Jakob Krueger kommt gebürtig aus Sachsen-Anhalt und ist derzeit am Jugendhaus Hardehausen tätig.
Jakob Krueger kommt gebürtig aus Sachsen-Anhalt und ist derzeit am Jugendhaus Hardehausen tätig.
23.10.2020

Miteinander

"Ich bin ökumenisch."

Jakob Krueger macht ein FSJ im Jugendhaus Hardehausen

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von Till Kupitz

Es gibt da diese Szene im Bestseller „Illuminati" von Dan Brown, von der Jakob Krueger gern erzählt. Robert Langdon, ein Akademiker und die Hauptperson der Geschichte, wird vom Camerlengo im Vatikan gefragt, ob er an Gott glaube. Seine Antwort darauf: „Der Glaube ist eine Gabe, die ich noch erhalten muss.“
Ein Blickwinkel auf den Glauben, den auch Jakob Krueger teilt. Sich selbst stellt er nämlich oft die Frage, was er denn überhaupt glaube. „Die Frage ist aber noch lange nicht abgeschlossen.“ Niemand könne aktiv entscheiden, ob er oder sie glaubt oder nicht. „Es wäre falsch zu sagen: Jetzt glaube ich – oder nicht. Das ist keine Entscheidung, sondern eher eine Art Geschenk Gottes“, sagt er.

Wenn er Zeit und Ruhe findet, beschäftigt sich Jakob Krueger oft mit dieser einen Frage: Zu glauben, was bedeutet das eigentlich für mich? Hinterfragen, lernen, eine eigene Sichtweise auf den Glauben entwickeln – darum geht es ihm. Nur eines weiß er genau: „Man muss erst für sich selbst beantworten, was der Glaube bedeutet. Nur dann kann man einen Zugang zu Gott finden. Das geht nicht, ohne die Frage geklärt zu haben, finde ich.“

»Man muss erst für sich selbst beantworten, was der Glaube bedeutet. Nur dann kann man einen Zugang zu Gott finden. Das geht nicht, ohne die Frage geklärt zu haben, finde ich.«

JAKOB KRUEGER
FSJ-ler im Jugendhaus Hardehausen

Jakob Krueger ist Pfadfinder beim VCP.

Jakob Krueger – schulterlanges Haar, Bart am Kinn, eher schmächtig und schlaksig – ist 18 Jahre alt, wirkt für sein Alter aber schon sehr reflektiert. Das erkennt man vor allem, wenn man sich mit ihm über den Glauben unterhält. Wenn er dann den Theologen Karl Rahner zitiert. Oder wenn er über seinen Einsatz für Klimaschutz, gegen Rechtsextremismus und die in Verruf geratene Bezeichnung „Gutmensch“ erzählt. „Richtig dreckig“ geht es ihm, so sagt er, wenn er sich nicht politisch für das Gute einsetzen könne, weil er zeitlich mit ehrenamtlicher Arbeit schon sehr ausgelastet ist. „Dazu fühle ich mich verpflichtet“, erzählt Jakob.

Über 80 Prozent der Bevölkerung ohne Konfession

Das vielleicht Spannendste an Jakob Krueger, der derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr im Jugendhaus Hardehausen absolviert, ist seine ganz persönliche Glaubensgeschichte. In Dessau in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, hatte Jakob seit kleinauf den Einfluss zweier Konfessionen: Sein Vater ist katholisch und Religionslehrer, seine Mutter evangelisch und Pfarrerstochter. Jakob wurde katholisch getauft, seine jüngere Schwester evangelisch. Deshalb „sind in mir definitiv beide Konfessionen“, sagt Jakob. Dennoch: Mit keiner der beiden Kirchen kann sich der Abiturient vollends identifizieren, im Gegenteil: Er sei sogar kritischer gegenüber beider Konfessionen. Seine Antwort lautet deshalb: „Ich bin christlich. Ich bin ökumenisch."

Christoph Tekaath, Leiter der Jugendpastoral im Bistum Magdeburg
Im Osten Deutschlands sind junge Gläubige eine Minderheit.

Im Osten Deutschlands gehören Jakob und seine Familie generell einer Minderheit an. Im Bistum Magdeburg, zu dem Dessau gehört, sind über 80 Prozent der Bevölkerung konfessionslos, sagt Christoph Tekaath, dortiger Leiter der Arbeitsstelle für Jugendpastoral. Nur drei Prozent seien katholisch geprägt, knapp 15 Prozent evangelisch. „Dadurch gibt es im Gegensatz zum Westen natürlich den großen Unterschied, dass man Seinesgleichen oft gar nicht so einfach findet. Das führt manchmal dazu, den Glauben eher in kleineren Gruppen zu leben und gestalten.“

Ein größeres Netzwerk aufzeigen

Die Jugendstunde, ein wöchentliches Zusammenkommen in ihrer Gemeinde, ist ein zentraler Anlaufpunkt für junge Menschen in Sachsen-Anhalt, um über verschiedene Themen – und auch den Glauben – zu reden. Allgemein, so erklärt Tekaath, seien in den neuen Bundesländern viel weniger katholische Jugendverbände in den Orten aktiv, als im Westen. „Die meisten Verbände treten nur in einzelnen Gemeinden aktiv auf. Flächendeckend über das ganze Bistum verteilen sich nur zwei Verbände: die Malteserjugend und die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg.“ Deshalb sei es vor allem die Aufgabe des Bistums, „den jungen Leuten hin und wieder die Erfahrung zu geben: Es gibt mehr von uns, ein größeres Netzwerk als das, was jeder unmittelbar wahrnimmt.“ In Form von religiösen Kinderwochen, Jugendfahrten, Sommerfreizeiten oder auch Jugendmusik.

