Gerechtigkeit ist eine soziale Farge, die wir nur gemeinsam angehen können.
14.09.2021

Miteinander

Gegen die Ungerechtigkeit

Matthias Zimoch steht jeden Morgen auf, um gegen Diskriminierung zu kämpfen. Im Gespräch mit YOUPAX berichtet er von seinen Erfahrungen.

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von Lioba Vienenkötter

„Einmal kamen drei Jugendliche zu mir. Die wussten, dass wenn eine bestimmte Busfahrerin den Bus fuhr, dann wurden sie nicht mitgenommen. Dann fuhr die einfach weiter.“ – Das ist nur einer von vielen Fällen, die jeden Tag an Matthias Zimoch herangetragen werden. Er arbeitet in der Servicestelle für Antidiskriminierung der Caritas Paderborn. Mit ihm hat unsere Autorin Lioba Vienenkötter über Gerechtigkeit gesprochen – eine der brennendsten Fragen unserer Gesellschaft.

Herr Zimoch, was sind Beispiele von Diskriminierung, die in ihrer Servicestelle an Sie herangetragen werden?

Das ist wirklich das ganze Spektrum, angefangen bei Personen, die an der Bushaltestelle stehen gelassen werden, weil sie offensichtlich nicht weiß sind. Das sind Personen, die von ihren Nachbarn angefeindet werden, weil sie Roma sind. Es sind Personen dabei, die im arbeitsrechtlichen Kontext von ihren Arbeitskollegen diskriminiert werden oder gar nicht zur Bewerbung zugelassen werden. Es sind Personen, die ihr Kind registrieren lassen wollen, dafür eine Geburtsurkunde für ihr Kind benötigen und diese nicht bekommen. Jeder Mensch, der Diskriminierung erfährt, kann sich bei uns melden. Das ist wirklich ganz vielfältig. Und wir versuchen dann mit den Personen Lösungen zu finden und Strategien zu entwickeln.

Eine solche Lösung könnte auch einen juristischen Prozess inkludieren. Ich gehe aber mal davon aus, dass es in den meisten Fällen nicht so weit kommt?

Es sind die wenigsten Fälle. Bei Diskriminierung geht es immer um Machtverhältnisse. Das heißt man muss in einem solchen Prozess sein Recht einfordern, Gerechtigkeit einfordern gegenüber jemandem, der mächtiger scheint, als man es selbst ist. Um diesen Prozess durchzustehen, mit allem, was dazugehört – Relativierung, Aberkennung, Diffamierung – benötigt es viel Kraft. Und diese Ressourcen hat nicht jeder. Ich habe vor jedem tierischen Respekt, der einen Prozess aufnimmt.
Oft ist es so, dass die Menschen mit vielen Beispielfällen zu uns kommen, diese aber nicht ordnen können. Dafür bieten wir ihnen den Raum. Dann erst geht es um die Frage, wie man damit umgehen kann, denn viele Betroffene, werden ihr ganzes Leben und jeden Tag Diskriminierung erleben.
Viele Beratungsprozesse hören bei der Suche nach Alltagsstrategien schon auf. Die Menschen wissen dann, wo sie uns finden können und wo sie jemanden zum Reden finden, der sich ihrer Perspektive annimmt und zuhört. Das hilft.

Matthias Zimoch ist Sozialrechtler und arbeitet bei der Caritas Paderborn in der Servicestelle für Antidiskriminierung.

Die Antidiskriminierungsstelle ist eine von 42 solchen Stellen im Land Nordrhein-Westfalen. Die Aufgaben lassen sich in drei Bereiche teilen: Der eine ist die individuelle Einzelfallberatung für Menschen, die Diskriminierung erfahren haben. Diese können sich an die Stelle wenden und bekommen Beratung. Die Stelle ist parteiisch mit den Betroffenen und dadurch, dass sie nicht in staatliche Strukturen eingebettet ist, unabhängig. Auch eine juristische Beratung ist möglich.
Der zweite Bereich ist die Bereitstellung von Expertise. So wurde zum Beispiel mit dem Verband Deutscher Volkshochschulen eine E-Learning-Plattform gemacht für das Ehrenamtsportal. Da ging es um Fragen wie „was ist Diskriminierung?“ oder „was ist Diskriminierungsschutz?“.
Drittens geht es um Sensibilisierungsarbeit, um das Thema Antidiskriminierungsarbeit in die Gesellschaft zu bringen. Beispiele sind Vorträgen, Seminare und Workshops sowie das monatliche Kneipengeflüster, eine Vortragsreihe mit anschließender Diskussionsrunde. Aber auch der Schreibwettbewerb gehört zur Sensibilisierungsarbeit.

Auf der Homepage der Caritas Paderborn schreiben Sie, dass sich ihre Servicestelle für eine „soziale und gerechte Gesellschaft“ einsetzen möchte. Was heißt das konkret?


