25.04.2018

Miteinander

Gemeinschaft Shalom feiert den Glauben

Was tun Missionare eigentlich den ganzen Tag lang? Beten, arbeiten, mit Menschen reden? Und überhaupt: Wie wird man Missionarin? Darüber hat YOUPAX mit einigen der Mitglieder der katholischen Gemeinschaft Shalom in Arnsberg gesprochen.

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von Laura Konieczny

Wer das Haus der katholischen Gemeinschaft Shalom betritt, fühlt sich gleich wohl. Es ist einfach und liebevoll eingerichtet. „Wir besitzen nur das, was wir wirklich brauchen“, erklärt Andreza Henriqueta Pinto dos Santos (36). Sie ist seit 15 Jahren Teil der Gemeinschaft. Die Brasilianerin aus São Paulo wuchs als Mitglied einer gläubigen Familie auf. Mit 12 nimmt sie zusammen mit mehr als 300 Jugendlichen an einem Freizeitwochenende teil, das die Gemeinschaft organisiert. Aufgrund ihrer Herkunft und christlichen Prägung ist die Reise für sie ein naheliegender Freizeitspaß, denn die Wiege der Gemeinschaft Shalom liegt in Fortaleza. Dort gründete eine Gruppe von Universitäts-Studierenden, angeführt von Moysés Louro de Azevedo Filho, am 9. Juli 1982 das erste so genannte „katholische Evangelisierungszentrum Shalom“. Ihr Ziel ist es, den Glauben auch den von der Kirche am weitesten entfernten jungen Menschen nahezubringen.

Andreza Henriqueta

»Schon nach einem Monat in der Gemeinschaft spürte ich eine tiefe Erfüllung. Ich hatte meinen Platz gefunden.«

Andreza Henriqueta Pinto dos Santos
Brasilianische Missionarin in Arnserg

„Bei dem Freizeitwochenende habe ich die Gegenwart Gottes gespürt und gemerkt, dass er mein Freund ist“, berichtet Andreza. Von diesem Tag an tauscht sich regelmäßig in einem Gebetskreis über ihren Glauben aus. Dass dies den Grundstein für einen späteren Lebenswandel legt, ahnt sie damals noch nicht. Nach dem Schulabschluss studiert sie und arbeitet in einem Labor und als Lehrerin. „Mit 21“, erinnert sie sich, „hatte ich alles: eine wunderbare Familie, meinen Glauben, einen schönen Beruf und gute Freunde. Aber mein Herz war leer. Ich spürte: Ich sollte Jesus alles geben – so, wie es im Evangelium steht.“ Während sie von ihrem Berufungsweg erzählt, lächelt sie. Die Entscheidung, den Missionsweg zu beginnen, habe ihr Leben verändert: „Schon nach einem Monat in der Gemeinschaft spürte ich eine tiefe Erfüllung. Ich hatte meinen Platz gefunden.“

Das Leben der Gemeinschaft schenken

Die Missionare haben ein geschwisterliches Verhältnis zueinander.
Diese Kette symbolisiert die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft.

Andrezas Geschichte ähnelt der der anderen Missionare und Missionarinnen. Aktuell leben sieben von ihnen in Arnsberg. Nahe der Propsteikirche teilen sie sich ein Haus und wohnen in der sogenannten Lebensgemeinschaft wie in einer großen WG zusammen. Darüber, wo sie leben, entscheiden die zuständigen Mitglieder der Gemeinschaft in Brasilien. 

„Wir haben uns entschieden, all unsere Zeit zu geben. Die Gemeinschaft entscheidet, wo wir leben und was wir tun“, erklärt Johannes. Sie entscheidet auch darüber, wer in den Häusern zusammenlebt. Bevor sie nach Arnsberg kamen, kannten die Missionare einander nicht. Während sie wie liebevolle Geschwister gemeinsam bei Tee und Keksen über ihr Leben erzählen, ist schwer vorstellbar, dass sie vor wenigen Jahren noch Fremde füreinander waren.

