17.07.2021

Miteinander

"So beängstigend, so surreal"

Wie drei junge Menschen die Flutkatastrophe erlebten

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von Tobias Schulte

Ausnahmezustand. Plötzlich zählt nur noch: Retten, was zu retten ist. Die Flutkatastrophe in den vergangenen Tagen hat über 100 Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz das Leben gekostet. Viele Menschen werden immer noch vermisst. Straßen und Häuser sind eingestürzt.

Wir haben mit drei jungen Menschen aus Sundern und Hagen gesprochen, die die Flutkatastrophe miterlebt haben. Mal war die Gefahr größer, mal kleiner. Sie erzählen von den Stunden, als das Wasser kam und kam. Und davon, wo Gott in all dem ist.

Helena Minner, 18, aus Sundern

Helena Minner

Dienstagabend habe ich mich bei mir zuhause mit sieben Schulfreunden getroffen. Es war für uns quasi ein Abschied, alle gehen jetzt studieren oder machen ein FSJ. Wir saßen bei uns in der Bar und konnten sehen, wie es anfängt zu regnen. Da haben wir uns noch keine Gedanken gemacht.

Ich wohne in Sundern direkt an der Settmecke, einem Bach. Am Mittwoch konnte ich dabei zusehen, wie der Pegel stieg und stieg. Dass der Bach die Wiese überflutet, kam schon öfter vor. Dass der Bach Opas Keller voll laufen lässt, war für uns fast schon normal. Doch am Mittwoch war es anders. Die Settmecke ist innerhalb von einer halben Stunde so über die Ufer gegangen, dass sich ein Fluss rund um unser Haus gebildet hat. Regelrecht ein Strudel. Es war so beängstigend, so surreal.

Wir haben das gesamte Untergeschoß leergeräumt, die Rolladen runtergemacht und Sandsäcke vor die Fenster gelegt. Trotzdem lief Wasser ins Haus. Da bekommst du Angst, du erlebst eine Situation, die du nicht kontrollieren kannst.

Das Wasser kommt so auf dich zu. Bis 12 Uhr nachts haben wir Wasser, Schlamm, Steine und Stöcke (wie auch immer die ins Haus kamen) aufgewischt und aufgesammelt. Am nächsten Morgen kam um 8 Uhr die Feuerwehr. Um 9 Uhr kamen unsere Nachbarn, um zu helfen. Die Solidarität, die Hilfsbereitschaft hat mich so berührt. Es hat mir Hoffnung geschenkt, dass Menschen kommen und dir sofort helfen, egal was passiert. Ich wusste: Du kannst auf diese Menschen vertrauen, die sind immer da.

Bei mir ist die Hoffnung und Zuversicht größer als der Verlust, den ich erlitten habe. Trotzdem glaube ich, dass es noch dauern wird, bis ich die Situation verarbeitet habe. Ich habe Angst, dass sich solche Naturkatastrophen wiederholen. Gerade durch den Klimawandel kommen Extremwetterverhältnisse immer häufiger vor. Da erwarte ich fast schon, dass so etwas wieder passiert.

Der Garten steht voller Wasser.
Der Garten steht voller Wasser.

Miriam Pawlak, 30, aus Hagen

Die Unwetterlage rund um meine Geburtsstadt Hagen trifft mich hart. Nicht weil unser Keller und die Waschküche sich selbstständig mit Wasser füllten – das war noch harmlos im Vergleich zu den vielen Menschen, die von einer Sekunde auf die andere ihr Hab und Gut, ja sogar Angehörige verloren haben oder sie vermissen.

Die letzten Tage gehen mir zu Herzen. Auch wenn es meine Familie – Gott sei Dank – nicht schlimmer getroffen hat.

In meinem Stadtteil in Hagen hat das Wasser vergleichsweise wenig Schaden angerichtet. Doch in den Medien sehe ich die desaströsen Fluten, die braunen Schlammströme, die gnadenlos alles mitreißen, leidende Menschen, die evakuiert werden müssen – kurz: es sind die Bilder der Verzweiflung, die mich wie die Kanzlerin in Amerika oder den Feuerwehrmann in Altena meine ganze Ohnmacht spüren lassen.

Nichts tun zu können, weil die Kraft des Wassers Überhand hat, Erdrutsche verursacht, Straßen bricht und die Kanalisationen überfordert – das macht mich fassungslos und traurig. Und diejenigen, die mutig und rettend vorangegangen sind, sind nicht mehr unter uns.

Wasser schwappt über einen Zaun, aufgenommen von Miriam Pawlak.
Wasser schwappt über einen Zaun, aufgenommen von Miriam Pawlak.
Miriam Pawlak

Im Gebet verbunden. Das ist das Einzige, das mir dazu einfällt. Das tut weh.
Die Solidarität mit den Nachbarn und den Menschen aus den anderen Regionen ist groß, aber das Gefühl der Ohnmacht, nicht helfen zu können, ist heftig. Menschen um ihre Existenz weinen zu sehen – das auszuhalten, ist die eine Sache.

