Ein Mann streckt Krücken in die Luft.
19.08.2021

Body + Soul

Gibt es heute noch Wunder?

Moderne Wunder und die Frage: Was traust du Gott zu?

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von Tobias Schulte

Vom einen auf den anderen Moment wird eine Frau von einer Krankheit geheilt. Ein Mann steht aus dem Rollstuhl auf und kann wieder laufen. Geschichten von plötzlichen Heilungen gibt es auch in der modernen Welt immer wieder.

Andrea Keinath kennt sich mit solchen Heilungsgeschichten aus, bei Heilungsgottesdiensten der katholischen Bewegung „Charismatische Erneuerung“ hat sie schon manches Außergewöhnliches erlebt.

Mit diesen Erlebnissen und ihrem Background als Theologin im Labor E des Erzbischöflichen Generalvikariats Paderborn scheint sie wie gemacht für die Frage: Wirkt Gott auch heute noch Wunder?

Alles nur Symbolik?

Wirkt Gott auch heute noch Wunder? Bevor Andrea Keinath auf diese Frage eingeht, schlägt sie vor, zunächst das „auch heute noch“ auszuklammern. Also die Frage zu stellen: Wirkt Gott Wunder? Davon jedenfalls erzählt die Bibel. Die vier Evangelien bestehen zu großen Teilen aus Wundererzählungen: Jesus verwandelt Wein in Wasser, bändigt den Sturm auf dem See, er heilt Blinde. Ganz zu schweigen von seiner Auferstehung von den Toten.

Hat Jesus das wirklich getan? Oder sind die Taten nur symbolisch zu verstehen? Die Antwort auf diese Fragen lautet, je nachdem welchen Theologen man fragt, unterschiedlich. Andrea Keinath sagt: „Ich glaube, dass Jesus Wunder gewirkt hat. Dass die Evangelien etwas berichten, das wirklich passiert ist.“

Auch wenn es viele andere legitime Ansätze gibt, die Wundererzählungen zu deuten, sollte aus ihrer Sicht nicht ausgeschlossen sein, dass die Evangelien ein realistisches Bild von Jesus zeichnen. Sie sagt: „Wer überzeugt ist ‚das kann ja nicht so gewesen sein‘, trifft eine Vorentscheidung, für die er seine Gründe hat - aber die Bibel legt eine andere Sicht nahe.“

Andrea Keinath
Andrea Keinath

»Wasser wird Wein, Blinde sehen.
Brot wird vermehrt, Lahme gehen.
So bist nur du, Herr. Du allein.«

Aus dem Lied "So bist nur Du"
Deutsche Version von "Our God"

Jesus berührt den Kopf eines Menschen.

Wer ist Gott, dass er das kann?

Keinath schneidet außerdem die Frage an, warum Jesus die Wunder gewirkt hat. Sie sagt: „Nicht, um Applaus zu ernten, sondern um den Horizont der Menschen zu öffnen, um ihr Herz zu öffnen für eine größere Wahrheit.“

Seine Art und Weise auf Menschen zuzugehen und Männern und Frauen zu begegnen, sei immer heilsam, auch jenseits der Wunder - und zugleich provokant gegenüber gesellschaftlichen Konventionen und engen Sichtweisen. Jesus provozierte immer wieder die Frage: Wer ist er, dass er das tut?

Eine Frage, die zurück ins Jetzt führt: Wer ist Gott, dass er auch heute noch Wunder tut? Oder tun könnte? Spielen wir die Frage mal durch: Um Wunder bewirken zu können, müsste Gott mächtig sein. Mächtig genug, um Naturgesetze zu umgehen. Vielleicht sogar allmächtig. Er müsste das Leben auf der Welt kennen, die Krankheiten von Menschen sehen und in die Welt eingreifen können.

Klingt das unglaublich? Unmöglich? Unmöglich für Gott?

Wunder und erwachsener Glaube

Es ist Zeit, Andrea Keinath die Frage zu stellen: Kannst du glauben, dass Gott auch heute noch Wunder wirkt? Sie antwortet: „Ja. Ein schlichtes Ja.“

Dann erzählt sie auch von den Erlebnissen, die sie bei Heilungsgottesdiensten der Charismatischen Erneuerung hatte.