Johannes vertraut auf die Entscheidung und Unterstützung der Gemeinschaft. Beispielsweise habe er erst zwei Monate vorher, während er noch im Haupthaus in Brasilien lebte, erfahren, dass er nach Arnsberg ziehen würde. Johannes sieht das positiv: „Jeder Tag ist eine neue Überraschung. Es ist gut, dass wir nicht selbst entscheiden, wo wir leben. Es ist schließlich egal, wo wir missionarisch arbeiten – Hauptsache, wir tun es mit Freude.“

Die Gemeinschaft Shalom hat Häuser in 35 Ländern. Allein in Brasilien gibt es knapp 100 Häuser in 70 Diözesen, davon 25 in Fortaleza. In Deutschland sind die Missionare aktuell die Vorreiter. In Frankreich gibt es Häuser in fünf und in Italien in vier Städten.

Ein Versprechen fürs Leben

Ebenso, wie die Gemeinschaft für ihre Mitglieder sorgt, gibt es für sie auch einige Regeln. „Wir legen ein Versprechen ab für Gehorsam, Armut und Keuschheit“, sagt Andreza: „Ich lebe in bräutlicher Liebe zu Gott, in Armut und für Andere.“ Armut bedeutet konkret, keinen persönlichen Besitz zu haben, also auch kein eigenes Geld. Spendengelder werden von der Gemeinschaft verwaltet. Die Missionare teilen alles, was sie haben: ihr Leben und selbst ihre Zimmer. In dem Haus der Schulschwestern an der Königstraße in Arnsberg, das sie zur Zeit bewohnen, gibt es Zweierzimmer. Aktuell wird das Ventringhauser Kloster ins Arnsberg für sie renoviert. Dort könnten sie eigene Zimmer haben – doch sie entscheiden sich bewusst dagegen.

Armut bedeutet für sie nicht, in Sack und Asche zu leben. Armut bedeutet Einfachheit. Alle Möbel im Haus sind Spenden. Gleichzeitig sollen die Häuser nicht karg, sondern gemütlich sein, sodass sich auch Gäste gleich wohl fühlen. Mit Blick auf persönlichen Besitz bedeutet Einfachheit für die Missionare, regelmäßig den eigenen Schrank und das gemeinsame Haus zu entrümpeln. Das sei ganz einfach, meint Johannes: „Wir fragen uns bei jedem Gegenstand: Brauche ich das wirklich?“ Was den Test nicht besteht, wird weitergegeben an Arme. Um den Gedankengang dahinter zu verdeutlichen, zitiert er Moysés Louro de Azevedo Filho, der sagte: „Was du im Schrank hast und nicht nutzt, gehört nicht dir, weil es jemand anders braucht.“

»Was du im Schrank hast und nicht nutzt, gehört nicht dir, weil es jemand anders braucht.«

Musizieren und lachen gehört zum Alltag der Missionare.

Keuschheit und Partnerschaft – Wie passt das zusammen?

Die Regeln der Gemeinschaft erleichtern ihnen das Leben, sind sich die Missionare einig. Keuschheit bedeutet, „ein ungeteiltes Herz“, zu haben, so steht es im Katechismus, erklären sie. Wer in Keuschheit lebt, gibt sich ganz und gar Gott hin – nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern auch spirituell. Andreza hat einen Freund und findet: „Keuschheit hilft mir, ihn und alle Menschen mehr zu lieben.“ Keuschheit und Partnerschaft – Wie passt das zusammen?
Die Missionare unterscheiden zwischen drei verschiedenen Lebensformen: Zöllibatäre, Heiratende und Priester.

