Stefan Schneidt stimmt Sprechchöre an.
17.07.2019

Perspektive

Klima-Kämpfer mit großen Zielen

Stefan Schneidt aus Gütersloh ist Umweltaktivist – und will Politiker werden

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Von Till Kupitz

"Gütersloh, Gütersloh - hört ihr uns, hört ihr uns?" ruft Stefan Schneidt in der Melodie des Liedes "Bruder Jakob" in sein Mikrofon. Er steht auf dem Berliner Platz in Gütersloh, vor ihm etwa 150 überwiegend junge Menschen. Nicht nur Schülerinnen und Schülern sind trotz Regens hergekommen, auch einige Eltern unterstützen ihre Kinder. Die Fridays-for-Future-Bewegung macht vor keiner Bevölkerungsgruppe mehr Halt.

Es ist die dritte Klima-Demo in Gütersloh. Beim ersten Mal, Mitte März, waren knapp 900 Menschen dort. Dass heute bei dunklen Wolken und Regen nicht so viele hier sind, enttäuscht Stefan Schneidt natürlich schon. Trotzdem heizt er immer wieder die Stimmung an, startet von einer kleinen Bühne aus Sprechchöre und Gesänge – und fast alle machen mit. Viele der Demonstranten haben Schilder gebastelt und sich Sprüche ausgedacht wie "Die Erde ist heißer als mein Freund" oder "Wenn die Erde eine Bank wäre, hättet ihr sie längst gerettet." Sie alle kämpfen für eine bessere Klimapolitik – genau wie Stefan Schneidt.

Der Schritt muss wohl überlegt sein
Stefan im Gespräch mit anderen Demonstranten

Der 19-jährige Gütersloher ist einer der Organisatoren der Fridays-for-Future-Demos in Gütersloh. "Ich hatte schon immer ganz viele Ideen, was wir in der Politik verändern müssen. Allerdings hatten wir hier nie eine Plattform, um uns einzubringen", erklärt Stefan. In der Schule war er jahrelang Stufensprecher, engagierte sich in der Schülervertretung. Schon da kam der Gedanke auf, Demos zu veranstalten, unter anderem für die Digitalisierung der Schule. Anfang 2019 wurde wurde dann die Fridays-for-Future-Bewegung auch in Deutschland immer größer. Jetzt könne man als junger Mensch seine Ideen zum viel leichter einbringen, so Stefan. Der junge Umweltaktivist ist seit gut zwei Monaten sogar Gast im Gütersloher Umweltausschuss.

»Erst habe ich das hauptsächlich wegen der Tiere gemacht. Dann kam der Aspekt dazu, dass ich gesünder leben und etwas Gutes für die Umwelt tun wollte.«

Stefan Schneidt
isst schon lange kein Fleisch mehr

Umwelt- und Tierschutz liegt dem Gütersloher schon lange am Herzen, das merkt man, wenn er davon erzählt - mit Leidenschaft und auch mal lautstark. Seine Kleidung ist ausschließlich Fairtrade, also sozial, ökologisch und ökonomisch bewusst produziert. Heute trägt Stefan ein weißes Shirt mit seinem Namen drauf. Auf dem Rücken ist ein großes Logo der Fridays-for-Future-Bewegung. Zur Demo ist er mit dem Rad gekommen, das Auto nutzt er nur, wenn es gar nicht anders geht. "Man muss immer abwägen, wenn man viele Termine hat: Was sage ich ab? Wo kann ich doch mal mit dem Auto hinfahren?", gibt er zu bedenken. Viel Autofahren, das sei grundsätzlich aber "eine Katastrophe".

Stefan Schneidt ist ein Gesicht der Fridays-for-Future-Bewegung in Gütersloh

"Seit drei Jahren lebt Stefan vegan, etwas länger ist er Vegetarier. Erst habe ich das hauptsächlich wegen der Tiere gemacht. Dann kam der Aspekt dazu, dass ich gesünder leben und etwas Gutes für die Umwelt tun wollte", sagt er. Auch seine Oma lebt aus gesundheitlichen Gründen vegan. Anders sei das bei den Eltern, erklärt Stefan, die anfangs nicht so recht wahrhaben wollten, dass ihr Sohn kein Fleisch mehr essen will. "Mit 14, 15 Jahren habe ich einen Schlussstrich gezogen, am nächsten Tag hat meine Mutter mir dann aber mittags trotzdem wieder einen Döner mitgebracht", erzählt Stefan mit einem Lächeln.

