Frau schaut Handy
19.11.2021

Body + Soul

FOMO - Das Phänomen einer Generation?!

Wie Fear of missing out junge Menschen umtreibt

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von Sophie Kiko

Ob beim Lernen, in der Uni oder unterwegs - alle 5 Minuten schaue ich aufs Handy. Nur ganz kurz. Einmal schnell alles durchchecken. Neue Nachrichten von Bekannten? Übersehene Anrufe? Oder Eilmeldungen der Tagesschau? Kurz gesagt: Habe ich etwas verpasst?

Dass etwas für mich Elementares passiert, während ich einen Moment lang nicht auf mein Handy aka meine Verbindung in die Welt starre, ist mindestens so unwahrscheinlich wie mein Verhalten gestört ist. Ich weiß das. Und trotzdem komme ich nicht davon los.

Der Grund dafür: FOMO. Für die Angst davor, etwas zu verpassen, gibt es mittlerweile sogar schon einen Begriff: Fear of missing out.

Terminkoordination am Schreibtisch

Was ist FOMO?
Britische Psychologen definierten FOMO als "durchdringende Befürchtung, dass andere lohnende Erlebnisse haben könnten, denen man selbst fernbleibt". FOMO ist durch den Wunsch gekennzeichnet, ständig mit dem in Verbindung zu bleiben, was andere tun.

Studien zufolge erleben 50 Prozent der Erwachsenen das Phänomen mindestens einmal im Monat, 15 Prozent sogar wöchentlich. Dabei steht die Erfahrung dessen in den meisten Fällen in Verbindung mit stärkeren negativen Effekten, verstärkter Müdigkeit und körperlichen Auswirkungen. Studierende, die häufig entsprechende Gefühle durchleben, berichteten außerdem über erhöhten Stress und weniger Schlaf. 

Quellen:
Fear of missing out: A brief overview of origin, theoretical underpinnings and relationship with mental health. (Link)
Milyavskaya, M., Saffran, M., Hope, N. et al. Fear of missing out: prevalence, dynamics, and consequences of experiencing FOMO. Motiv Emot 42, 725–737 (2018).

Während ich ständig Sorge habe, etwas nicht mitzubekommen sollte ich nicht erreichbar sein, kennen meine Freundinnen und Freunde das Phänomen aus anderen Situationen. Wenn sich mehrere Termine überschneiden und sie entscheiden müssen, mit wem sie Zeit verbringen. Und mit wem nicht.

Eine Freundin ist vor Kurzem nach Aachen gezogen. Sie erzählt mir, wie sie versucht, allen Erwartungen ihres Umfelds in der Heimat nun am Wochenende nachzukommen. Ein Samstag wird für sie nicht selten zum stressigen Lauf zwischen zeitlichen Kapazitäten und geselligem Beisammensein.

Ein nettes Essen mit zwei guten Freundinnen. Gespräche über Gott und die Welt, Lachen und die Zeit aus den Augen verlieren. “Mist. Nichts wie los.” Schon jetzt zu spät dran. Weiter zum Bier in die Stadt mit der anderen Gruppe. “Prost. Wie geht's euch? War echt schön, euch zu sehen, aber ich kann nicht länger bleiben”. Von dort noch ein kurzer Abstecher zum Geburtstag der Tante. “Bloß nicht verquatschen und den Verwandten aus dem Weg gehen, die endlose Geschichten erzählen.” Der Partner wartet. Ungeduldig.

gehetzte Menschen in der Bahnstation

Wenn meine Freundin das so erzählt, frage ich sie: “Wozu das Ganze? So ein Wochenende kann doch nicht erholsam sein?”. Sie sagt, dass sie ja durchaus die Möglichkeit habe, einen Termin abzusagen. Aber was wäre, wenn ihre Clique besonders tiefe Verbindungen aufbaut während sie fehlt? Wenn Insider entstehen, die sie nicht versteht? Oder ihre Tante enttäuscht ist? Also wolle sie versuchen, überall dabei zu sein. Das bedeutet: Zeitpläne machen, hetzen und damit in Kauf nehmen, dass sie zwar überall war, aber nirgendwo so richtig.

Einer Kommilitonin von mir geht es ganz ähnlich. FOMO verbindet auch sie mit zeitgleichen Veranstaltungen und Verpflichtungen. Sie beschreibt es mir als ungutes Gefühl in Kopf und Herz, das sich bei ihr sogar mit Magenschmerzen verbindet.

Es ist verrückt. Egal wen ich für diesen Beitrag frage, alle können mit dem Begriff etwas anfangen. Alle hatten schon mal dieses Gefühl, sich stressen zu müssen, um nicht bei wichtigen Momenten zu fehlen oder fühlten sich schlecht weil sie Angst hatten, etwas zu verpassen.

Felix - ein langjähriger Freund verbindet FOMO mit der Stadt, in der er erst seit einigen Jahren lebt: Berlin. Er sagt: “Ich musste den Ort verstehen und akzeptieren, dass ich hier immer etwas verpassen werde. Seitdem ist es besser geworden und ich versuche, gut abzustecken, was ich wirklich gern machen möchte.” 

Anzuerkennen, dass Verpassen unumgänglich und auch in Ordnung ist, habe ihn in der Stadt erst so richtig ankommen lassen. Er könne mittlerweile sogar etwas Entspannendes und Beruhigendes darin finden, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die ihm gut tun anstatt, wie er selbst sagt, “als Getriebener der Angst vorm Verpassen durchs Leben zu laufen”.

Don't Panic

Mich beeindruckt sein reflektierter Umgang mit dem Phänomen, das unsere Generation gerade umhertreibt. FOMO ist ein Gefühl, das wir alle im Alltag auf unterschiedliche Weisen erleben. Und mit dem wir alle ganz verschieden umgehen.

Felix Weg kommt mir sehr reif und erwachsen vor. Gerne würde ich für mich auch zu diesen Schlüssen kommen, entspannter sein und akzeptierten, dass Verpassen ganz normal ist. So sehr ich es aber auch versuche, ich weiß um mein Verhalten und beobachte es wieder und wieder.

Moment. Das Handy hat vibriert. Okay, die Welt steht noch.

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