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02.12.2021

Miteinander

Geh denken

Holocaust und Co. – welche Kraft im Erinnern liegt

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von Benedikt Körner

Für zwei Minuten steht alles still. Berufstätige lassen alles stehen und liegen. Menschen, die Auto fahren, steigen aus ihren Fahrzeugen aus. Fußgänger bleiben stehen.

Mit dieser Unterbrechung gedenken Jüdinnen und Juden jedes Jahr im April der Schoa: Der grausamen Ermordung von über 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens durch Nazi-Deutschland. Die Sirenen, die währenddessen zu hören sind, sollen die Menschen versammeln und gemeinsam der Verstorbenen gedenken.

In Deutschland ist der 9. November der Tag, an dem der Holocaust im Mittelpunkt steht. Am 9. November 1938 begannen die Pogrome und Synagogenverbrennungen in Deutschland. Dass Jüdinnen und Juden verfolgt werden, ist kein modernes Phänomen.

Fast 3000 Jahre verfolgt

Schon im Buch Deuteronomium steht: „Gedenke, was dir Amalek getan auf dem Weg bei eurem Auszug aus Ägypten, wie sie dich unterwegs angriffen und deine Nachzügler erschlugen, alle die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren“ (Deut 25, 17-18). Das ist insofern beachtenswert, als dass der Text auf Geschehnisse anspielt, die vor dem babylonischen Exil stattgefunden haben müssen. Knapp 600 Jahre vor Jesu Geburt.

Zwischen dieser und unserer Zeit liegen fast 3000 Jahre! Stell dir mal vor, in einer Gemeinschaft zu leben, die seit 3000 Jahren immer wieder verfolgt wird. Von den Amalekitern, den Ägyptern, den Babyloniern, von europäischen Staaten, der Kirche im Mittelalter oder Nazi-Deutschland. Noch heute ist es in vielen Ländern und Regionen risikobehaftet, eine Kippa oder Davidstern zu tragen.

Auch wenn uns Christinnen und Christen diese Verfolgung nicht betrifft – sie wirft zumindest einige Fragen im Glauben auf. Wir glauben an den einen Gott, der das jüdische Volk auserwählt, aus Ägypten befreit und durch die Wüste geführt hat. Ich frage mich: Wie kann es sein, dass dieser Gott es über Jahrtausende zulässt, dass sein Volk Opfer von Massakern wird? Ist so ein Glaube nicht un-glaub-würdig?

shoah

Du hast die Wahl

In der Tat: Gerade die Schoah stellte jüdische wie auch christliche Theologien vor immense Probleme. Nach den Erlebnissen in Konzentrationslagern sind viele Jüdinnen und Juden vom Glauben abgefallen oder sprachen ihrem Gott die Allmächtigkeit ab. Auch für christliche Theologien war es schwer, die Schoa und die Allbarmherzigkeit Gottes in Einklang zu bringen. Und ganz ehrlich? Auch für mich passt der Massenmord durch Nazi-Deutschland nicht so recht in das abrahamische Gottesbild.

Für mich, als Unbeteiligter, der sich das Schrecken der Schoa nur ansatzweise vorstellen kann, funktioniert es am ehesten mit dem Begriff der menschlichen Freiheit. Gott hat uns als freie Wesen erschaffen.

Wir können uns entscheiden, nach links oder rechts zu gehen. Wir dürfen glauben und müssen nicht glauben. Wir können Kranke heilen oder eben Kriege führen und Menschen töten.

Wir sind Stellvertreter Gottes auf Erden und sollen uns diese untertan machen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass Gott nicht mehr ständig im großen Stil in unser Leben eingreift. Gott kommt nicht in Himmelswagen oder in Wolken zu uns, vielleicht macht er sich eher in kleinen Wundern bemerkbar.

Große Macht führt zu großer Verantwortung

Ich finde, dass diese Freiheit von Gott ein unglaublich hohes Gut ist. Sie verleiht uns eine große Macht. Aber: „Mit großer Macht kommt auch große Verantwortung einher.“ Das sagt Onkel Ben zu Spiderman, ist aber ähnlich auch schon bei Voltaire zu lesen.

Ich finde, der Spruch ist ziemlich wichtig. Große Macht kann man ausnutzen oder für eine bessere Welt gebrauchen. Nazi-Deutschland hat diese Macht auf exzessive Art ausgenutzt und Millionen Menschen getötet. Wenn der Mensch nun aber auch die Freiheit hat, Gutes zu tun, hat er auch die Macht, Böses abzuwenden.

Hier kommt das Gedenken ins Spiel. Die Erinnerung und Vergegenwärtigung der Gräueltaten lässt in uns hoffentlich die Kraft wachsen, Gutes zu tun und Böses zu vermeiden. Seid mehr wie Spiderman! Seid euch eurer Kraft bewusst und handelt verantwortungsvoll.

Wenn ihr Ungerechtigkeiten seht, lehnt euch dagegen auf, schließt euch zusammen. Mir persönlich macht die Fridays for future Mut. Ohne die Bewegung wäre das Bewusstsein für unsere Umwelt viel geringer und die Politik würde sich nicht so stark verändern. Wir alle sind kraftvoll, das ist Gott gegeben.

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