Johannes lebt seit neun Jahren zölibatär. Davor hatte er eine Freundin in der Gemeinschaft – bis er vernahm, wie Gott ihn zum Zölibat rief, sagt er. Am Finger trägt er einen Ring, der ihn an seine Zughörigkeit zur Gemeinschaft erinnert. „Mein Leben hat mehr mit Dienst am Menschen als mit Sexualität zu tun.“ Den bewussten Verzicht auf Sex empfinde er nicht als Entbehrung, im Gegenteil: „Ich sage ‚ja’ zu vielen Menschen und stelle meine Zeit allen Menschen zur Verfügung. Mir fehlt nichts.“

Ob das für Andreza auch eine Option ist? „Die Gemeinschaft und Gott lassen uns Zeit, unsere Berufung zu entdecken.“ Sie selbst sei sich bereits sicher, dass sie heiraten und eine Familie gründen möchte. Ein Teil der Gemeinschaft ist sie für immer, denn in den verschiedenen Häusern sollen – perspektivisch auch in Deutschland – Familien mit Kindern, Zölibatäre, Priester und neue Mitglieder gemeinsam leben.

»Das Versprechen ist wie eine Hochzeit. Es ist nicht das Ende, sondern das Anfang der Liebe.«

Weitere Informationen zur Gemeinschaft Shalom gibt es auf ihrer Facebook-Seite und der englischsprachigen Website

Entscheidet sich jemand für den Weg der Mission, lebt er zunächst ein Jahr lang im Postulat und teilt den Alltag in einem der Häuser der Gemeinschaft. Mit dem zweiten Jahr beginnt die Jüngerschaftszeit, die von Gebet, Bibelstudium und Lernen über die Mission und das Charisma der Gemeinschaft geprägt ist. Im dritten Jahr findet die Aussendung in verschiedene Missionen statt, um das Leben als Missionar kennenzulernen. Danach wird das erste Versprechen abgelegt, das bedeutet die Verpflichtung für mindestens fünf Jahre. Nach diesen insgesamt ersten acht Jahren besteht die Möglichkeit, das Versprechen um weitere fünf Jahre zu verlängern oder gleich das ewige Versprechen abzulegen. Spätestens nach 13 Jahren in der Gemeinschaft muss man sich entscheiden, ob man sein Leben auch weiterhin der Gemeinschaft verschreiben möchte oder nicht. 

Für die aktuellen Missionare in Arnsberg begann ihr Berufungsweg in jungem Alter. Der Beitritt sei jederzeit möglich, betonen sie. Andreza zum Beispiel legte ihr ewiges Versprechen 2012, nach 9 Jahren in der Gemeinschaft ab. Sie wartete so lange, weil sie diesen wichtigen Tag bei einem Festakt der Gemeinschaft in Rom, zusammen mit 28 weiteren Missionaren, feiern wollte. „Das Versprechen ist wie eine Hochzeit“, meint Andreza: „Es ist nicht das Ende, sondern das Anfang der Liebe“, sagt sie.

Für diese Liebe, ihre Lebensaufgabe, ist sie auch bereit, regelmäßig umzuziehen: „Ich bin schon daran gewöhnt, immer neu anzufangen.“ 2009 kam sie aus Brasilien in Europa an, lebte dort in der Schweiz und studierte in Italien Theologie, bevor sie nach Arnsberg gesendet wurde.

Wenn Andreza und ihre Mit-Missionare über ihren Lebensweg sprechen, wird ihr tiefes Vertrauen deutlich: „Ich weiß, dass ich in Gottes Händen bin und er das Beste für mich vorbereitet hat“, sagt Andreza. Zwar leide sie bei jedem Umzug auch, weil sie Freunde, und liebe Menschen zurücklassen muss, „doch dann öffnet Gott mein Herz, um weitere Menschen zu lieben.“ Für sie haben die vielen Umzüge eine weitere positive Seite: „Es ist gut, immer weiter lernen zu müssen – das ist eine große Chance, die kindliche Neugierde zu behalten und jeden Tag neu zu beginnen.“

