Drei Firmbewerberinnen aus Lippstadt versuchen, Karten mit Begriffen zu deuten.
Drei Firmbewerberinnen aus Lippstadt versuchen, Karten mit Begriffen zu deuten.
18.10.2018

Faszination

Die Bibel durch Rätseln erleben

In mobilen Escape-Räumen des Dekanats Lippstadt-Rüthen spielt man sich durch biblische Geschichten

test
von Tobias Schulte

Sie ist 2000 Jahre alt, voller Weisheiten und Geschichten: die Bibel. Doch manche Erzählungen kommen einem wie Rätsel vor. Warum handelt Gott so? Was meint Jesus damit? Das Dekanat Lippstadt-Rüthen will damit arbeiten – und hat zwei Escape-Räume mit biblischen Geschichten gebaut .

Die Escape-Räume sind in Wirklichkeit Escape-Wagen. In über 200 Arbeitsstunden hat ein Team des Dekanants zwei Wohnwagen aus den 90-er Jahren von innen entkernt und neu aufgebaut. Die Wohnwagen stehen heute in Lipperode.

»Der Spaß steht für viele wahrscheinlich im Vordergrund, aber man bekommt auch die Möglichkeit, biblische Geschichten zu durchleben und sich im Nachhinein damit auseinanderzusetzen.«

Christian Mölser
Referent für Jugend und Familie im Dekanat Lippstadt-Rüthen

Jugendreferent Christian Möser.
Jugendreferent Christian Möser.
Die mobilen Escape-Räume von außen.
Die mobilen Escape-Räume von außen.
Truhen mit Schlössern gilt es zu knacken.
Truhen mit Schlössern gilt es zu knacken.
Die Firmbewerber geben Zahlencodes ein.

"Was sollen wir damit anfangen?"

Damiano Reale hält etwa 20 Schnipsel eines laminierten Bildes in der Hand. Er zeigt sie seinem Cousin Romeo. „Was sollen wir damit anfangen?“, fragt Damiano. Die beiden gehören zu einer Gruppe von Firmbewerbern aus dem Pastoralen Raum Lippstadt. Sie schauen sich die Schnipsel näher an. Auf der Vorderseite der Schnipsel könnte das Bild einer Blume entstehen. Die Rückseite ist weiß, schwarze Zahlen sind darauf gedruckt. Sie legen die Schnipsel auf eine Tischfläche, drehen und wenden sie. Mit den Fingerkuppen schieben sie die Teile aneinander.

In Escape-Spielen versetzt sich eine Gruppe in eine ausweglose Situation. Die Spieler haben eine begrenzte Zeit, um sich daraus zu befreien. Meistens sind wichtige Gegenstände in Truhen verschlossen. Um an sie zu gelangen, spielen die Teilnehmer Rätsel.

Escape-Räume sind in Deutschland erst vor wenigen Jahren aufgekommen. Der Reiz besteht darin, an seine Grenzen zu stoßen. Einen neuen Blickwinkel auf Probleme zu finden. Zusammenhänge zu suchen. Escape-Spiele verschaffen ein Erfolgserlebnis. Also manchmal. Im Erzbistum Paderborn gibt es solche Angebote beispielsweise in Bielefeld, Dortmund oder Lippstadt.

Warum macht da auch die Kirche mit? „Die beiden Escape-Räume sind in alten Wohnwagen und somit mobil. Wenn eine Gruppe aus Rüthen den Raum morgen nutzen möchte, dann steht er da und nicht in Lippstadt“, sagt Christian Möser, Referent für Jugend und Familie im Dekanat Lippstadt-Rüthen. Der zweite Aspekt: Die Storys der Räume sind biblische Geschichten. „Der Spaß steht für viele wahrscheinlich im Vordergrund, aber man bekommt auch die Möglichkeit, biblische Geschichten zu durchleben und sich im Nachhinein damit auseinanderzusetzen“, sagt Möser.

60 Minuten, um den Schlüssel zu finden

Damiano Reale hat alle Schnipsel korrekt zusammengelegt. Er legt die Schnipsel zwischen die Handflächen und wendet sie. Er liest eine Zahlenkombination vor – ohne einen Plan, was er mit ihr anfangen könnte. Wer schon mal ein Escape-Game gespielt hat, kennt das Gefühl. Dann heißt es weiter suchen, weiter ausprobieren, weiter kreativ sein.

Die zwei umgebauten Wohnwagen stehen auf einem Parkplatz hinter der St. Michael Kirche. Draußen führt ein älterer Herr seinen Hund Gassi, während es drinnen hektisch wird. In einem Raum müssen die Firmbewerber sich von den zehn Plagen aus dem Alten Testament befreien. Damiano Reale und seine Mitstreiter feiern die Hochzeit zu Kanaa – bei der der Wein alle ist. Sie müssen innerhalb von 60 Minuten den Schlüssel zur Vorratskammer finden, um Wasserkrüge zu holen. Ein gewisser Jesus von Nazareth will das Wasser zu Wein wandeln.