"Ich will in die Politik"

Lebensmittel kauft er mittlerweile ausschließlich in Bio-Märkten. "Die Frage ist aber: Kann sich das jeder auf Dauer leisten? Ich bin dafür, dass wir es möglichst vielen Menschen möglich machen müssen, gesund und günstig einkaufen gehen zu können". Das macht er an einem Beispiel fest, das viele Deutsche kennen. Dass bei McDonald’s ein Salat teilweise ein Vielfaches von einem einfachen Hamburger kostet, gehe nämlich gar nicht. "Da läuft einiges falsch", kritisiert Stefan.

Stefan Schneidt möchte über Veganismus aufklären und sich dafür einsetzen.

Weil ihm das Tierrecht so wichtig ist, hat Stefan zuletzt mit der Organisation PETA symbolisch eine Hunde-Attrappe in der Gütersloher Innenstadt gegrillt und dabei mit Leuten über Veganismus geredet. Anlass war das Hundefestival im chinesischen Yulin, bei dem tausende Hunde elend gehalten, getötet und dann gegessen werden.

Stefan will nicht nur auf Missstände aufmerksam machen, sondern auch aktiv etwas unternehmen. Der 19-Jährige ist bei den Jusos, der Jugendorganisation der SPD, aktiv und sitzt derzeit für die Partei im Umweltausschuss in Gütersloh. Es sei "super wichtig, dass da junge Leute drin sitzen und gegensteuern", da ältere Generationen ganz andere Vorstellungen davon haben, was eine gute Klimapolitik ist, sagt Stefan. Junge Leute wie er fänden hier viel Gehör, seien aber generell noch unterrepräsentiert. Deswegen ist für den frischgebackenen Abiturienten schon jetzt klar, wo es beruflich hingehen soll: "Ich will in die Politik und bei den nächsten Wahlen für den Bundes- oder Landtag kandidieren."

Dinge auch auf lokaler Ebene verändern

Für dieses Ziel nahm Stefan Schneidt zuletzt einiges in Kauf. Aufgrund der vielen Projekte sei sein Schlafrhythmus vollkommen kaputt gewesen. Das soll sich nun ändern – Stefan möchte sich auf weniger Projekte konzentrieren. Es sei schon "enorm kraftraubend", wenn man teilweise stundenlang an Sitzungen teilnimmt.

Erst einmal hat sich der Umweltaktivist nun für verschiedene Studienfächer beworben. Politikwissenschaften, Ernährung oder Jura mit dem Schwerpunkt auf Umweltrecht könnte es werden. Definitiv will Stefan Schneidt zunächst ein Praktikum beim Umweltamt absolvieren. "Ich musste in den letzten Jahren Prioritäten aufgrund meiner Tätigkeit im Umweltschutz und der Politik setzen und habe deshalb kein 1,5er-Abitur gemacht", sagt Stefan. Dafür habe er aber schon Jobangebote bekommen. Ob er eines davon, zum Beispiel in der Arbeit mit geflüchteten Kindern, annehmen wird, weiß er noch nicht. Sein großes Hobby, der Handball, sei leider etwas in den Hintergrund getreten. Dennoch gibt er sein Bestes und trainiert sogar zwei Jugendmannschaften.

Stefan will zeigen: Auch Schüler können schon viel verändern.

Nach seinem Abitur möchte Stefan nun verstärkt in Schulen Aufklärungsarbeit in Sachen Umweltschutz leisten und zeigen: Ihr könnt auch in der Schule ganz viel bewirken. Dazu schreibt er eigenständig Schulen aus dem Stadtgebiet an, besucht den Unterricht und erklärt den Schülerinnen und Schülern, wie man im Bereich Mode oder Ernährung bewusster leben kann. So wurden an seiner Gesamtschule mittlerweile Wasserspender eingeführt, außerdem gibt es mehr vegetarisches Essen. Zudem will Stefan durchsetzen, dass in Gütersloh weitestgehend auf Plastik verzichtet wird. Man müsse Alternativen schaffen, sagt er. Deshalb sollen zum Beispiel alle Einzelhändler an einen runden Tisch kommen mit dem Ziel, in jedem Supermarkt eine Unverpackt-Abteilung einzuführen.

Stefan Schneidt ist es wichtig, auf lokaler Ebene Dinge zu verändern. Denn auch die können eine große Wirkung haben. "Ich möchte so viel umsetzen, wie es nur geht", sagt er. "Egal, durch welche Partei es dann am Ende auch passiert." Für seinen Traum, in der Politik auf Dauer Fuß zu fassen, gibt er alles. Aber abheben, wie andere Politiker es tun, das möchte er niemals.

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