Fenster
12.01.2022

Miteinander

Stunden, die nicht zu Recht sein schienen 

Gedanken von Emilia Vollmer zum Thema Gerechtigkeit

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von Emilia Vollmer

In kühlen Abendstunden sehe ich hinaus zum Fenster. Von Lichtern eingebettet liegt die Stadt dort vor mir, in sanfter Ruhe. Mein Herz beginnt sich zu erinnern, an Tage voller Angst und Leid, an Momente von Glück und Segen. Wie ein Weg bahnen sie sich durch die Heimatstadt, die in Nachtesstille liegt. Denke zurück an Stunden, die nicht Recht zu sein schienen, die nun voll Klage und Leid vor mir liegen. Frage mich, was ist da wohl gewesen? Warum verließ sie uns in diesen Augenblicken?

Doch ist mir eigentlich sehr klar, dass sie das nur scheinbar tat. Für uns schien sie sich zu verflüchtigen, im Nebel des Vergessens abzutauchen, doch werden Gebete in stiller Hoffnung erhört, so sehe ich es nun jetzt. Sie walt als Richter über uns und ward immer nett. Es ist nun einmal nicht leicht zu begreifen, was sie nun im Leben tut, denn sie ist stets ganz anders, als ich selbst es glauben muss. In Dunkelheit versinkt sie nie, ist sie stets das kleinste Licht, im tosenden Sturm der Anker selbst, wie ein tröstendes Liebeslied. Man kann sie nie ganz und gar begreifen, denn sie ist für jeden anders. Erscheint dem einen als Illusion, dem anderen als Lebensweg. Das Einzige, was wir wirklich wissen, ist, dass sie am Ende immer siegt, ob nun früher oder später, ist für uns ein seltenes Rätsel, das es nun zu lösen gilt. Doch verstehen nur die wenigsten, die, die schon viel gesehen haben, dass sie am Ende immer gilt. Sie ist wie ein Ast in Frühjahrszeiten, erst ganz kahl und nicht vorhanden, dann beginnen leichte Blätter zu sprießen, die ersten Knospen bevölkern ihn und zeigen, wie sie uns so langsam umgibt. 

„Dieses Kind hat keinen Computer und keine PlayStation zum Spielen – nur einen alten Reifen und einen Stock, die ihm Freude bereiten.“
„Dieses Kind hat keinen Computer und keine PlayStation zum Spielen – nur einen alten Reifen und einen Stock, die ihm Freude bereiten.“

Es ist ein schleichender Prozess, der jeden Tag mehr zu sehen ist. Wir spüren ihn nur ganz verhalten, begreifen können wir es meist nicht. Doch dann am Ende eines jeden Tages beginnen zarte Blumen zu erblühen, die Knospen öffnen sich und stehen in voller Schönheit. Ergeben eine weiße Pracht, ich selbst beobachte diesen Vorgang von meinem Platz am Fenster aus, ich weiß nun, dass sie da gewesen, spüre sie in jedem Moment der Nacht, sie redet uns allen ins Gewissen, zeigt, wo Recht und Anstand liegen, und wenn du nur glaubst, sie habe dich verlassen, dann lass dir gesagt sein, sie hat es nicht. 

 Am Ende wirst du sie erblicken, sei es als reine Blume oder als weiße Taube, sie zeigt sich uns meist ganz versteckt und ist dennoch glänzend wie das Licht selbst, wenn du also am Verzweifeln bist, denke an sie in stiller Eintracht, sie wird sich dir schon alsbald zeigen, vielleicht erblickst du sie sogar gerade in dem Lächeln deines Gegenüber, vielleicht walt sie auch gerade unter uns und bildet nun den fairen Richter, denn sie verspricht uns an jedem Tag, an dem die Sonne am Himmel steht, dass schon bald alles gut werden wird.

Dieser Text der 15-jährigen Schülerin des Theodorianums Paderborn Emilia Vollmer entstand im Rahmen des Schreibprojekts "Schreib über Gerechtigkeit" des Caritas Verbands Paderborn in Zusammenarbeit mit der young-caritas und YOUPAX.
Alle Informationen zum Projekt, in dessen Finanzierung aus dem Fonds „Neue Projekte zur Umsetzung des Zukunftsbildes“ des Erzbistums Paderborn Kirchensteuermittel einflossen, gibt es hier. In Kürze werden sich dort auch Videos finden, in denen die Autoren und Autorinnen ihre Texte vortragen. Bestellen Sie das Textheft mit allen Texten zur Aktion, illustriert mit Zeichnungen des afghanischen Künstlers Azimi, via E-Mail an ada@caritas-pb.de.

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