Die Bibel wird von einem Erwachsenen an einen Jugendlichen weitergegeben.
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13.02.2020

Perspektive

Glauben geht heute anders

Prof. Oliver Reis fordert, dass Kirche Jugendliche oberflächlicher ansprechen sollte, um an Tiefe zu gewinnen

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von Tobias Schulte

(Was) Glauben Kinder und Jugendliche? Und wo können wir Gott in dieser Welt überhaupt erfahren? Fragen, mit denen sich Prof. Dr. Dr. Oliver Reis beschäftigt. Er hält eine Keynote beim Jugendpastoralen Kongress „Jetzt. Gott in jungen Menschen begegnen” am 20. und 21. März im Jugendhaus Hardehausen.

Dazu sind alle eingeladen, die haupt- und ehrenamtlich in der kirchlichen Jugendarbeit unterwegs sind. Im Interview sagt er, dass Jugendliche den Glauben mittlerweile als Gesamtpaket verstehen und deswegen auch oberflächlicher angesprochen werden sollten.

Zur Person
Prof. Dr. Dr. Oliver Reis leitet den Bereich Religionspädagogik an der Universität Paderborn. Der 48-Jährige stammt gebürtig aus Köln, wohnt nun mit seiner Frau und zwei Kindern in Paderborn. Als Theologe sieht er sich dazu berufen, den katholischen Glauben in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Reis wuchs katholisch sozialisiert im Rheinland auf, distanzierte sich als Jugendlicher aber von der Kirche. Später studierte er auf Grundschullehramt und entschied sich für Theologie als eines der Fächer. Doch er sagt selbst, dass er erst, als er auf die Hochzeit und das Sakrament der Ehe zuging, merkte, dass das, was er im Studium lernt, mit seinem Leben zu tun hat.

Oliver Reis
Oliver Reis
Plakat des Jugendpastoralen Kongresses "Jetzt. Gott"

Herr Reis, wo sind sie Gott heute Morgen schon begegnet?
Ich habe mit meinen Kindern ein Morgengebet gesprochen, um in den Tag zu starten. Dadurch habe ich mich zumindest darauf ausgerichtet, dass er mir begegnen kann. Ansonsten habe ich Gott am ehesten in der Begegnung in der Familie, im Lächeln, im Dasein für den anderen gespürt. Das wäre aber schon eine Interpretation.

Papst Franziskus hat schon öfter betont, dass Gott gewissermaßen in der Stadt ist und wir ihn entdecken müssen.
Was Papst Franziskus sagt, setzt geschulte Blicke voraus. Ich kann heute Morgen in Paderborn mit dem Fahrrad zur Uni fahren und ich bekomme keinen Stimulus, der mich darauf vorbereitet, dass ich Gott erfahren kann. Es ist eine Aufgabe, sich selbst zu stimulieren und wahrzunehmen, wo Gott in Situationen zu entdecken ist. Dafür ist entscheidend, dass wir junge Menschen darin schulen, anhand welcher Artefakte, Symbole, Gesten und Handlungen sie Gott entdecken können.
Mir fällt in Paderborn auf, dass in vielen Straßen Kreuze, Kapellen und Kirchen zu sehen sind. Ich sehe zum Beispiel ein Bildnis von Maria, die weint. Oder Christus, der heilt. Da wird anhand von Geschichten markiert, wer unser Gott ist. Wir vergessen ganz schnell, dass wir Geschichten erzählen müssen, denn Jugendliche wollen unsere Referenz sehen.

Kann ich einen Like geben?

Jugendliche wollen wissen, wer dieser Gott überhaupt ist?
Ja. Jugendliche fragen stark: Was überzeugt dich? Was ist das Netzwerk in deinem Rücken? Lohnt es, sich dort einzuklinken? Jugendliche fragen, ob sie sich in der Kirche einklinken sollten, ob sie einen Like geben sollten. Es ist also eine Aufgabe, sich zu zeigen, mit dem was man macht.

Wie kann das gehen?
Es braucht eine Balance, in der klar ist, was mein Netzwerk ist und in der man gleichzeitig mit den Jugendlichen in Kontakt bleibt. Das ist eine fast kaum noch zu bewältigende Aufgabe. Deshalb haben wir auch diese klaren Pole: einerseits eine Nacht der Lichter, bei der hohen Wert auf religiöse Sprache, Rituale und Lieder gelegt wird, die aber kaum Nichtreligiöse erreicht. Und andererseits die Offenen Türen, die sich danach richten, was die jungen Menschen bewegt und die sich mit der spezifischen Religiosität zurückhalten. Deshalb muss es darum gehen, beide Perspektiven wieder aufeinander zu beziehen.

Ein Jugendlicher trägt ein Kreuz um den Hals
Ein Jugendlicher trägt ein Kreuz um den Hals

» Glauben heißt nicht mehr, dass ich an einen Text glaube. Entscheidend ist das Paket dahinter geworden: Ist das etwas, an dem ich partizipieren kann?«

Prof. Dr. Dr. Oliver Reis

Nach ihrem Vortrag halten Sie auch einen Workshop zum Thema „Jugendtheologie als Ort der Begegnung“. Was ist theologisch so interessant an der Jugend?
Da müssen wir unterscheiden zwischen der Fachtheologie und der impliziten Theologie von Kindern und Jugendlichen.