Die andere ist die Unruhe, die in mir aufkommt. Haben wir vielleicht doch nicht genug getan? Wir sind nicht machtlos, was die Ursachenbekämpfung der Klimakrise anbelangt. Vieles liegt eben doch in unserer Verantwortung. Vielleicht wird es dem ein oder der anderen endlich klar, dass alles miteinander zusammenhängt und dass wir nicht nur für uns leben.

Ich sehe mich durch den Schrecken der letzten Tage wie durch einen Spiegel blicken und frage mich: Bist du gut genug zu dir und deiner Umwelt? Kannst du nicht auch etwas zum Erhalt der Schöpfung beitragen? Schließlich sind wir alle miteinander verbunden – Tiere, Pflanzen, Menschen – wir sind das ineinander verwobene Netz der Liebe Gottes. Die Regengüsse und Überschwemmungen vor meiner Haustür haben mich wieder einmal wachgerüttelt: Die Klimakrise ist mitten unter uns. Aber Gott hat uns als intelligente Wesen geschaffen. Wir Menschen haben die Power und das Know-how – nur wir können den Planeten und damit die Menschheit retten. Das macht mir Mut. Jetzt.

Jan-Hendrik Ilk, 30, aus Hagen

Das Wort Betroffenheit hat durchaus mehrere Bedeutungen. Das ist mir im Zuge der schwe-ren Hochwasserkatastrophe der letzten Tage sehr deutlich geworden. Einerseits muss ich mit großer Dankbarkeit sagen: Ich bin nicht direkt betroffen. Gott sei Dank. Zwar wohne ich im Süden von Hagen in unmittelbarer Nähe zum schwer betroffenen Volmetal, aber im Gegen-satz zu einigen Menschen in direkter Nachbarschaft ist mein Wohnhaus verschont geblieben. Einem Nachbarn dagegen hat es das Grundstück völlig unterspült. Dabei hat der sonst so friedliche Bach ganze Brücken und Teile der Straße einfach fortgerissen. Eine unglaubliche Kraft, die sich etwa zwei Meter von meinem Wohnzimmer entfernt den Weg ins Tal bahnt.

Jan-Hendrik Ilk aus Hagen.
Jan-Hendrik Ilk aus Hagen.

Im Tal dann streckenweise völlige Überflutung. Das schöne und beschauliche Dahl ist im Ortskern stark betroffen, wie auf dem Video im Header deutlich zu sehen ist. Nachdem ich vor einem Jahr hier hingezogen bin, um meine Stelle als Pastoralassistent in der Pfarrei Christus König in Halver anzutreten, hätte ich mir nicht erträumt, dass die Volme den Ort, an dem ich seitdem arbeite, einkaufe, spazieren gehe, so heimsuchen könnte. Dass Menschen hier und im nahegelegenen Altena, wo ich ab August tätig sein werde, so schwer vom Hoch-wasser betroffen sind und dabei ihr zu Hause, ihr Hab und Gut verloren haben, macht mich innerlich sehr betroffen. Das ist das „andererseits“ der Betroffenheit.

Gottes Plan?!

Ein beiläufig gefallener Spruch als Reaktion darauf, dass ich nun mit meinem Wohnhaus großes Glück gehabt habe, hat mich sehr nachdenklich gemacht. „Das war wohl Gottes Plan mit dir.“ Das ist immer leicht zu sagen, wenn man selbst nicht direkt vom Unheil betroffen ist. Aber würde ein solcher göttlicher Plan dann nicht auch diejenigen einschließen, die das große Pech gehabt haben? Für mich passt ein solcher Zynismus nicht zum christlichen Gottesbild.

Passender hingegen finde ich es, die eigene Ohnmacht im Angesicht solcher Katastrophen anzuerkennen, die mich wiederum mit der bohrenden Frage konfrontiert: Was kann ich tun, wie kann ich helfen? Beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang das große Engagement der Menschen in der nachbarschaftlichen Hilfe, insbesondere mit Blick darauf, was mir aus Dahl und Altena berichtet wurde.

Die Pfarrei St. Matthäus Altena zeigt derweil, wie sich Christ-Sein auch im Angesicht der Not realisieren lassen kann: Wir alle sind aufgerufen, in den kommenden Tagen um 19 Uhr eine Kerze am Fenster zu entzünden und ein Vaterunser zu beten, um ein gemeinsames Zeichen der Solidarität und der gläubigen Hoffnung zu setzen. Auf der Internetpräsenz der Pfarrei ist ebenfalls ein Spendenaufruf für die betroffenen Menschen in Altena zu finden, den ich sehr wichtig finde. Mein Gebet gilt nicht bloß den Menschen in Dahl und Altena, sondern insbesondere auch den Menschen in den Kreisen Euskirchen und Ahrweiler und allen Angehörigen der Menschen, die bei dieser Katastrophe ums Leben gekommen sind.

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