Mit Wahlzetteln und einer Box zur Abstimmung empfingen die Studenten die Kirchbesucher zur Umfrage.
Mit Wahlzetteln und einer Box zur Abstimmung empfingen die Studenten die Kirchbesucher zur Umfrage.
16.07.2019

Exklusiv

Reformen: Frag doch mal die Kirchgänger

Interview mit Trond Kuster und Benedikt Getta, die Bielefelder Kirchgänger nach ihrer Meinung zu viel diskutierten Themen der Katholischen Kirche gefragt haben.

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von Tobias Schulte

Sechs junge Bielefelder Katholiken möchten den Reformprozess der Kirche mitgestalten. Auf ihre Art und Weise, indem sie Bielefelder Kirchgänger nach ihrer Meinung zu heiß diskutierten Themen der Katholischen Kirche befragen. Im März haben 213 Kirchgänger den Bogen mit fünf Fragen ausgefüllt. Die Mehrheit stimmt dabei - je nach Standpunkt  - eher progressiv für Veränderung. Trond Kuster (30) und Benedikt Getta (27) sind zwei der sechs Bielefelder Studenten, die die Initiative gegründet haben. Sie sind Ministranten, Küster, Kantoren und kennen sich aus der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Bielefeld. Im Interview berichten sprechen sie über Erkenntnisse und Schwächen der Befragung.

Wie genießt ihr den Sommer in Bielefeld?
Trond Kuster: Mit Hitze und gestern Abend mit hitzigen Diskussionen.

Über?
Trond: Frauen.

Warum über Frauen?
Trond Kuster: Von der KHG haben wir einen Diskussionsabend zum Thema Frauen in der Kirche organisiert. Christiane Florin, die das Buch „Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen“ geschrieben hat, hat ihre Positionen vorgestellt und anschließend wurde offen diskutiert – zum Beispiel über das Frauenpriestertum.

Benedikt Getta: Die Autorin hat gesagt, dass die Argumente seit den 70er-Jahren unverändert dalägen und man sich im kirchlichen Kontext bei der Frage im Kreis drehe. Sie wurde zwar schon vor einem Jahr eingeladen, aber ich vermute, dass die Organisatorinnen sie ausgewählt haben, um für das Frauenpriestertum zu plädieren. Offiziell angekündigt wurde es eher als eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Nichtsdestotrotz war der Abend mit 50 Teilnehmern gut besucht, über auch KHG-Kreise hinaus.

Trond Kuster: Genau, zum Beispiel war die Vorsitzende der KFD Deutschlands da. Ohne, dass wir sie explizit eingeladen haben. Auch unsere Geistlichen waren da, unser Studentenpfarrer und der Leiter des Pastoralverbunds. Bei denen habe ich auch keine Anti-Haltung gespürt.

Benedikt Getta möchte kein Blatt vor den Mund nehmen.
Benedikt Getta möchte kein Blatt vor den Mund nehmen.

Die Ergebnisse der Umfrage
1. Sollte der Pflichtzölibat abgeschafft werden?
Ja: 72,7 %
Nein: 22,7 %

2. Sollte auch Frauen das Priesteramt offenstehen?
Ja: 70,0 %
Nein: 27,7 %

3. Sollten wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zugelassen werden?
Ja: 84,5 %
Nein: 10,4 %

4. Sollten homosexuelle Paare gesegnet werden dürfen?
Ja: 57,7 %
Nein: 35,7 %

5. Würden Sie es begrüßen, wenn ein basisdemokratisches und von allen katholischen Christen in Deutschland gewähltes Laienparlament gleichberechtig und gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz die Entwicklung der Kirche mitbestimmen könnte?
Ja: 69,5 %
Nein: 16,9 %

Wie war denn das Meinungsbild bei der Diskussion?
Trond Kuster: Benedikt, du hast den Abend moderiert, du musst es wissen.

Benedikt Getta: Mir ist hängengeblieben, dass es für Frau Florins Statements Applaus und zustimmende Zwischenrufe gab. Sie hat ihren Vortag auf einer Dissertation aus den 70er-Jahren aufgebaut. Darin wird die kirchliche Lehrmeinung kritisiert, die aus der Bibel heraus argumentiert, zum Beispiel mit dem Argument, dass Jesus nur Männer zu Aposteln berufen habe. Christiane Florin denkt, dass das zu vernachlässigen sei, weil die Lebenssituation vor 2000 Jahren eine ganz andere war.