Mehr oder weniger aus Neugier hat Keinath diese besonderen Gottesdienste besucht. Die Stimmung sei ganz unaufgeregt und gesammelt gewesen, erzählt sie. „Eine einfache und schöne Vigilfeier.“

Im Zentrum des Gottesdienstes stand, dass ein Geistlicher, der die „Gabe der Heilung“ besitzt, Gott um ein Zeichen bittet, wen er heilen möchte. Der Geistliche sagte dann zum Beispiel, dass im Gottesdienst eine Frau sei, Mitte 50, die schon länger an einer bestimmten Krankheit leide und dass Gott ihr Zuversicht und Heilung schenken möchte.

Andrea Keinath saß hinter einer solchen Frau. Diese wurde ganz still und ging ins Gebet. „Sie hat irgendwie eine Berührung von Gott her gespürt“, sagt Keinath. Bei anderen Gottesdiensten berichteten weitere Menschen, wie sie durch eine solche Begegnung mit Gott Heilung an Leib und Seele erlebt hatten.

70 anerkannte Wunder in Lourdes

Prozession mit Alten und Kranken in Lourdes
Prozession mit Alten und Kranken in Lourdes

Auch aus Wallfahrtsorten wie Lourdes sind immer wieder Heilungsgeschichten zu hören. Die katholische Kirche hat 70 plötzliche Heilungen aus dem französischen Wallfahrtsort offiziell als Wunder anerkannt. Voraussetzung dafür war, dass die Heilungen auch nach mehrjähriger Untersuchung durch Mediziner unerklärlich blieben.

Wunder irritieren, prüfen den Glauben. Sie fordern die Frage heraus: Was traue ich Gott zu? Eine Frage, die theoretisch nur schwer zu beantworten ist. Auch medizinisch lässt sich nur feststellen, dass bestimmte Heilungen nicht zu erklären sind. Ob Gott die Wunder gewirkt hat, bleibt eine Frage des Glaubens.

Die Frage, was ich Gott zutraue, muss also faktisch im Leben beantwortet werden. Vor allem in Schwierigkeiten und Krisen. Andrea Keinath hat schon mehrere solcher Situationen erlebt. Sie hat darauf vertraut, dass Gott in dieser Situation handeln kann. Dass er ihr hilft, sie unterstützt.

Sie riskierte Vertrauen, bat Gott: „Zeig mir meinen Weg. Hilf mir, Entscheidungen zu treffen.“ Andrea Keinath hoffte darauf, dass Gott antwortet – und folgte dem Weg, zu dem ihre innere Stimme sie zog. Von dem sie das Gefühl hatte, dass Gott ihn für sie bereitet.

Von diesem Bitten, Vertrauen und Gehen mit Gott ist für Andrea Keinath der Schritt zum Glauben an Wunder gar nicht mehr so weit.

Vertrauen, neue Kraft, Herausforderungen und Krisen

Mit Gott durchs Leben zu gehen bedeute, ihm zu vertrauen, sich von ihm stärken zu lassen – aber auch vor Rätseln und Herausforderungen zu stehen, Krisen und Scheitern zu erleben. „Wunder sind möglich“, glaubt Andrea Keinath. Aber sie sagt auch: „Es wäre nicht erwachsen zu glauben, dass Gott vor allem dazu da ist, um die Wünsche von Menschen zu erfüllen.“

Zum Ende des Gesprächs ist ihr ein Punkt wichtig: Dass Gott Wunder nicht benutzt, um seine Allmacht zu beweisen. „Gott könnte und würde uns so nie zum Glauben zwingen wollen, er will viel mehr unser Herz gewinnen. Mit den gewöhnlichen und außergewöhnlichen Ereignissen des Lebens klopft er an unsere Tür und wir geben ihm unsere Antwort“, sagt Keinath. „Der Glaube ist und bleibt im Kern eine Herzenssache.“

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