Jana Weber kam mit klaren Vorstellungen ins Kloster: altes Gemäuer, ein verwunschener Garten, abgeschieden von der Welt. "Einfach nur Gott und ich", sagt die 23-Jährige aus Braunschweig.
Stattdessen lebt sie seit einem halben Jahr mitten in Frankfurt, wenige Kilometer vom größten Flughafen Deutschlands entfernt, mit drei Steyler Missionsschwestern zusammen. Während Flugzeuge über die Stadt ziehen, versucht Weber ihren spirituellen Rhythmus zu finden.
Ihr Tag beginnt morgens mit dem gemeinsamen Gebet der Schwestern. Danach frühstückt die kleine Gemeinschaft zusammen im ehemaligen Pfarrhaus, in dem sich seit zehn Jahren das Kloster befindet. Später arbeitet Weber im Kindergarten oder im Kleidercafé. Dort begegnet sie Menschen in Armut, Wohnungslosen oder psychisch Belasteten. Abends versammeln sich die Ordensfrauen und Weber erneut zum Gebet.
Für Weber wurde das Freiwillige Ordensjahr vor allem zu einer "Grenzerfahrung". Zunächst habe sie mit diesem Ausdruck gefremdelt, sagt sie. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto treffender erschien er ihr. "Ich bin hier mit meiner eigenen Begrenztheit konfrontiert."
Grenzen begegnen ihr im Kloster immer wieder: in der Begegnung mit Menschen, denen sie nicht helfen kann; in den festen Formen des Klosteralltags, die ihr zunächst fremd waren; und in Fragen, die sie aus ihrem bisherigen Glaubensleben mitgebracht hat. Gleichzeitig, sagt sie, erlebe sie aber auch, "wie meine Grenzen erweitert werden".
Das Freiwillige Ordensjahr gibt es in Deutschland seit 2019. Die Deutsche Ordensobernkonferenz koordiniert das Programm. Teilnehmer leben drei bis zwölf Monate in einer Ordensgemeinschaft, arbeiten und beten dort mit – ohne sich dauerhaft zu binden. Bis März 2026 nahmen mehr als 100 Menschen teil. Nach Angaben der Organisatoren steigt die Zahl der Anfragen junger Interessierter.
Viele junge Erwachsene suchen heute nach Orientierung, nach Ruhe oder nach einer Unterbrechung des oft beschleunigten Alltags. Für manche werden Klöster und Gemeinschaften von Nonnen oder Mönchen dabei zu Orten auf Zeit, an denen sie Glauben, Gemeinschaft und den eigenen Lebensweg neu befragen.
Weber stammt aus einer evangelikal-freikirchlichen Familie. Regelmäßige Gebete und Gemeindeleben gehörten selbstverständlich zu ihrem Alltag. Erste Berührungspunkte mit der katholischen Kirche entstanden während ihres Studiums in Münster.
Weber wohnte in einem katholischen Wohnheim, studierte an einer katholischen Hochschule und spielte in einem katholischen Orchester. Freundinnen nahmen sie mit in die Messe; sie selbst lud in freikirchliche Gottesdienste ein. Vor allem eines habe sie damals überrascht: Auch Katholiken lebten ihren Glauben sichtbar und selbstverständlich.
In ihrer Klosterzeit wurde daraus Alltag. Weber spricht heute Psalmen mit den Ordensfrauen statt spontan formulierter Gebete. Vieles wirkte zunächst fremd. Manche Psalmen erkannte sie zwar wieder – "aber irgendwie halt doch mit anderen Worten."
Auch manches von dem, was sie sich unter Klosterleben vorgestellt hatte, zerbrach schnell. Die Steyler Missionsschwestern tragen kein Ordenskleid; oft weist nur ein Kreuz oder ein Ring auf ihre Zugehörigkeit zu einem katholischen Orden hin. Hohe Mauern gibt es nicht. Dafür einen kleinen Garten, in dem auch mal gegrillt wird.
Nicht nur konfessionelle Grenzen verschoben sich für Weber. Lange habe sie ihren Glauben vor allem aktiv gelebt: mitarbeiten, beten, gestalten. Im Kloster begegnete sie einer Spiritualität, die zunächst nichts von ihr verlangte. Besonders stille Zeiten in der Kapelle seien ihr fremd gewesen. Inzwischen habe sie gerade diese Form des Gebets liebgewonnen. "Ich muss dabei nichts sagen. Ich muss auch nichts denken, sondern ich darf einfach wirklich sein."
So wurde die kleine Kapelle der Gemeinschaft zu einem ihrer liebsten Orte. Dort bleibt ihr Handy draußen. Auf den Holzbänken schreibt Weber Tagebuch, ordnet Gedanken, Fragen und Zweifel. "Ich freue mich immer wieder, diesen Raum zu betreten", sagt sie.
Während sie neue Menschen kennenlernte und neue Welten entdeckte, ließen sich manche Grenzen im Ordensjahr nicht überwinden. Besonders in der Begegnung mit armen, wohnungslosen oder traumatisierten Menschen erlebte Weber immer wieder, dass Helfen und Tun nicht alles löst. "Ich komme immer wieder an die Grenzen von Möglichkeiten zu unterstützen, zu helfen", sagt sie.
Hinzu kamen persönliche Krisen. Gleich zu Beginn des Ordensjahres starb eine Schwester der Gemeinschaft. An Weihnachten seien bei ihr plötzlich existenzielle Fragen aufgebrochen. Zuhause hätte sie solche Gefühle eher verborgen, sagt Weber. Im Kloster dagegen habe sie gemerkt: "Ich werde hier noch von der Gemeinschaft mitgetragen."
Wie es nach dem Ordensjahr weitergeht, weiß Weber noch nicht ganz. Zunächst will sie mit Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. Andere Fragen bleiben offen: nach Berufung, Lebensform und Konfession.