Was ist denn implizite Theologie?
Das sind Formen der Weltverarbeitung, die auch für die Theologie relevant sind. Wenn Sie junge Menschen dazu fragen, wie es mit der Frage nach dem Leid in der Welt ist, dann werden sie heute eine ganz große Bandbreite an Positionen bekommen. Von einem starken Vertrauen in Gott bis zu der Aussage, dass Gott damit nichts mehr zu tun hat. Es ist spannend, dass ein Großteil der Jugend nicht in der Lage ist, Gotteskonzepte zu denken.
Da ist die Aufgabe von Jugendtheologie, die verschiedenen Positionen zu markieren und herauszufinden, was die Gründe dafür und wo die blinden Flecken sind. Deswegen ist Jugendtheologie für mich so spannend, weil sie beide Seiten zusammenhält: Religiöse Traditionen und die volle Aufmerksamkeit für das, was Kinder und Jugendliche in Fragen ablehnend oder zustimmend denken können.

Worship-Muaik ist unter manchen jungen Christen angesagt.
Worship-Muaik ist unter manchen jungen Christen angesagt.

Wie gut gelingt dieser Spagat schon?
Bisher ist Jugendtheologie oft zu geschlossen. Es geht darum, sich radikal für die ganze Bandbreite zu öffnen. Geschieht das nicht, wird nur die Seite starkgemacht, die wir schon kennen. Damit schaffen wir es nicht, Theologie und Welterfahrungen zusammenzubekommen. Dazu kommt, dass man Jugendtheologie nicht nur in Texten denken muss, sondern auch in Videos oder Bildern.

Wie kann man das angehen?
Innerhalb der Jugendkultur, also zum Beispiel mit Clips oder Musik. Du kannst eine Meinung zur Theodizee-Frage auch mit Bildern in einer Instagram-Collage darstellen. Das ist für Jugendliche viel besser erschließbar als ein Text.
Denn – und jetzt werde ich mal etwas theologisch – wenn es einen Logos in der Welt gibt und er das, was in der Welt passiert, als Zeitgeist durchzieht, dann muss man davon ausgehen, dass sich der Heilige Geist auch andere Medien und Ausdrucksformen sucht. Wir können katholische Kommunikation pflegen, auch wenn wir keine katholischen Begriffe verwenden.

Andererseits gibt es auch neue Formate wie christliche Rap-Musik oder Worship, die teils alte Bilder in neue Formen packen.
Meine Erfahrung ist, dass Jugendliche damit normal umgehen. Für sie ist entscheidend: Gefällt mir das, kann ich das liken? Und: Wer hört das noch?
Da ist allgemein ein Wandel geschehen. Glauben heißt nicht mehr, dass ich an einen Text glaube. Entscheidend ist das Paket dahinter geworden: Ist das etwas, an dem ich partizipieren und das ich als Teil meiner Welt stehenlassen kann? Glaube ist weniger an ein Bekenntnis gebunden, sondern es geht um Vollzüge. Daraus können wir lernen, viel oberflächlicher zu sein.

Oberflächlicher?
Es geht nicht mehr darum, dass wir unsere Botschaft bis ins letzte Detail prüfen, Theologie in Jugendsprache übersetzen und neue Kanäle dafür suchen. Wir sollten auf möglichst viel und möglichst schnelle Kommunikation setzen und auf die Resonanzen gucken. Religiosität vollzieht sich in der Vernetzung, der Kommunikation. Es geht darum, dass sich Leute einem Gegenüber adressieren, Sätze sagen und in die Augen oder Feedbackkanäle gucken, was das auslöst. Sobald ich Theologie in der Suche nach Resonanz denke, verändert sich meine Sprache, weil ich nicht von mir aus denke, sondern von einem gemeinsamen Verstehen aus.

Zwei junge Frauen sitzen in der KIrche.
Ein Rosenkranz wird in der Hand gehalten.

Hauptsache Marker setzen

Lieber also in einem YouTube-Video erstmal drauflos reden?
Ja. Es kommt darauf an, sich zu positionieren und sich dabei auch mal angreifbar zu machen. Mit dem, was ich sage, sollte ich durch Nähe und Abgrenzung einen Unterschied machen – und zwar nicht für mich, sondern für die, die sich mir anschließen könnten. Und da kenne ich viele Menschen, die bereit sind, auf Sendung zu gehen.

Was bedeutet das für mich als Gläubigen, wenn ich zum Beispiel auf einer Party auf ein Kirchenthema angesprochen werde?
Zunächst: Bleiben Sie dran. Je mehr wir beobachten, dass wir in der Öffentlichkeit keine Resonanz mit religiöser Sprache mehr kriegen, desto mehr erlauben wir es der Welt, antireligiös zu werden. Wenn wir in der Öffentlichkeit nicht mal Marker setzen, mal verständlicher, mal zuhörend, mal direkt, dann geht es nicht.

Wir sollten also nicht drauf warten, dass wir konfrontiert werden, sondern selbst Gespräche über Glauben und Kirche anfangen?
Ja, selbst markieren. Wenn ich im Bus sitze und den Rosenkranz bete – und selbst, wenn ich nur so tue – dann macht es einen Unterschied. Am besten sollten wir den Glauben mit Gegenständen, Haltungen und Gesten markieren, umso leichter fällt den anderen, uns darauf anzusprechen.
Wir als Katholiken sind mitverantwortlich für den Ausschluss des Religiösen aus der öffentlichen Kommunikation. Und selbst bei den innerkirchlichen Orten tritt das gleiche Problem wieder auf. Selbst bei der Liturgie fragen sich die Menschen: Brauchen wir da nicht eine andere Sprache? Wir können nicht warten, bis wir eine religiös markierte Situation bekommen, wir müssen Marker setzen – und die Digitalität lernt uns, dass wir das als Persönlichkeiten machen. Da haben sich viele in eine Hängematte zurückgezogen. Mitarbeitende der Offenen Türen oder Religionslehrer müssen sich trauen, sich selbst religiös zu zeichnen, den Glauben durch religiöse Artefakten kenntlich zu machen.

Herr Reis, vielen Dank für das Gespräch.

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