Christopher König führt die Teilnehmer in die mysteriöse Kapelle.
22.07.2019

Heimat

Rätselknacker müssen Gelöbnis von Sögtrop finden

Beim Escape-Room in der St. Blasius-Kapelle ist Teamarbeit gefragt

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Von Till Kupitz

Mit geschlossenen Augen werden Paula, Maja, Kaethe, Sinnikka und Christian in die Kapelle geführt. Ein kleiner Altar, Bänke, Gesangbücher und Kerzenleuchter – auf den ersten Blick wirkt das Innere der St. Blasius-Kapelle in Sögtrop nicht sonderlich außergewöhnlich. Doch als Augenblicke später die schwere Holztür ins Schloss fällt, ändert sich die Situation schlagartig. Es bleiben von nun an nur 60 Minuten, um das Rätsel vom Gelöbnis von Sögtrop zu lösen und den Ausweg zu finden.

Eine Stunde lang sind die fünf Firmbewerber aus Cobbenrode jetzt Teil eines Labyrinths aus Rätseln und Geheimnissen. Denn die Sögtroper Kapelle verwandelt sich insgesamt knapp drei Wochen lang in einen professionell ausgestatteten Live-Escape-Room. Das Ziel: zu beweisen, dass es das Gelöbnis von Sögtrop wirklich gegeben hat.

Dekantsreferent König erklärt, worum es in der nächsten Stunde geht.

"Dieses Gelöbnis ist nach dem zweiten Weltkrieg abgelegt worden", erzählt Christopher König, Referent für Jugend und Familie des Dekanats Hochsauerland-Mitte. Zuvor sei ein Weltkriegsbomber ganz in der Nähe der Kapelle abgestürzt. "Da kein Dorfbewohner zu Schaden gekommen ist, hat die Dorfgemeinschaft gesagt: Wir geloben, dass wir jedes Jahr ein großes Dankhochamt feiern wollen."

Dies ist vor über 70 Jahren tatsächlich so geschehen – für den Escape-Room wurde die Story nun weitergesponnen. "Gewisse Personen haben großes Interesse daran, dass es das Gelöbnis niemals gegeben hat", erklärt König, der das Projekt mitinitiiert hat. "Das verschwundene Schriftstück dazu soll nie mehr auftauchen und in Vergessenheit geraten." Doch noch bleibt etwas Zeit, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen.

Für die fünf Jugendlichen ist es das erste Mal in einem Escape-Room. Als der 60-Minuten-Countdown zu ticken beginnt, gibt es kein Halten mehr. Blumentöpfe werden umgedreht, Kerzen untersucht, Bücher durchgeblättert: Alles, was irgendwelche Hinweise zur Lösung des Rätsels enthalten könnte, wird abgesucht. Schnell werden Truhen und Tresore gefunden – nur von Codes und Passwörtern fehlt jede Spur. "Wir gucken erstmal in allen Ecken, stellen alle Tresore und Kisten beieinander, die wir finden können", erklärt Paula die Strategie. "Dann fangen wir an, die zugehörigen Schlüssel zu suchen."

Was ist ein Live-Escape-Room?

Bei einem Live-Escape-Room wird eine meist kleine Gruppe von Personen in einen Raum eingesperrt und muss innerhalb einer vorgegebenen Zeit (oftmals 60 Minuten) ein Rätsel lösen. In dem Raum befinden sich Hinweise und versteckte Gegenstände, mit denen die Teilnehmer einen Ausweg aus dem „Gefängnis“ finden müssen.

Über Kameras und ein Funkgerät sind sie mit einem Spielleiter verbunden, der das Geschehen beobachtet und gegebenenfalls auch Tipps geben kann.

Mittlerweile gibt es deutschlandweit mehr als 200 solcher Live-Escape-Rooms. Den Ursprung haben die Escape-Games in der digitalen Welt

Schnell ausgebucht

Was im Inneren der Kapelle vor sich geht, sieht Christopher König genau. In der Kapelle sind mehrere Kameras platziert – draußen auf einem Computer werden die Bilder dazu angezeigt. Über Funk sind die Firmbewerber mit dem Spielleiter verbunden und können notfalls Hilfe anfordern, falls sie wirklich nicht mehr weiter wissen. Das Besondere: Neben Dekanatsreferent Christopher König übernehmen ausschließlich tatsächliche Dorfbewohner die Rolle der Spielleitung.