Auch Jakob Krueger ist fast sein ganzes Leben lang Pfadfinder – beim evangelischen „Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (VCP) – „weil der eben vor Ort bei uns aktiv war“, sagt er. „Mit den Pfadfindern habe ich ausschließlich positive Erfahrungen. Ich habe dort unglaublich gute Freunde kennengelernt und ganz viel Selbstbewusstsein bekommen.“ Wenn er mal Kinder habe, würden diese definitiv auch zu den Pfadfindern gehen, ergänzt er mit einem Lachen.

"Keine Selbstverständlichkeit, Christ zu sein"

Dass er als Christ einer Minderheit im Osten Deutschlands angehört, hat Jakob aber nie so wirklich wahrgenommen. Ein Grund: Er ging auf das katholische Liborius-Gymnasium, das die Nähe zum Erzbistum Paderborn verdeutlicht – im Gründungsjahr 1991 gehörte das Gebiet des heutigen Bistums Magdeburg nämlich noch zum Erzbistum Paderborn. Andere Christen, sowohl evangelisch als auch katholisch, waren also immer um ihn herum, auch wenn über die Hälfte der Schülerschaft auch an dem Gymnasium konfessionslos gewesen sei, so Jakob. „Es ist bei uns eben überhaupt nicht selbstverständlich, Christ zu sein. Es ist andersherum aber auch kein Ausschlusskriterium, sodass man als Außenseiter gelten würde. Dennoch: Wenn man christliche Veranstaltungen organisiert und das dann auf wenig Interesse stößt, macht es nicht so viel Spaß.“

Die Pilgerreise "Mit Luther zum Papst" war ökumenisch angelegt.
Die Pilgerreise "Mit Luther zum Papst" war ökumenisch angelegt.

Veranstaltungen wie Nightfever haben sich auch deshalb nicht im Osten Deutschlands durchgesetzt, berichtet Christoph Tekaath. Würde es mehr (katholische) Christen im Bistum Magdeburg (insgesamt gerade einmal rund 80.000) geben, wäre das vielleicht anders gelaufen. Ein wichtiger Punkt im Glaubensleben deshalb: die Ökumene. „Mit Luther zum Papst“ ging es 2016 anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums mit einer ökumenischen Pilgerreise. Diese soll im kommenden Jahr wiederholt werden. „Dabei hat man wunderbar gesehen, wie junge Menschen Kirche mitgestalten können“, erklärt Tekaath, denn Jugendliche und junge Erwachsene haben die Reise durchweg geplant gehabt. „Hier gestaltet sich Kirche etwas anders als im Westen“, fügt er mit Blick auf die größere Bedeutung der Ökumene hinzu.

Tekaath selbst ist es wichtig, dass auch nicht-katholische Jugendliche und junge Erwachsene mit der Jugendarbeit des Bistums Magdeburg in Kontakt kommen und sehen: Jeder kann Machen und Gestalten sowie Veränderungen anstoßen.

Einheit in gelebter Form

Eindrücke der Pilgerreise nach Rom.

Genau das möchte auch Jakob Krueger im Jugendhaus Hardehausen erreichen mit seiner täglichen Arbeit: die Ökumene auch hier noch weiter zu stärken. In Dessau diskutiere er oft mit seinem evangelischen Großvater (Pfarrer) und seinem katholischen Vater über verschiedene theologische Themen. „Mein Opa hat dann einmal gesagt: ‚Im Grunde haben wir alle doch dieselbe Meinung. Uns unterscheidet doch eigentlich gar nichts.’ Und genauso ist es auch“, findet Jakob. „Es gibt innerhalb der beiden Konfessionen vor allen Dingen Gemeinsamkeiten – und ein paar wenige Unterschiede.“ Vorurteile gegenüber der anderen Kirche, wie sie oft vorherrschten, kann der 18-Jährige nicht nachvollziehen. Gottesdienste in beiden Kirchen, zum Beispiel an Weihnachten, wenn Heiligabend der evangelische und am 1. Weihnachtsfeiertag der katholische besucht wird, gehören einfach dazu.

Und so sei es auch mit der Einheit Deutschlands, die wir in diesem Monat feiern. Sowas wie „den Westen“ oder „den Osten“ gibt es für Jakob Krueger gar nicht, auch wenn sein Vater aus Nordrhein-Westfalen und seine Mutter aus Sachsen kommt. „Ich würde mich niemals als Ossi bezeichnen. Ich komme aus Deutschland – das ist meine Heimat."

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