Auch bei Verzweiflung und Zorn hört Gott zu.
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11.07.2020

Faszination

Streit mit Gott ist okay

Hiob macht es vor: es ist legitim, mit Gott zu streiten. Die entscheidende Frage ist, was am Ende für ein Ergebnis steht.

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von Maike C. Kammüller

Hast du in der Bibel das Buch Hiob schon mal gelesen? Inhaltlich geht es da ziemlich hin und her. Es gibt eine Rahmenerzählung in Prosa und einen lyrischen Teil in Versform.

Worum geht es im Buch Hiob? Hiob ist ein gottgläubiger Mann und befolgt alle Gebote Gottes. Es geht ihm sehr gut. Das ändert sich radikal, nachdem Gott und Satan Hiob auf die Probe stellen. Hiob verliert all sein Hab und Gut, seine Kinder sterben, seine Frau und seine Freuden verlassen ihn. Er wird von schweren Krankheiten geplagt.

Die Frage ist: Vertraut er Gott weiterhin, wenn ihm alles was er besitzt verloren geht? Hiob akzeptiert zunächst sein Schicksal. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen“ (Hiob 1, 21).

Hiob hält Zwiesprache mit Gott
Hiob hält Zwiesprache mit Gott

Doch plötzlich ändert Hiob seine Meinung. Er verflucht Gott für all das, was er ihm antut. Er findet, Gott handle ungerecht. „Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir zur Last geworden?“ (Hiob 7, 20). Die Freunde Hiobs widersprechen. Ihrer Logik nach können Leid und Glück ganz einfach erklärt werden: wer Gutes tut wird belohnt, wer Böses tut wird bestraft. Also muss Hiob doch irgendeinen Fehler begangen haben, wenn er Gottes Ungnade auf sich gezogen hat. Doch Hiob durchschaut diese Argumente als scheinheilige und viel zu einfache Erklärung für sein Leid. Hiob ist sich sicher, dass er nichts Unrechtes getan hat.

Hiob verliert alles, was ihm wichtig ist.
Hiob verliert alles, was ihm wichtig ist.

Damit ist Hiob ein ganzes Stück weiter, als die meisten Menschen. Suchen wir nicht immer nach direkt Schuldigen, nach Sündenböcken, so wie die Freunde Hiobs? Es muss ja eine Erklärung für all das Leid auf der Welt geben. Aber so einfach ist das nicht. Hiob sagt uns, dass Gott sich nicht auf eine so einfache Rechnung reduzieren lässt.

Da Hiob die falsche Argumentation seiner Freunde durchschaut, wendet er sich von ihnen ab und richtet sich mit seinem Klagen und Flehen direkt an Gott. Er macht Gott den Prozess und will ihn herausfordern, ihm zu erklären, warum er ungerechtfertigt alles verloren hat, was ihm in seinem Leben wichtig ist. „Zum Ekel ist mein Leben mir geworden, ich lasse meiner Klage freien Lauf, reden will ich in meiner Seele Bitternis. […] Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig. […] Nützt es dir, dass du Gewalt verübst? […] Hast du die Augen eines Sterblichen […], dass du Schuld an mir suchst […] obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin?“ (Hiob 10, 1-7).

Wer auf Gott vertraut, der erlebt Wunder.
Wer auf Gott vertraut, der erlebt Wunder.
Hoffnung gibt es überall.
Hoffnung gibt es überall.

Hiob beharrt darauf, im Recht zu sein. Doch Gott lässt sich nicht auf eine solche Anklage ein. Er erscheint Hiob in einem Wettersturm und führt ihm damit seine Allmacht und Größe vor Augen; seine Schöpfungsmacht, die so groß ist, dass sie für Menschen unverständlich bleiben muss. „Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du [Hiob], als ich die Erde gegründet? Sage es denn, wenn du Bescheid weißt“ (Hiob 38, 4).

Da widerruft Hiob seine Anklage. „Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund“ (Hiob 40, 4). „So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind“ (Hiob 42, 3).

Doch es kommt noch dicker: Gott erklärt, dass Hiob recht geredet habe. Hiobs Freunde hatten Unrecht! Gott segnet Hiob und belohnt ihn großzügig mit großem materiellen Reichtum und einer reichen Kinderschar für seine Treue zu Gott. Denn selbst im tiefsten menschlichen Leid, hat Hiob sich nicht von Gott abgewandt. Und Gott bleibt bei Hiob. So unverständlich sein Handeln für Hiob auch ist.

Was bedeutet das für uns?

Für mich zeigt die Geschichte: Wir können das Handeln Gottes nicht verstehen. Aber es ist legitim, alle Zweifel, Ängste und die eigene Wut vor Gott zu bringen, wenn wir es trotzdem schaffen, auf Gott zu vertrauen. Glaube an Gott hat mit einem unerschütterlichen Vertrauen zu tun. Ein Vertrauen, so unermesslich, wie eine tiefgehende Liebesbeziehung. Es geht nicht darum, alles erklären zu können. Leid und Freud gehören in jedem Menschenleben zusammen.

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der berühmte Satz: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen“ (Widerstand und Ergebung, DBW Bd. 8, S. 30). Glauben und Vertrauen gehören unauflöslich zusammen. Deshalb ist es auch legitim, mit Gott zu hadern. Es gibt immer Momente im Leben, in denen es uns schlecht geht und wir nicht wissen, wie wir weitermachen sollen. Das Vertrauen auf Gott, die Hinwendung im Gebet, kann helfen!

Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer

Dabei dürfen wir nicht erwarten, dass sich im nächsten Augenblick alles bessert und wir eine Antwort, eine Handlungsanweisung von Gott, bekommen. Meine Erfahrung ist, dass ich im Gebet meine eigenen Kräfte sammeln kann, die mir helfen, aus der Situation herauszukommen. Das ist Arbeit und nicht immer leicht. Doch es hilft, darauf zu hoffen, dass Gott mich nicht alleine lässt. Hiob findet dafür treffliche Worte: „Die Weisheit aber, wo kommt sie her und wo ist der Ort der Einsicht? […] Gott ist es, der den Weg zu ihr weiß, und nur er kennt ihren Ort“ (Hiob 28, 20-23).

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