An Erntedank feiern wir die Gaben Gottes.
07.10.2018

Perspektive

Danke, danke, danke!

Erntedank. Der Klang dieses Wortes lässt vor meinem inneren Auge alle Farben des Herbstes leuchten.
Ich höre den kleinen schwarzen Ofen im Haus meiner Eltern knacken und wummernd die Luft anziehen. Erntedank. Mir steigen Gerüche in die Nase: Kürbissuppe, warmes Apfelmus, frischer Pflaumenkuchen
mit Zimt und Sahne. Und dann ist sie da – die Dankbarkeit.

test
Von Carolin Schnückel

Zu Erntedank danken wir Gott für das, was wir ernten dürfen. Wir werden uns bewusst, dass das Gedeihen unserer Früchte nichts Selbstverständliches ist. Wir sagen Dank, dass wir nicht Hunger und Durst leiden müssen. Wir sehen und preisen, dass es jemand gut mit uns meint. Schon in vorchristlichen Religionen wurden Erntedankfeste gefeiert: Bei den Griechen und Römern hatten sie ihren festen Platz im Jahresablauf, im Judentum wurde im Frühling und im Herbst dankgesagt. Erntedankfeiern sind in der römisch-katholischen Kirche seit dem dritten Jahrhundert nach Christus überliefert. Wenn man in die Bibel schaut, braucht man nicht weit zu blättern, um Zeuge des allerersten Erntedankfests zu werden.

Das allererste Erntedankfest wird in der Bibel von Kain und Abel gefeiert.

»Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten seines Feldes dar;
auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde.«

GENESIS 4, 3-4

Im Buch Genesis bringen die Brüder Kain und Abel Gott Dankesgaben vom Feld und aus der Schafherde dar. Dass diese Geschichte von Neid und Zorn ein tragisches Ende nimmt, ist uns bekannt. Was ich aber wirklich spannend finde, ist das, was nach dem Brudermord passiert: Gott lässt Kain zum rastlosen Wanderer werden, dem auf seinem heimischen Feld nichts mehr gedeihen soll – aber gleichzeitig verspricht er ihm, dass er ihn auf seinem weiteren Weg nie alleinlassen wird.

Ist das nicht großartig? Trotz dieser enormen Schuld gibt Gott Kain nicht verloren. Das macht mir den doppelten Sinn von Erntedank umso mehr bewusst: Dankbar kann man nur sein, wenn man weiß, dass das eigene Leben auch ganz anders aussehen könnte. Die Früchte der eigenen Arbeit wachsen zu sehen ist nicht selbstverständlich. Die Güte anderer Menschen zu erfahren ist nicht selbstverständlich. Gründe zur Dankbarkeit zu haben ist nicht selbstverständlich.

Kalt erwischt von der Dankbarkeit.
Zehn Jahre lang wird jeden Tag ins Buch eingetragen, was schön war und wofür man dankbar ist.
Innehalten - Dankesagen.

Erfüllt von Kopf bis Fuß

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das mich von Kopf bis Fuß erfüllen kann. Als wäre ich ein Gefäß, das Gott in Sekundenschnelle bis zum Rand auffüllt. Kennt ihr das auch? Manchmal durchzuckt mich die Dankbarkeit so plötzlich in einem eigentlich belanglosen Moment, dass ich erst gar nicht weiß, wo dieses Gefühl auf einmal herkommt. Wie ein Sonnenstrahl scheint sie dann auf meinen Weg und lässt ihn in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Von Menschen umgeben zu sein, die dankbar dafür sind, dass es mich gibt – allein dieser Gedanke erfüllt mich so sehr, dass die Dankbarkeit gar nicht mehr ins Gefäß passt.

Vor kurzem habe ich jemanden in meinem Leben verloren. Ich war einfach nur unendlich traurig und bin es immer noch. Vor ein paar Tagen kam die Traurigkeit beim Autofahren wieder hervorgeschossen, nachdem ich sie mit viel Arbeit und Ablenkung immer wieder weggedrängt hatte. Doch dann war da neben der Traurigkeit noch ein anderes Gefühl. Total verrückt, aber in diesem Moment konnte ich dankbar sein für die Traurigkeit. Denn um jemanden zu trauern bedeutet ja auch, dessen Andenken zu würdigen und ihm den Platz im Herzen zu geben, der ihm gebührt. Und ich war dankbar dafür, das fühlen zu können, auch wenn es verdammt weh tut.

»Ein Lächeln, ein tiefer Atemzug beim Spazierengehen, ein Tee mit frischer Minze, eine zutrauliche Nachbarskatze – das sind die kleinen Sonnenstrahlen auf meinem Weg, für die ich richtig dankbar bin.«


Ich versuche, der Dankbarkeit bewusst einen Raum in meinem Alltag zu geben. Vor ein paar Monaten hat meine Schwägerin meinem Mann und mir ein „10 Jahresbuch“ geschenkt. Das ist wie ein Kalender, in dem für jedes Datum zehn Zeilen vorgesehen sind – für jeden Tag in den kommenden zehn Jahren. Abends soll man eintragen, was schön an diesem Tag war. Ein Mini-Dankbarkeitsritual also. An manchen Tagen meint man, es ist nichts Besonderes passiert, nichts, was sich aufzuschreiben lohnt. Und es gibt Tage, die man einfach so schnell wie möglich vergessen will.

Erntedank jeden Tag

Aber irgendwie findet sich selbst am stressigsten und nervigsten Tag noch eine Kleinigkeit, die ein bisschen aufgemuntert hat. Ein Lächeln, ein tiefer Atemzug beim Spazierengehen, ein Tee mit frischer Minze, eine zutrauliche Nachbarskatze – das sind die kleinen Sonnenstrahlen auf meinem Weg, für die ich richtig dankbar bin. Erntedank kann man an 365 Tagen im Jahr feiern, wenn man will. Und diese private Feier kann für jede und jeden von uns ganz unterschiedlich aussehen.

Manchmal halte ich inne und denke ganz bewusst: DANKE! Manchmal flüstere ich das Wort auch. Das fühlt sich dann ein bisschen albern an, weil da ja eigentlich niemand anders ist. Aber gleichzeitig tut es auch unheimlich gut. Und wenn ich mir bewusst mache, dass ich das DANKE ja doch an ein Gegenüber richte, fühlt es sich auch nicht mehr komisch an. Ein Gebet kann nämlich auch aus einem einzigen Wort bestehen.

Mix

Mit der Nutzung dieser Website erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen