Der junge Dorfpfarrer Daniel (Bartosz Bielenia) schreit gen Himmel.
Der junge Dorfpfarrer Daniel (Bartosz Bielenia) schreit gen Himmel.
02.09.2020

Kino

Falscher Gottesmann, echte Überzeugung

Im Oscar-nominierten Film „Corpus Christi“ gibt sich ein Ex-Sträfling als Pfarrer aus – ab 3. September im Kino

test
von Dietmar Gröbing

Alles scheint normal, als der junge Dorfpfarrer Daniel (Bartosz Bielenia) seinem Gegenüber die Beichte abnimmt. Doch der Geistliche schmückt sich mit falschen Federn, denn er hat nie ein Priesterseminar besucht. Daniel ist ein Hochstapler – ein Hochstapler im Namen Gottes. Deshalb muss er während des Beichtrituals regelmäßig auf sein Handy schauen, das ihm die passenden Worte vorgibt.

Die Sequenz markiert eine der wenigen heiteren Momente des Films „Corpus Christi“, der ansonsten Richtung Drama tendiert. Kein Wunder, denn der ausgetragene (Gewissens-)Konflikt besitzt tragische Züge. Eine große Lüge umgibt das Wirken des 20-jährigen Daniel, der bis vor Kurzem in einem polnischen Jugendgefängnis saß. Während sich seine Mitgefangenen in Macho-Attitüden ergehen, drängt es Daniel in eine andere Richtung. Er entdeckt seine Affinität zum Glauben, der ihm Halt in einer scheinbar haltlosen Situation verleiht

Daniel lebt mit einer Lüge.

Mehr Hoffnung als Skepsis bei den Gläubigen

Liefe alles normal, würde Daniel nach Verbüßung seiner Haftstrafe eine Lehranstalt für angehende Seelsorger besuchen. Doch die polnische Verfassung verbietet ehemaligen Sträflingen den Besuch eines Priesterseminars. Daniels Drang, Menschen für Gott zu begeistern ist aber stärker als der juristische Verhaltenskodex des konservativen Staatsapparats. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und Daniels Wille befiehlt ihm das Tragen einer (gestohlenen) Kutte – ob mit oder ohne Ausbildung.

Sein Weg führt ihn in ein abgelegenes Dorf, das seinem Erscheinen mehr Hoffnung denn Skepsis entgegen bringt. Der örtliche Pfarrer hat seine besten Tage hinter sich und sieht in Daniel einen potenziellen Nachfolger. Dieser wiederum beackert das bestellte Feld mit Enthusiasmus und frischen Ideen. Folglich wird der sonntägliche Gottesdienst zum mit Pop-Elementen versehenen Event. Die Gemeinde dankt es Daniel mit Sympathie und Zuneigung. Alles läuft perfekt – zu perfekt, um wahr zu sein.

Geht da was?! Marta (Eliza Rycembel) und Daniel (Bartosz Bielenia).
Drogen gehören für Daniel zum Alltag nach dem Gefängnis.

Moderne Passionsgeschichte

Der erste Bruch vollzieht sich mit dem Auftauchen einer attraktiven Verehrerin. Marta (Eliza Rycembel) verliebt sich in Daniel. Dieser erwidert ihre Gefühle, was den falschen Gottesmann in arge Gewissensnöte bringt.

Erneut bewegt sich Daniel in einem Spannungsfeld aus Begehren und Verweigerung, emotionalem Rausch und zölibatärem Verzicht. Diese Ambivalenz taucht bereits zu Beginn des Films auf, der die Hauptfigur als innerlich zerrissenen Charakter einführt.

Eben noch passiver Zeuge einer Gefängnisprügelei, genießt Daniel nach seiner Entlassung das Leben in vollen Zügen. Gewalt inklusive. Eben jener Seiltanz macht die Hauptfigur interessant, ihre Story zu einer Passionsgeschichte mit ungewissem Ausgang.

Ein Film - mit Preisen überschüttet

Vielleicht wurde „Corpus Christi“ deshalb mit Preisen überhäuft. Nicht nur auf nationaler Ebene sorgte Jan Komasas Regiearbeit für Aufsehen. Das Werk lief auf mehr als 60 Festivals, wurde in über 50 Länder verkauft und schließlich als bester „nicht-englischsprachiger Film“ für den Oscar nominiert. Hintergrund dürfte neben der formalen Klasse die intellektuelle Qualität sein. Beinah unaufhörlich problematisiert der Film das moderne Verständnis der Institution Kirche und ihrer Würdenträger.

So fragt die Produktion (unterschwellig) danach, wer eigentlich im Namen Gottes sprechen darf. Nur die Vertreter einer tradierten, neuerdings heftig in der Kritik stehenden Kirche, oder auch diejenigen, die zwar ohne klassische Ausbildung sind, sich aber im besten Sinne des Wortes „berufen“ fühlen? Braucht es zwingend ein Priestergewand, um Gutes zu tun beziehungsweise das Wort Gottes zu verbreiten? Oder genügen am Ende Überzeugung und christlicher Wertmaßstab?

Corpus Christi. Polen 2019, Originaltitel: Boze Cialo, Regie: Jan Komasa, Buch: Mateusz Pacewicz, Kamera: Piotr Sobocinski, Darsteller: Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel, Tomasz Zietek, Barbara Kurzaj, Länge: 115 Minuten, Start: 03.09.2020, Genre: Drama

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