Trond Kuster: Als Historiker muss ich sagen: Wenn man die historischen Umstände, unter denen Lehrmeinungen der Kirche entstanden sind, betrachtet, ist es nicht ganz verständlich, warum wir sie heute nicht ändern können. Das gilt auch für die Themen, die wir in unserer Initiative thematisieren, also den Zölibat, die Sakramente, die Haltung gegenüber Homosexualität.

Das sind drei von fünf Themen, zu denen ihr die Kirchenbesucher der Bielefelder Innenstadtgemeinde befragt habt. Woher kommt eure Motivation dazu?
Benedikt Getta: Die Motivation stammt es der Erfahrung des Forum Junge Erwachsene, das das Erzbistum Paderborn in Bielefeld veranstaltet hat. Wir waren gern bereit, da mitzumachen, weil uns viel an der Kirche und dem Erzbistum liegt. Jedoch hatten wir nicht das Gefühl, dass das Erzbistum wirklich wissen wollte, was uns wichtig ist. Unser Eindruck war: Wenn etwas gefordert wurde, zum Beispiel mehr demokratische Strukturen in der Kirche, haben die Mitarbeiter die kirchlichen Angebote, die es schon gibt, in den Mittelpunkt gestellt und gelobt.

Trond Kuster: Also haben wir es selbst in die Hand genommen und die Gottesdienstbesucher nach deren Meinung gefragt.

»Das könnte der Kirchenführung Mut machen, zu sagen: 'Die, die uns die Treue halten, sind zum überwiegenden Teil progressiv, sodass wir uns mit Veränderungen keine blutige Nase holen.' Die Reform könnte mit einer ganz anderen Dynamik angegangen werden, wenn man sich auf die Diskussion mit den Gläubigen einlässt.«

Trond Kuster

In einem Pressebericht kündigt ihr an, die Ergebnisse gern in den Reformprozess der Kirche miteinzubringen. Worin besteht denn der Mehrwert eurer Umfrage für den Reformprozess der Kirche?
Benedikt Getta: Der Mehrwert besteht darin, dass wir aufzeigen, wie preiswert und effektiv nach der Meinung gefragt werden kann: mit einer anonymen Befragung der Gottesdienstbesucher, bei der sich niemand für seine Antwort rechtfertigen muss. Die Umfrage war schnell geplant, einfach durchzuführen und erzeugt ein klares Ergebnis.

Wie interpretiert ihr die Ergebnisse eurer Umfrage?
Trond Kuster: Es haben gut 70 Prozent der Jugendlichen und Erwachsenen teilgenommen, die an dem Sonntag in die Kirche gegangen sind. Also zeigt es: Die Leute machen mit. Es ist ihnen wichtig, gefragt zu werden. Inhaltlich zeigen die Ergebnisse, dass die fünf oder zehn Prozent, die noch regelmäßig in die Kirche gehen, sich in weiten Teilen von der Lehrmeinung der Kirchen unterscheiden. Das könnte der Kirchenführung Mut machen, zu sagen: 'Die, die uns die Treue halten, sind zum überwiegenden Teil progressiv, sodass wir uns mit Veränderungen keine blutige Nase holen.' Die Reform könnte mit einer ganz anderen Dynamik angegangen werden, wenn man sich auf die Diskussion mit den Gläubigen einlässt. Und wie die einzelnen Fragen theologisch diskutiert werden müssen, ist dann eine andere Sache.

In eurer Umfrage habt ihr die Fragen bewusst geschlossen gestellt. Es gab drei Antwortmöglichkeiten: Ja, Nein, Andere Meinung. Wäre es nicht besser gewesen, die Fragen offen zu formulieren, zum Beispiel zu fragen: „Wie stehen Sie zum Zölibat für Priester?“ Diese Fragen sind so komplex, dass eine Antwort mit Ja oder Nein stark vereinfacht.
Benedikt Getta: Das stimmt. Jedoch hätte eine Freitext-Antwort in der Auswertung viel mehr Arbeit gemacht. Wir stecken alle im Studium und hätten nicht die Kapazitäten dafür gehabt, Freitexte auszuwerten. Wir haben gesagt: Wir machen die Umfrage am Sonntag, verzichten abends auf den „Tatort“ und haben am gleichen Abend noch Ergebnisse.

