Viola Hartmann
01.11.2020

Perspektive

Göttlich ist, wenn wir menschlich sind.

Im Hospiz erkennt Viola Hartmann, dass der Tod nicht das absolute Ende ist.

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von Tobias Schulte

Allerheiligen und Allerseelen. Tod, Trauer, Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod?! Es ist fast schon bitter, dass ausgerechnet zum Hochfest Allerheiligen das öffentliche Leben und die sozialen Kontakte wieder heruntergefahren werden. Menschen werden wieder verstärkt allein, vielleicht einsam sein. Manche werden allein sterben. Daran kann auch Viola Hartmann nichts ändern – obwohl sie sich ehrenamtlich besonders einsetzt für Menschen, deren letzter Lebensweg ansteht. Mit der youngcaritas Arnsberg hat sie sich vor Corona regelmäßig für das Hospiz Raphael in Arnsberg engagiert.

Ich treffe mich mit Viola Hartmann im R-Café in Neheim. Entlang der Theke ist ein Frühstücksbuffet aufgebaut, das keine Wünsche offenlässt. Die Herbstsonne wärmt das Café im Industrie-Look mit ihrem gelben Licht. Ich möchte mit Viola über Themen sprechen, die diese Stimmung crashen könnten – über ihr Ehrenamt im Hospiz, Allerheiligen und den Tod.

Viola Hartmann

Bevor es Zeit für die existentiellen Fragen ist, gilt es, Viola Hartmann kennenzulernen. Sie ist 19 Jahre alt, wohnt in Arnsberg-Niedereimer und studiert im zweiten Semester interkulturelle Wirtschaftspsychologie in Hamm. In dem Studium lernt sie, dass Menschen in der Wirtschaft oft anders entscheiden, je nachdem ob ihnen ein Objekt gehört, wie hoch der Geldbetrag ist oder wie hoch die emotionale Bindung zu einem Gegenstand ist. „Das ist ja menschlich“, sagt sie, aber diese Besonderheit des Menschen, nicht unbedingt rational entscheiden zu können, führe auch zu Fehlern. Wir sind halt keine Maschinen.

Den Blick auf andere lenken

Momentan verfolgt sie die Online-Vorlesungen von der Couch, in ihrer Freizeit spielt sie Bratsche (eigentlich im Orchester) und geht ins Fitnessstudio (so lange es ging), um sich auszupowern. „Ich kann nur schwer ins Bett gehen, wenn ich noch Energie im Körper habe“, sagt Viola. „Man fühlt sich schon besser, wenn man Sport gemacht hat.“ Und besser fühlt sie sich auch, wenn sie den Blick von sich auf andere lenken kann.

Vor zwei Jahren: Abi-Zeit bei Viola Hartmann. „Ich habe mir viel Druck und Stress gemacht, der unberechtigt war.“, erzählt die Studentin heute. Ihr sei damals fast nur die Schule wichtig gewesen. Da kam Martina Gerdes von youngcaritas in ihre Schule, um für die neue Jugendgruppe zu werben. Sie sei sofort überzeugt gewesen, dass das etwas für sie sei, erzählt Viola.

Rückblickend sagt Viola, dass sie durch die youngcaritas einen Ausgleich gefunden hat – und auch mehr Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Die Zauberformel: anderen helfen, eine Freude machen und dadurch selbst gestärkt werden. Mit der youngcaritas versucht sie, dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Bei Menschen die arm, bedürftig und einsam sind. Oder eben todkrank, wie im Hospiz Raphael in Arnsberg.

Dankbarkeit - kein Lohn, von dem man sich etwas kaufen kann

Aktuell, wegen Corona, geht nicht viel mehr, als Kuchen zu backen und ihn am Eingang des Hospizes abzuliefern. Vor Corona hat sich Viola Hartmann zwei oder drei Mal im Monat sonntags einen halben Tag Zeit genommen, um im Hospiz zu helfen. Dann hat sie Desserts fürs Mittagessen zubereitet, gemeinsam mit einem Teil der Bewohnerinnen und Bewohner und dem Pflegepersonal gegessen, den anderen Teil das Essen aufs Zimmer gebracht, bei der Wäsche geholfen und so weiter.