"Von 118 Bewohnern in Sögtrop haben sich 24 als Spielleiter ausbilden lassen", schildert König. Eigentlich waren nur 75 Spieltermine geplant. Weil die Resonanz aber so riesig gewesen ist, haben die Sögtroper sich bereit erklärt, noch häufiger die Spielleitung zu übernehmen. Jetzt sind es sogar 125 Termine. "Mehr geht aber wirklich nicht", erklärt König. 700 Spieler werden es am Ende sein, von Kegelclubs und Firmbewerbern bis hin zu Touristen, die den Escape-Room ausprobieren möchten. Entwickelt worden ist er von Dr. Theresa Kohlmeyer und ihrem Mann Andreas.

Kaethe (l.) und Maja versuchen, die Hinweise zu kombinieren.
Wenn der Countdown startet, bleibt nur eine Stunde Zeit.

Der Timer läuft weiter – noch sind es knapp 35 Minuten Zeit. Doch so langsam wirken Paula, Maja, Kaethe, Sinnikka und Christian etwas verzweifelt. Ein paar Puzzleteile des Rätsels haben sich mittlerweile zwar ergeben, doch mit einem mysteriösen Code können die Jugendlichen nach wie vor gar nichts anfangen, wie Christian auch zugibt: "Da sind wir gerade ein bisschen überfordert." Über Funk meldet sich Christopher König und gibt einen kleinen Hinweis. Der bringt die fünf Spieler weiter. Zack, zack wird die Kapelle an bestimmten Stellen untersucht. Und tatsächlich findet sich eine Zahlenreihe, die einen Tresor öffnet. "Der hat uns sowieso die ganze Zeit genervt", sagt Maja. Denn bei jeder falschen Eingabe fing der Tresor laut an zu piepen.

Auch im Paderborner Dom wurde im letzten Jahr ein Escape-Room eingerichtet. Dass nun die Kapelle im sauerländischen Sögtrop von der Organisation um Christopher König ausgewählt wurde, liegt an der Besonderheit des Dorfes. "Darauf aufmerksam geworden sind wir, weil Sögtrop durch den Wettbewerb ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ zum Landesgolddorf geworden ist und eine Station des Reister Kapellenweges ist", sagt Christopher König. Die Sögtroper hätten direkt gesagt: ‚Der Escape-Room ist perfekt für uns.‘ In der St. Blasius-Kapelle werden jährlich nur zwei Gottesdienste gefeiert, einer passend am Gelöbnis-Tag. Doch noch immer ist die Kapelle Dorfmittelpunkt und fest in die Dorfgemeinschaft involviert. "Hier ist die Kirche noch im Dorf", lacht Christopher König.

"Erst leben, dann feiern"

Die Kapelle mag zwar klein wirken. Doch auch in ihr gibt es viele Winkel und Ecken, die vielleicht nicht beim ersten Hinsehen so wirken, als würden sie einen Hinweis verbergen. Im Moment sind fünf Jugendliche noch immer in der Kirche und suchen den Ausweg im Kampf gegen die Zeit. Es ist spannend, welche Dynamik sich innerhalb des Teams ergibt. Zusammen müssen die Rätsel gedeutet und die Hinweise kombiniert werden – nur dann klappt’s mit der Lösung. Doch die Minuten verfliegen immer weiter, während sich die Firmbewerber mit einem alten Gelöbnis auseinander setzen.

Die Hinweise könnten überall versteckt sein.
Die Suche läuft.
Geschafft!

"Die Ausgangslage ist bei vielen Leuten immer: Wir müssen die Jugendlichen wieder in die Messe bringen. Das ist ein bisschen falsch gedacht, finde ich", erklärt Christopher König eine Dimension des Escape-Rooms. "Wir müssen erstmal gemeinsam etwas erleben und Gemeinschaft leben, bevor wir das dann im Gottesdienst feiern können." Ganz getreu dem Motto: "Erst leben, dann feiern."

Kurz vor Schluss haben die Cobbenroder in der Kapelle eigentlich alle Hinweise gefunden. Eigentlich. Denn das letzte Schloss will einfach nicht aufgehen. Immer wieder wird der Code eingegeben. ‚Der muss richtig sein‘, sind sich alle sicher. Mit einem kräftigen Ruck geht die Truhe dann endlich auf. 59 Minuten und 30 Sekunden – das ist mal eine Punktlandung.

Alle lachen, sind erleichtert und gehen mit der gefundenen Schriftrolle nach draußen. Kurze Zeit später überlegen die Fünf schon, ob sie nicht woanders nochmal in einen Escape-Room wollen. Dass sie Spaß hatten, sieht man den lachenden Gesichtern an. Am wichtigsten ist aber: "Wir haben zeitlich gesehen um ein paar Sekunden unseren Pastor geschlagen", grinsen alle. "Das ist alles, was wir erreichen wollten."

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