Ein Tag im Leben der Missionare

Wie sieht denn nun ein Tag im Haus der brasilianischen Missionare aus? „Wir verbringen den Vormittag in Stille, nur mit Gott“, erklärt Julieta. Nach dem Aufstehen um 6.30 stehen Haushaltsaufgaben und ein gemeinsames Frühstück auf dem Tagesplan. Bis zum Mittag gibt es Laudes-Gebet mit Gesang und freiem Psalm-Studium, ein einstündiges Bibelgebet, die so genannte Lectio Divina und eine weitere Stunde Zeit für persönliches Gebet. Das Mittagessen beendet die Zeit der Stille. „Wir essen alle gemeinsam und sitzen danach zusammen und reden“, erklärt Levi Ehrich (24). Am Nachmittag und Abend ist es an der Zeit, zu arbeiten für weitere Gebete. „Zwei Mal pro Woche gibt es einen freien Abend, an dem wir tun können, was wir wollen“, so Julieta. Häufig bleibe die Wohngemeinschaft auch dann beisammen und musiziere zum Beispiel. „Es ist uns sehr wichtig, wie eine Familie und nicht wie eine WG zu leben“, betont Andreza.

Die Arbeit der Missionare ist die Evangelisierung, das heißt, „Begegnungen zwischen Jesus und jungen Menschen zu vereinfachen“, so Levi. Konkret bedeutet das: Die Missionare organisieren Freizeitveranstaltungen wie Musik-, Theater- und Gebetsgruppen, Festivals, Wochenenden für Jugendliche und übernehmen die Aufgaben von Sozialarbeitern, indem sie Angebote für Grundschüler, Auszubildende, Abhängige oder in Krankenhäusern anbieten. Andreza fasst zusammen: „Wir arbeiten mit allen Menschen.“ In gewisser Weise arbeiten sie auch ständig, denn in persönlichen Begegnungen mit ihren Mitmenschen geben sie Zeugnis von ihrem Glauben und das Wohnhaus ist immer offen für alle, die das Gespräch suchen.

Aktuell leben 7 Missionare und 2 Freunde in Arnsberg. YOUPAX hat fünf von ihnen getroffen

»Wir arbeiten mit allen Menschen.«

Ihr neuestes Projekt ist die Garagae Comshalom. Das Jugendcafé (weitere Infos siehe unten), das am Samstag, 28. April, eröffnet, soll mehr sein als ein Café, nämlich ein Treffpunkt für alle, ein Ort der Begegnung und des gelebten, geteilten Glaubens. „In Brasilien gibt es ein Sprichwort: ,Herz und Haus sind immer offen‘, das gilt auch für unser Wohnhaus. Auch hier stehen die Türen jedem jederzeit offen. Doch viele haben Scheu davor hereinzukommen, weil sie unsere Privatsphäre nicht stören wollen. Das Café soll daher auch ein erster Treffpunkt sein, um uns kennenzulernen“, lädt Andreza ein. In der ehemalige Remise der Propstei Laurentius soll nach aufwendiger Sanierung „eine Brücke zwischen der temperamentvollen brasilianischen Stimmung und der wunderschönen deutschen Kultur“ gebaut werden, kündigen die Missionare auf der Facebook-Seite des Jugendtreffs an. Neben einem Café gibt es dort dienstags bis freitags von 11 bis 16 Uhr Sandwiches und Snacks vom Zuckerhut (, gemeinsame Aktivitäten und die Möglichkeit, miteinander Zeit zu verbringen und ins Gespräch zu kommen.

Am Samstag, 28. April eröffnet diekatholische Gemeinschaft Shalom das Jugendcafé „Garage comshalom“. 

Der Tag startet um 15 Uhr mit einer offenen Tür, um 17 Uhr findet eine Messe in der nahen Propsteikirche statt, bevor das Café gesegnet wird. 

Am Abend steigt dann eine Party für Jugendliche mit DJ und Show-Programm. Der Eintritt ist frei.

Apropos Begegnung zwischen Brasilien und Deutschland: Wie war es für die Missionare, in Deutschland anzukommen? „Ich konnte mir nie vorstellen, in einem anderen Land zu leben. Mein Leben in Brasilien war gut“, erinnert sich Andreza: „Es war schwierig, alles zurückzulassen. Aber ich wusste, dass es Gottes Wille war, also war mein Herz im Frieden.“ Sie habe sich nichts unter Europa, unter Deutschland vorstellen können und sich deshalb einfach auf die Erfahrung eingelassen: „und ich habe mehr bekommen als erwartet.“

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