Auf dem Weg zum Schlüssel haben Damiano und Romeo das erste Rätsel gelöst. „Ihr liegt gut in der Zeit“, funkt Spielleiter Dirk Tegetmeyer über ein Walkie-Talkie in den Wohnwagen. Falls die Jugendlichen etwas nicht verstehen, beantwortet er die Fragen. Falls eine Gruppe gar nicht vorankommt, hilft er mit Tipps.

Beobachten und helfen: Spielleiter Dirk Tegetmeyer (von rechts), Arne Dübbert und Christian Möser.
Beobachten und helfen: Spielleiter Dirk Tegetmeyer (von rechts), Arne Dübbert und Christian Möser.
Damiano Reale schaut liest sich eine Liste mit Wörtern durch.
Damiano Reale schaut liest sich eine Liste mit Wörtern durch.

Der Umbau
In 200 Arbeitsstunden hat das Team des Escape-Projekts die alten Wohnwagen im Inneren komplett ausgeräumt, ausgeschlachtet und von neuem aufgebaut. Sie haben zahlreiche Leitungen gelegt, um mit Lichteffekten zu spielen und über Kameras das Geschehen im Wagen von außen beobachten zu können. Eine Klimaanlage sorgt dafür, dass die Luft gut bleibt, wenn mehrere Personen gleichzeitig im Raum sind.

Die Jugendlichen machen sich ans nächste Rätsel. Sie haben eine Gästeliste vor sich liegen, die mit Zahlen verschlüsselt ist. Daneben liegen Tischkarten, die sie aus dem Raum zusammengesucht haben. Da ist es, das typische Escape-Room-Gefühl: Wie soll das denn gehen? Das schaffe ich nicht! Die Jungs grübeln, testen ihre Ideen und grübeln weiter. Nach zehn Minuten haben sie die Lösung des Rätsels. „Das hat gebockt“, sagt Damiano Reale hinterher. Er habe gelernt, dass er nicht alles allein schaffen kann. „Man muss lernen, im Team zu arbeiten. Jeder hat eine wichtige Aufgabe“, sagt der 15-Jährige. Gerade in der Firmvorbereitung ist es wichtig, dass Jugendliche eine positive Erfahrung mit der Kirche machen. Teamgeist erleben. Sich fragen, was biblische Geschichten mit einem selbst zu tun haben.

Die Firmgruppe begleitet Gemeindereferentin Susanne Wiehen. Sie erzählt davon, dass die Vorbereitung auf das Sakrament spritziger werden müsse: „Wenn wir den Heiligen Geist über Begeisterung erfahren können, dann muss es auch Aktionen geben, die begeistern.“ 

Außenstehende könten kritisieren: Bei den Escape-Räumen zeigt sich Kirche locker und spaßorientiert. Und sonntags läuft dann wieder die alte Leier. Für Christian Möser ist es da entscheidend, sich mit den unterschiedlichen Begriffen Kirche und Glaube auseinanderzusetzen. „Ich glaube niemandem, dass er an gar nichts glaubt“, sagt Möser. Deshalb sei es die Aufgabe, über den Glauben ins Gespräch zu kommen, und die sonntägliche Botschaft anders zu verpacken.

Die Escape-Räume sind ein Ansatz dafür. Das Erzbistum Paderborn fördert die Idee finanziell. Jugendreferent Möser hat zusammen mit Eventmanager Arne Dübbert (29) daran getüftelt, wie man sie umsetzen kann. Als die Wohnwagen auf dem Hof standen, begann Dirk Tegetmeyer (50) mit dem Innenausbau.

»Man muss lernen, im Team zu arbeiten. Jeder hat eine wichtige Aufgabe.«

Damiano Reale
Firmbewerber aus Lippstadt

Die Gruppe von Damiano meint, den Code für das letzte Schloss gefunden zu haben. Sie drehen die drei Zahlrenrädchen und das Schloss springt auf. In der Truhe befindet sich der Schlüssel zur Vorratskammer. Die Jugendlichen klatschen, ein paar Mädchen umarmen sich. Vier Minuten waren von der Stunde noch auf der Uhr.

Draußen bewerten sie ihre Erfahrungen in einem Fragebogen. Das Dekanat darf die Wohnwagen vorerst zwei Jahre lang benutzen. Im November und Dezember touren die Wagen nun quer durchs Dekanat. Aus den Erfahrungen wollen die Organisatoren im Winter ein Zwischenfazit ziehen, damit 2019 mehrere Zielgruppen die biblischen Rätsel erleben können.

Drei Firmbewerberinnen versuchen, die Hinweise zu kombinieren.
Drei Firmbewerberinnen versuchen, die Hinweise zu kombinieren.

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