Das mag nach Kleinigkeiten klingen, doch es ist viel mehr. Denn wenn Viola Hartmann über ihre Erfahrungen im Hospiz spricht, kommt ein Wort immer wieder vor: Dankbarkeit. Dafür, dass sie die Mitarbeitenden unterstützt. Dafür, dass sie den Bewohnerinnen und Bewohnern im Hospiz ein Stück mehr das Gefühl von Zuhause geben kann.

Dankbarkeit, das sei für sie „nicht die Art von Lohn, die einem ermöglicht, etwas zu kaufen“, sagt Viola Hartmann. Und das ausgerechnet im R-Café, hier, wo sie zu Schulzeiten selbst gekellnert und Geld verdient hat. Dankbarkeit, das sei ein Lohn, der auf inneren Werten und Gefühlen basiert, sagt die 19-Jährige. Und: „Man bekommt auch Hilfe angeboten, wenn man selbst hilfsbereit ist.“

Zurück ins Hospiz, zumindest gedanklich. Wenn Viola Hartmann an die Bewohnerinnen und Bewohner denkt, Menschen, die dort mit weit fortgeschrittenen, unheilbaren Erkrankung in der letzten Lebensphase begleitet werden, sagt sie auch, dass sie leider nur einen oberflächlichen Eindruck von den Persönlichkeiten erhalte. „Einigen merkt man an, dass sie Angst haben“, sagt die Studentin, „andere schämen sich vielleicht dafür, dass man äußerlich etwas von deren Krankheit sieht, andere sind recht heiter, weil das Schicksal nicht so schwer auf ihren Schultern lastet.“

„Gott steckt für mich in der Entscheidung, ob ich zuerst an Profit und mich selbst oder an alle Menschen denke.“ Anders gesagt: Wenn Menschen menschlich zueinander sind, dann ist das göttlich. In diesem Sinne: ein gutes Hochfest Allerheiligen.“

Viola Hartmann

Der Tod ist gerade im Hospiz ein, ja was denn genau? Ein Begleiter? Ein Bestandteil des Alltags? Ein Rennen mit der Zeit? Wenn Viola Hartmann jedenfalls mehrmals im Monat ins Hospiz kam, hat sie immer wieder neue Namenskärtchen an den Türen gesehen. „Da habe ich mich gefragt, ob die Menschen, die gegangen sind, zufrieden mit dem Leben waren“, sagt sie.

Die Zeit für die existentiellen Fragen scheint gekommen. Als erstes: Was ist der Tod denn für dich? „Ich sehe das gar nicht also ein schwerwiegendes Thema an“, sagt Viola Hartmann.

„Wenn ich an den Tod denke, dann hoffe ich, dass ich vor dem Sterben mit dem Leben, dem Diesseits, zufrieden sein kann. Je besser mir das gelingt, desto leichter blicke ich auf den Tod, das Ende.“

Viola Hartmann

Viola Hartmann
Viola Hartmann

Der Tod ist also das Ende? „Nein“, sagt Viola Hartmann. „Wenn ich ein gutes Leben führe und mich für andere Menschen einsetze, dann werden sich Menschen an mich und die Werte, für die ich gelebt habe, erinnern. Dann ist man nicht ganz weg“, sagt sie. Sie versteht den Tod nicht als absolutes Ende. „Er rundet das Leben ab“, sagt Viola Hartmann. „Und er gibt dem Leben auch mehr Bedeutung. Wie oft ist man pessimistisch oder traurig und kann das Leben nicht als Geschenk annehmen“, sagt die 19-Jährige.

Ich bin berührt davon, wie Viola Hartmann über den Tod denkt. Es wirkt wie eine zutiefst christliche, hoffnungsvolle Perspektive, die aber nicht so stark als christlich gekennzeichnet ist. Ich erinnere mich an den Anfang des Gesprächs zurück, bei dem sie auch erzählt hat, dass sie mit der Kirchengemeinde aufgewachsen ist. Ich frage sie: Was denkst du darüber, dass Jesus den Tod besiegt hat? Dass Gott die Liebe ist – und die Liebe stärker als der Tod ist? „Das ist in meinem Mindset so drin“, sagt Viola Hartmann. „Wenn ich in den Gedanken von Menschen weiterlebe, sie an meinem Todestag zusammenkommen, an mich denken und meine Werte weiterleben, dann besiegt das den Tod.“

Ihre Antwort führt mich zur letzten Frage: Wer ist Gott für dich? Gott sei für sie eine Denkweise, ein Weg, ein Gefühl, von dem man sich leiten lassen kann, antwortet Viola Hartmann.

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