„Ich habe Angst um meine Familie.“
09.11.2015

„Ich habe Angst um meine Familie.“

Flüchtlinge in Hardehausen – Teil 2: Angekommen

Von Manuel Troike

Die Odyssee der sechs Flüchtlinge, die seit Anfang Oktober in Hardehausen wohnen, war auch am Grenzübergang in Passau noch nicht beendet. Es ging von einer Unterkunft in die nächste, von einer Stadt zur anderen. Passau, Unna, Gießen, Straelen, Hardehausen. Mal wohnten sie mit drei Personen auf einem Zimmer, mal waren es zwölf Flüchtlinge auf engstem Raum. Wochenlang wurden die sechs Männer durch Deutschland geschickt. Jetzt sind sie erstmal „zu Hause“. In der ehemaligen Schwesternwohnung, die bis 2014 den Konvent der Franziskanerinnen beherbergte, auf dem Gelände des Jugendhauses Hardehausen wurden die Flüchtlinge herzlich aufgenommen.

Jovana lernt mit Haysam das deutsche Alphabet.

Zweimal die Woche geben Svenja und Jovana ihnen Deutschunterricht. Die beiden KatHO-Studentinnen sind im Rahmen des Studienprojekts II im Jugendhaus und helfen dabei, die sechs Männer auf den Alltag in Deutschland vorzubereiten. Einkaufen, Verkehrsregeln fürs Fahrradfahren, Geld, eine fremde Kultur – es gibt viel zu lernen. Nicht alle von Svenjas und Jovanas neuen Schülern sprechen Englisch, doch der gut gebildete Humam hilft gerne aus und dolmetscht für die arabisch sprechenden Flüchtlinge. „Sie lernen sehr schnell und können bereits kleine deutsche Texte lesen. Man merkt, dass sie unbedingt Deutsch sprechen wollen“, erzählt Jovana begeistert von den Lernfortschritten. In wenigen Wochen startet für die Flüchtlinge im Stadtgebiet Warburg ein professioneller Deutschkurs, an dem auch die sechs Flüchtlinge teilnehmen werden.

„Das Essen in Deutschland ist gut, nur das arabische Fladenbrot vermissen wir sehr“, erzählt Humam. Bei Ausflügen nach Paderborn darf deshalb der Besuch eines türkischen Supermarktes nicht fehlen. Dort gibt es das beliebte dünne Fladenbrot. „Es ist schön, ein Stück Heimat hier zu haben“, freut sich der 44-jährige Imad, der in Syrien als Friseur arbeitete.

Imad, Abdelrahman, Hamed und Mumam (v.l.) bei Gulasch, Kartoffeln und Rotkohl.

Einen geregelten Tagesablauf haben die sechs Männer noch nicht. Neben den regelmäßigen Deutschstunden treffen sie sich ab und zu mit Freunden, die in anderen Unterkünften, zum Beispiel im Haus Maria in Warburg, wohnen. Auch mit den Mitarbeitern des Jugendhauses verbringen sie viel Zeit. Mit den Praktikanten und FSJlern, deren Wohngemeinschaft direkt in der Nachbarschaft der Flüchtlinge ist, gehen sie kegeln oder sie kochen sich gegenseitig regionale Spezialitäten. Letzte Woche luden die Flüchtlinge zu einem syrischen Essen in ihre Wohnung ein, dafür haben sich die Praktikanten direkt mit einer Einladung zu Gulasch und Rotkohl revanchiert. Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder nimmt sich viel Zeit für Gespräch, er nimmt sie auch schon mal mit nach Paderborn oder geht mit ihnen Sport machen. „Wir haben sogar beim Ballspielen im Schwimmbad Deutsch gelernt. Das hat wirklich gut funktioniert“, beschreibt er seine Erfahrungen.

Die Flüchtlinge erzählen Georg Pahlke von ihren Familien.

Noch warten sie auf ihre Dokumente und die Entscheidung über ihre Asylanträge. Haysam will seine Familie nach Deutschland holen. Die Männer stehen in regen Kontakt mit ihren Familien. Über Facebook oder Skype berichten sie jeden Tag, wie es in Deutschland ist. Sie bekommen aber auch die Schrecken und die Angst ihrer Angehörigen aus den Kriegsregionen mit. „Wir haben Angst um unsere Familien“, sagt Humam. Es ist ihnen anzusehen. Die sechs Flüchtlinge erzählen Georg Pahlke, dem stellvertretenden Leiter des Jugendhauses Hardehausen, wie es in ihrer Heimat aussieht. Sie zeigen ihm Bilder und Videos von ausgebrannten Autos, Bombeneinschlägen und ihren eingestürzten Häusern. Als Haysam am Ende des Gesprächs fragt, ob er nun seine Familie nach Deutschland holen könne, wurde es plötzlich still. „Er dachte, dass das nun schon das offizielle Gespräch mit den Behörden gewesen wäre, nach dem er als Flüchtling anerkannt wird. Er war sehr traurig, als wir ihm sagten, dass das noch etwas dauere“, erklärt Svenja.

Jetzt heißt es abwarten. Sie müssen noch zu einem Gespräch mit den deutschen Behörden, um offiziell als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Dann dürfen sie bleiben – offiziell, legal. Dann hat Haysam eine Chance, seine Frau und seine Kinder nach Deutschland zu holen. Erst dann sind sie wirklich angekommen.

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