„Der Hass war plötzlich da.“
05.11.2015

„Der Hass war plötzlich da.“

Flüchtlinge in Hardehausen – Teil 1: Die Flucht

Von Manuel Troike

Es ist tiefste Nacht. Humam sitzt mit 24 weiteren Menschen in einem kleinen Boot. In der Ferne kann er Lichter sehen, die wie Leuchttürme von der griechischen Insel Kos herüber leuchten. „Viel Glück!“, ruft der Schlepper und springt wenige Meter vom türkischen Festland entfernt von Bord. Einem der Flüchtlinge hat er kurz erklärt, wie er das Boot steuern kann. Jetzt sind sie auf sich selbst gestellt. Das Boot ist überfüllt, die Strömung arbeitet gegen sie. Nach einer Stunde und 20 Minuten erreichen die 25 Flüchtlinge das rettende Ufer: Sie sind in Europa angekommen.

Humam: "Ich weiß nicht, wo der Hass plötzlich herkommt."

„Ich musste einfach weg. Auf der Straße liefen Jungen mit Gewehren herum, die mich für 100 Euro sofort erschossen hätten“, erzählt Humam. In der ehemaligen Schwesternwohnung, die bis 2014 den Konvent der Franziskanerinnen beherbergte, auf dem Gelände des Jugendhauses Hardehausen hat er mit sieben weiteren Flüchtlingen aus dem Irak und Syrien ein sicheres Zuhause gefunden. Der 44-jährige Zahnarzt und Kieferchirurg lebte vor seiner Flucht in Syrien. Seine Zahnarzt-Praxis wurde von einer Autobombe zerstört. Seine Frau - sie hat einen Master of Computer Sciences, erzählt er stolz - und seine Kinder musste er in Syrien zurücklassen. Es wäre zu gefährlich gewesen, sie auf den unsicheren Weg nach Europa mitzunehmen. „Die letzten tausend Jahre haben wir in Frieden gelebt. Ich weiß nicht, wo der Hass plötzlich herkommt“, versucht er die Situation zu verstehen.



Humams Praxis nach der Detonation der Autobombe.

Für 1200 Euro bringen Schlepper die Flüchtlinge von der türkischen Hafenstadt auf die griechische Insel Kos. Die vier Kilometer lange Überfahrt ist für viele Flüchtlinge die letzte Station ihrer langen Reise. Die überfüllten und häufig kaputten Boote werden zur Todesfalle. „Ich habe extra 800 Euro mehr bezahlt. Mir wurde versprochen, dass dafür weniger Leute auf dem Boot sind, dass es sicherer ist“, erzählt Humam von seiner Flucht. Als er am Boot ankam, war auch dieses überfüllt. Es waren weniger Menschen drauf, aber es war auch wesentlich kleiner. 2000 Euro kostete ihn die Überfahrt. Auf einem Kreuzfahrtschiff wäre er dafür direkt bis Venedig gekommen.

In Griechenland bekam Humam dann Dokumente, mit denen er reisen konnte. Ein Freund verriet ihm, dass er auf Grund seiner hellen Hautfarbe versuchen kann, direkt mit dem Flugzeug nach Deutschland zu fliegen. Humam besorgte sich Tickets und schaffte es im zweiten Anlauf in ein Flugzeug nach Frankfurt. „So viel Glück wie ich hatten die anderen nicht“, resümiert er.

Auch Iman, Kaesar, Hamed, Haysam und Abdelrahman haben die Strapazen der Flucht auf sich genommen. Sie alle sind von der Türkei mit dem Boot nach Griechenland übergesetzt. Von dort aus mussten sie zu Fuß, per Bus oder im Zug weiter. 15 Tage durch Griechenland, Mazedonien, über die Balkanroute bis nach Österreich und schließlich nach Deutschland. Zwei Wochen lang schliefen sie auf der Straße, schmuggelten sich in Züge, suchten Mitfahrgelegenheiten. Auch wenn die sechs Männer unterschiedliche Wege hinter sich haben, sie alle verbindet der Grund für ihre Flucht: Die Angst vor dem Tod, der ihnen in ihrer Heimat tagtäglich begegnet ist.

Hamed hat in Syrien Jura studiert.

Besonders hart zu spüren bekam Kaesar (21) die Gewalt des sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Er ist Christ und damit Zielscheibe der islamistischen Kämpfer. Sein Onkel wurde durch eine Autobombe getötet, sein Vater im Krieg schwer verletzt. Kaesars Vater schickte seine beiden Söhne los. Sie sollen es besser haben, sie sollen leben. Auf der Flucht wurde Kaesar von seinem Bruder getrennt. „Ich hoffe, ich finde meinen Bruder hier wieder“, sagt er.

Hamed (27) stand ebenfalls im Fadenkreuz des IS. Vor einem Jahr hat er sein Jura-Studium abgeschlossen. Er hatte gerade das erste Jahr seines zweijährigen Einstiegs-Praktikums beendet, nach dessen Abschluss er als Richter arbeiten darf, als der Krieg ihn erreichte. „Der IS verfolgt Juristen. Ihre Gerichtsbarkeit ist einzig und allein die Scharia. Sie wollen keine unabhängigen Richter“, erzählt er.


Im zweiten Teil der Reportage steht der Alltag der sechs Männer im Jugendhaus Hardehausen und ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren Familien im Fokus.

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