsozialistische Ideologie, aber man kann sich das oft nicht vorstellen. Dann merkt man: Das war auch hier, wo ich gerade stehe.

Woran habt ihr in der Projektwoche gearbeitet?
Johanna: Wir haben uns gefragt, wie Jugendliche ins Erinnern mit einbezogen werden können. Dafür haben wir zusammen mit zwei Mitschülern eine multimediale und interaktive Präsentation entwickelt, die sich mit den Kriegsgefangenen im Stalag 326 befasst. Inhaltlich standen die Deportation, die Registrierung sowie die Lebensumstände im Lager im Fokus. 

Wie ging es damit weiter?
Maya: Danach wurden wir zu Tagungen eingeladen, haben geschildert, was wir uns als junge Menschen wünschen. Wir haben beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mitgemacht und den Förderpreis gewonnen. Weil wir da schon so involviert waren und gefördert wurden, wollten wir nach dem Abi auch was mit Erinnern machen.

Wie macht ihr das in euren Museen?
Johanna: Indem wir die Geschichten der Leute erzählen – zum Beispiel von Widerstandskämpfern. Von Leuten bei der Feuerwehr, die Widerstand geleistet haben, jüdischen Zivilpersonen, queeren Menschen und so weiter.

Johanna Florentin Dyck

Hast du ein Beispiel? 

Johanna: Klar. Ich denke an Ernst, einen Schüler, der einen der wenigen Schülerproteste in den Niederlanden gemacht hat. Er war 15, als er nachts in die Schule eingebrochen ist, um Sätze an die Wände zu schreiben wie: „Nicht einschüchtern lassen“, oder „Es lebe die Prinzessin.“ Er wurde dabei nicht erwischt, aber man kann sich ausmalen, was passiert wäre, wenn er erwischt worden wäre … 

Was berührt dich daran?
Johanna: Dass es Geschichten von ganz normalen Leuten sind. Menschen wie du und ich. Sie konnten auch mit vielen kleinen Sachen Widerstand leisten.

Was hat das Erinnern mit eurem Glauben zu tun? 

Johanna: Einfach Nächstenliebe. Das zeigt sich an verschiedenen Dingen: Menschen ohne Vorurteile zu begegnen – zu allen Menschen nett und zuvorkommend zu sein. Und Gemeinschaft.

Maya: Für mich gehört zum Glauben auch die Gemeinschaft in der Kirche und das Miteinander, wie man mit anderen Menschen umgeht. Dazu zählt auch, dass ich mich gegenüber Leuten, die andere Religionen haben, genauso verhalte wie gegenüber Mitchristen. Meine Werte bleiben gleich, egal, um welche Person es geht.

Was sind denn deine Werte?
Maya: Dass ich allen Personen mit Respekt begegne. Dass ich versuche, ohne Vorurteile auf Menschen zuzugehen und Menschen mit in die Gemeinschaft zu integrieren. 

Johanna: Ich würde auch sagen: Gemeinschaft, Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt, Helfen. Wenn ich die Geschichten der Menschen im Museum erzähle, dann sehe ich, wie wichtig es ist, für andere Menschen einzustehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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