Der Anführer der Geknechteten (Yvan Sagnet) ruft seine Gefolgsleute per Mikro zur Revolution auf.
Der Anführer der Geknechteten (Yvan Sagnet) ruft seine Gefolgsleute per Mikro zur Revolution auf.
15.12.2020

Politik

Ein Migrant als Erlöser

In dem Film „Das Neue Evangelium“ ist Jesus ein Gastarbeiter aus Nigeria.

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von Dietmar Gröbing

Christus spricht zu seinen Jüngern. Allerdings muss seine Stimme per Mikrofon und Lautsprecher verstärkt werden. Damit alle Gefolgsleute ihn hören. Und damit allen Betrachtern des Films klar wird: Dies ist keine historische Abhandlung, sondern eine aktuelle Geschichte. Der Menschenfischer ist in der Gegenwart angekommen.

Das letzte Abendmahl führt seine Teilnehmer in karger Industriekulisse zusammen.
Das letzte Abendmahl führt seine Teilnehmer in karger Industriekulisse zusammen.

Die Zeichen stehen auf Revolution

Dementsprechend fällt seine Ansprache modern aus, gänzlich anders als vor 2.000 Jahren. Die Themen sind dem Zeitgeist angepasst. Zwar setzt sich der Heiland nach wie vor für die Schwächsten unter uns ein, doch die kommen inzwischen aus der dritten Welt, genauer: vom afrikanischen Kontinent.


Die Wiege der Menschheit entsendet ihre Kinder gen Norden. Weil sie bettelarm sind und vom Reichtum der ersten Welt profitieren wollen. Aber Europa meint es nicht gut mit seinen Gästen, behandelt sie respekt- und würdelos. Bis einer der Geknechteten aufsteht und zur Revolution aufruft.

Sein letzter Weg führt Christus (Yvan Sagnet) zur Kreuzigung.
Sein letzter Weg führt Christus (Yvan Sagnet) zur Kreuzigung.

Radikales Experiment

Der aus Berlin stammende und in der Schweiz lebende Regisseur Milo Rau wagt ein radikales Experiment. Bei ihm besitzt Jesus das Erscheinungsbild eines farbigen Migranten aus Nigeria. Willkommen im „Neuen Evangelium“.

Hier ist fast nichts, wie es ursprünglich war. Und das ist gut so, denn der Erlöser kommt keineswegs als bärtiger Zimmermann alter Zunft daher, sondern als Gastarbeiter aus Westafrika. In der Folge landet der unkonventionelle Prophet genau dort, wo man beim Eintritt in die EU landet: am südlichen Zipfel Italiens.

Ein Migrant als Erlöser

Ebenso wie seine Jünger ist Jesus (Yvan Sagnet) bei Milo Rau ein Lagerinsasse – ein Mensch zweiter Klasse, der aufgrund seiner Hautfarbe und Herkunft ein Außenseiterdasein führt. Ausgebeutet und nicht zugehörig, findet Jesus ausschließlich Gehör bei seinen Leidensgenossen.

Doch ein Mensch seines Kalibers ist geboren für mehr, für mehr als einen kleinen Kreis, hat er doch Dinge zu sagen, die jeden etwas angehen. Höchste Zeit für Veränderung. Jesus steht auf und klagt mit seinen Verbündeten die herrschenden Verhältnisse an.

Der Revoluzzer stößt erwartungsgemäß auf Widerstand seitens der Machthaber, die reflexartig versucht, ihre Pfründe zu sichern. Zugleich ist die herrschende Kaste bemüht, dem ungeliebten Aufwiegler das Handwerk zu legen.

Modifizierter Menschenfischer

Theater- und Filmemacher Milo Rau erzählt eine modifizierte Jesus-Geschichte. Freilich unter geografischer und inhaltlicher Anlehnung an zwei Beispiele der Gattung, die seinerzeit für hitzige Kontroversen sorgten: die Werke von Pier Paolo Pasolini („Das 1. Evangelium – Matthäus“) und Mel Gibson („Die Passion Christi“).

Raus Film steht Pasolini näher, weil der Wahl-Schweizer größtenteils mit Laiendarstellern arbeitet, in diesem Fall mit Menschen aus Afrika. Sie fristen ihr Dasein, teilweise illegal, als Saisonarbeiter in süditalienischen Lagereinrichtungen.

Halb Fiktion, halb Realität

Doch Achtung: „Das Neue Evangelium“ ist weniger ein klassischer Jesus-Film als vielmehr seine mediale Überhöhung. Was daran liegt, dass der (echte) Protest der afrikanischen Migranten gegen die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensverhältnisse, ihr Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit in das Werk einfließen.

Realpolitische Vorgänge und filmische Absichten überschneiden sich und führen zu einem doppelbödigen Spiel aus biblischer Referenz und Ist-Zustand. Verstärkt wird das Konzept durch den expliziten Verweis auf die künstlerische Form, denn auch der Herstellungsprozess des Films wird thematisiert.

Die Machthaber richten über das Schicksal des weiß gekleideten Aufständlers (Yvan Sagnet).
Die Machthaber richten über das Schicksal des weiß gekleideten Aufständlers (Yvan Sagnet).

Aktualisierung der christlichen Botschaft

In letzter Konsequenz ist „Das Neue Evangelium“ ein Mix aus Spielfilm, Essay und politischer Aktionskunst. Und zudem sein eigenes „Making of“. Ein riskantes Unterfangen, das leicht hätte scheitern können. Doch das Dokudrama überzeugt speziell durch seine Aktualisierung der christlichen Botschaft, die in Zeiten von Abschottung und Spaltung nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat.

„Das Neue Evangelium“ ist ab dem 17. Dezember in digitaler Form verfügbar. Ein Streaming-Ticket kostet 9,99 Euro. Die von der Pandemie schwer getroffenen Kinos werden prozentual am Erlös beteiligt. Tickets unter https://dasneueevangelium.de/#digitales-ticket

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