Konkret heißt das für mich, dass wir nicht gleich behandeln, sondern vor allem gerecht behandeln. Dass wir Menschen die Unterstützung zukommen lassen, die sie brauchen, um gut durchs Leben oder eine Krise zu kommen.
Wir setzen uns dafür ein, dass den Menschen, die den schweren Weg eines juristischen Prozesses gehen, Gerechtigkeit widerfährt. Wir versuchen, in der Gesellschaft Impulse zu setzen, damit der eine oder andere sich damit beschäftigt, was Gerechtigkeit ist. Damit diese Menschen dann dazu befähigt werden, anderen zu helfen, wenn diese Ungerechtigkeiten erfahren. Für diese Ziele stehe ich jeden Morgen auf und arbeite.
Sie haben jetzt mehrfach über Gerechtigkeit im juristischen Kontext gesprochen.

Ist Gerechtigkeit eine juristische Frage?

Inwiefern ist Gerechtigkeit ein juristischer Begriff?

Gerechtigkeit ist kein juristischer Begriff. Genauso wenig wie Gleichheit. Ich glaube, Recht sind Regeln, auf die wir uns verständigt haben. Nach diesen Regeln wollen wir als Gesellschaft leben, das Recht haben wir gemeinsam verhandelt. Ich glaube, dass es in manchen Teilen des Rechts um Gerechtigkeit geht, aber es ist nicht das alleinige Kriterium. Die Straßenverkehrsordnung beispielsweise ist nicht gerecht. Das muss sie auch nicht sein. Gleichzeitig steht das Recht für Gerechtigkeit und wir können mithilfe des Rechts Gerechtigkeit einfordern. Das Recht schützt mich zwar vor Ungerechtigkeiten, aber es gibt mir keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist eine moralische und keine juristische Frage.

Die Antidiskriminierungsstelle kämpft mit den Betroffenen

Dann schreitet das Recht immer erst ein, wenn jemandem Ungerechtigkeit widerfahren ist?

Genau, deshalb kann das Recht auch nicht gerecht sein. In der Rechtssprechung geht es nicht darum, jemandem Gerechtigkeit zu Teil kommen zu lassen. Es geht darum, dass jemand Unrecht erfahren hat, weil jemand anderes seine Rechte verletzt hat. Dafür wird dieser dann sanktioniert. Aber ob das gerecht ist, ist eine komplexe Frage, die nicht juristisch, sondern moralisch zu beantworten ist.

Wo sehen Sie den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Antidiskriminierung?

Ich denke, dass Rassismus und Diskriminierung auf einem Kontext der Ungerechtigkeit basieren. Menschen werden aufgrund nicht veränderbarer Merkmale ungerechtfertigt schlechter behandelt. Das wiederum beruht darauf, dass wir Menschen Privilegien geben auf Grundlage bestimmter Merkmale und anderen diese Privilegien nicht geben, sie also ungerecht behandeln. Wir haben jedoch gesellschaftlich verhandelt, dass wir Menschen nicht wegen dieser Parameter ungerecht behandelt sehen wollen: Hautfarbe, Sexualität, Geschlecht, Behinderung – das sind die großen Themen in Deutschland. In der Antidiskriminierungsarbeit arbeiten wir gegen dieses Ungerechtigkeitssystem an. Und deshalb hat das sehr viel mit Gerechtigkeit zu tun, im negativen Sinne.

Nun fordert die Caritas Paderborn zu einem Schreibwettbewerb auf: „Schreib über Gerechtigkeit!“ ist der Slogan. Was erhoffen Sie sich von diesem Projekt?

Ich glaube, Gerechtigkeit betrifft uns alle. Denn wir benutzen dieses Wort ganz oft und in vielen verschiedenen Kontexten, aber was heißt das überhaupt? Und die Frage „was ist für mich Gerechtigkeit?“ ist deshalb eine sehr spannende Frage. Gerechtigkeit ist nämlich nicht definiert. Gerechtigkeit ist etwas, das in Abhängigkeit zu etwas gesehen werden muss. Ich kann Gerechtigkeit nur im Kontext der Gesellschaft sehen und denken. Allein geht das nicht. Ich kann vielleicht gerecht zu mir sein, aber Gerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Frage und ein gesellschaftliches Ziel. Ich glaube, den Satz „Ich möchte in einer gerechten Gesellschaft leben“ würde jeder unterschreiben. Aber was heißt das?
Die Diskussion über Gerechtigkeit, die wir mit unserem Projekt initiieren, kann deshalb neue Impulse für die Teilnehmenden setzen. Wenn ich mich der Perspektiven anderer annehme, kann ich meine eigenen hinterfragen und darüber ins Gespräch kommen. Und genau diesen Dialog über Gerechtigkeit benötigen wir jetzt gerade in unserer Gesellschaft.


Lasst uns also über dieses Thema ins Gespräch kommen! Eine gute Gelegenheit ist der Schreibwettbewerb der Caritas Paderborn. Hier sind junge Menschen dazu aufgefordert, sich darüber Gedanken zu machen, woher Gerechtigkeit kommt und wie wir sie wahrmachen können. Wenn du zu diesem Diskurs beitragen möchtest, dann findest du alle weiteren Informationen, sowie die Einladung zu verschiedenen Schreibworkshops auf der Homepage der Caritas.

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