Krippe, Liebfrauen (Hagen)
Krippe, Liebfrauen (Hagen)
24.12.2019

Weihnachten

Kaum zu glauben

Andacht zu Weihnachten

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von Miriam Pawlak

Immer wenn ich eine Krippe sehe, versuche ich, dort zu verweilen. Die schönsten Krippen befinden sich meistens in Kirchen und Kapellen. Dann stehe ich davor, zünde vielleicht eine Kerze an und wenn ich richtig andächtig bin, dann knie ich davor nieder. Das ist der Moment, indem ich meinen Blick fest auf das Jesuskind richte. Der Moment, in dem ich ganz still werde und mich kaum traue, zu atmen. 
Das ist der Moment, in dem ich plötzlich ganz allein bin – ganz egal, ob sich tatsächlich noch jemand in der Kirche befindet oder nicht. Obwohl ich noch die Weihrauchschleier riechen kann, duftet das Stroh intensiver. Obwohl es ziemlich dunkel ist und nur die Kerzen flackern, strahlt die Krippe so viel Licht aus. Das ist der Moment, in dem ich beginne im Herzen zu sprechen: 

Krippe, St. Marien (Hagen)
Krippe, St. Marien (Hagen)

Jesus, wenn du nicht freiwillig den Weg bis zum Kreuzestod gegangen wärst, damit sich erfüllt, was in der Heiligen Schrift über dich steht, dann gäbe es keine Auferweckung. Wärst du nicht diesen Weg gegangen, der dich bis an deine äußersten Kräfte gebracht hat, dann gäbe es Ostern nicht und wir wüssten nicht einmal von dir.

Jetzt betrachten wir dich jedes Jahr aufs Neue in diesem armseligen Futtertrog. Christen auf der ganzen Welt begucken dich in diesem Stall. Mal bist du pummelig und hast Löckchen. Anderswo hältst du deine Händchen in die Luft. In manchen Ländern trägst du sogar ein Mützchen. Deine Augenfarbe variiert genauso wie die Farbe deiner Haut. Mal liegst du im Schoß deiner Mutter, mal lächelst du Josef an. Jedes Mal bist du es, der im Zentrum der Aufmerksamkeit ist. Es geht um dich. Alle sind auf dich hin gerichtet. Ochs und Esel, die Hirtenkinder, der Wachhund des Schäfers, die Engel, ein paar neugierige Schafe – und meist viel zu früh die Könige. Alles bestaunt dich. Alle setzen die Hoffnung auf dich. Sie haben dich sehnsüchtig erwartet. 

Wo haben wir dich heute zu erwarten? Ja, in der Bibel steht zwar, dass du wiederkommen wirst, aber wir wissen nicht wann. Kommst du genauso unerwartet wie damals? Genauso leise? So fern ab? In welchem Land wirst du zuerst sein? An welchem Ort werden wir dir wirklich begegnen – von Angesicht zu Angesicht? So, wie ich dich jetzt anschauen darf – aus der Sicht des Krippenbauers?

Damals in Betlehem oder in Nazareth hat nicht jeder damit gerechnet, dass du der Sohn Gottes bist, der Retter der Welt. Vielmehr dachten nicht wenige, dass du mächtig und königlich auftreten würdest. Dass du gewaltig in Rüstung und Panzer daherkommst, sodass dich alle fürchten, weil du der größte Held bist.

Krippe im Kloster der Karmelitinnen in Witten
Krippe im Kloster der Karmelitinnen in Witten

Ein Held? Wenn man dich so in der Krippe liegend gesehen hat, zappelnd, weinend, hilflos, wie jedes Baby – dann war das bestimmt erstmal unglaublich. Später, als du erwachsen warst, sah es nicht anders aus. Dein Panzer war die Liebe. Dein Dienst an den Menschen deine stärkste Waffe. Du hast dich selbst erniedrigt. Am Kreuz schien deine Ohnmacht endgültig bewiesen zu sein. Deswegen liegen Krippe und Kreuz so eng beieinander. Sie sind nur zusammen zu denken. Das Ding ist, du siehst aus wie ein Mensch, du bist Mensch, aber zugleich bist du Gott. In unsere kleine dunkle Welt bist du gekommen, um uns zu befreien. Von allen Ängsten, Sorgen, Nöten, von allem Leid. Können wir das annehmen?

Während mir heiße Tränen über das Gesicht laufen, schaue ich auf das Kamel an der Krippe. Es ist gerade dabei, das Knie zu neigen, um sich hinzulegen. Es sieht aus wie eine ehrfürchtige Verneigung des Tieres. So erwache ich aus dieser kurzweiligen inneren Meditation. Mein Herz ist ganz leicht. Für den Moment habe ich alles um mich herum vergessen. Das Wunder, dass uns jede Krippe vor Augen führt, lässt mich nicht mehr los. Ich wünsche uns, dass wir Menschen viel häufiger diese innere Haltung einnehmen, die das Kamel uns vormacht. Ich wünsche uns, dass wir wieder lernen, zu staunen.

Weihnachten erinnert uns schließlich daran, dass Gottes Größe sich gerade darin auszeichnet, dass sie bis ins Kleinste des Menschseins ankommen kann. Ohne großes Aufsehen zu erregen. Fast lautlos. Gott wird meist ganz leise Mensch, nämlich dann, wenn Menschen zu Menschen werden.

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