Trond Kuster: Es ist klar, dass man das mit einer qualitativen Auswertung noch ganz anders diese Fragen hätte diskutieren können, aber das ist eine primitive Art und Weise, unsere Umfrage zu kritisieren. Wir haben versucht, keine Suggestivfragen zu stellen, aber die Struktur von Fragen lenkt immer in eine Richtung. Gegen diese Fallstricke ist man nicht ganz gefeit. Wenn das Erzbistum sagen würde, dass man die Fragen anders stellen müsste, dann herzlich willkommen.

Trond Kuster ist Mitglied der Initiative #kein-blatt-vor-den-Mund.
Trond Kuster ist Mitglied der Initiative #kein-blatt-vor-den-Mund.

Ihr habt über Jahre die Bielefelder KHG geprägt, wart Messdiener, Mitgliede im Pfarrgemeinderat und vieles mehr. Welche Bedeutung hat der Glaube an Gott für euch?
Trond Kuster: Der Glaube ist Teil meiner Identität, sozusagen fraglos verankert in meinem Leben. Gerade in existentiellen Situationen ist der Glaube die Stärke, die Zuflucht, die Perspektive.

Benedikt Getta: Ich glaube daran, dass ich von Gott begleitet werde. Ich nehme die göttliche Wirklichkeit in anderen Menschen und in alltäglichen Situationen wahr – wenn etwas gut geklappt hat oder sich ein Weg anbietet, den ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Ganz entscheidend habe ich meinen Glauben gespürt, als vor zweieinhalb Jahren meine Mutter gestorben ist. Als alle anderen tottraurig waren, war ich gefasst, denn ich wusste, dass es nicht vorbei ist, dass ihre Reise weitergeht.


Was würde sich für euer Glaubensleben verändern, wenn die Haltung der Kirche sich zu den angesprochenen Themen ändert?
Benedikt Getta: Für mich würde es keinen Unterschied machen. Tatsächlich sehe ich die Priesterweihe für Frauen kritisch, weil ich den Eindruck habe, dass manche Frauen wegen der damit verbundenen Macht und nicht aus einer echten Berufung heraus darauf hinstreben.

Trond Kuster: Mein Glaubensleben würde sich dadurch auch nicht verändern, es würde aber mein Verhältnis zur Kirche verbessern. Wenn ich sehe, dass die Kirche sich ernsthaft hinterfragt, mit sich ringt, dann wäre das ein großer Gewinn für die Glaubwürdigkeit.

Weitere Umfragen als Diskussionsgrundlage

Wie geht es mit eurer Initiative weiter?
Trond Kuster: Zum einen wird es im gesamten Pastoralverbund Bielefeld-Mitte-Nord-West weitere Umfragen geben, um eine Diskussionsgrundlage zu legen. Zum anderen schafft die Pfarrei Raum, um die Ergebnisse aufzuarbeiten und die einzelnen Themen zu diskutieren: Wie ist die Haltung der Kirche zum Zölibat entstanden? Was steckt hinter dem Frauenpriestertum? Wie können die Sakramente gestaltet werden? Diese Fragen sollen in den einzelnen Gemeinden diskutiert werden. Eine Reaktion auf unsere Umfrage ist schon, dass auf der neuen Internetseite der Katholischen Kirche in Bielefeld diese Fragen grundlegend theologisch erklärt. Wir können die Dinge nicht sofort ändern, aber diskutieren und auf die Tagesordnung setzen. Unser Ideal ist, dass das Erzbistum Paderborn – gern von Soziologen unterstützt – ähnliche Umfragen bei den Kirchenbesuchern durchführt.


Seht ihr euch in eurem Engagement durch den Brief von Papst Franziskus an die deutschen Katholiken bestätigt?

Trond Kuster: Ich habe den Brief gelesen und finde es erstmal positiv, dass Papst Franziskus auf die Entwicklungen in der deutschen Kirche reagiert. Den Brief verstehe ich nicht als Maulkorb, aber es lässt doch viel Spielraum für Interpretationen. Die Frage ist jetzt, wie der vereinbarte synodale Weg aussehen könnte.


Diese Frage lässt Papst Franziskus in der Tat offen. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die Verkündigung des Evangeliums die wichtigste Aufgabe der Kirche ist…

Benedikt Getta: Die Verkündigung des Evangeliums ist das Wesentliche für die Kirche und ich kann gut verstehen, dass man den Fokus darauf legen soll. Aber dieser Dampfer Kirche muss auch mit der Zeit gehen und sich verändern.

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