Mit ihrer Entscheidung zur Jungfrauenweihe verzichtet Charlotte Roland auf Sex, Kinder und Ehe. Sie verspricht sich ganz Jesus.
Ein Gespräch der Firmbewerberinnen Maja Funke und Marlena Hoffmann beim Pfingstival im Abenteuerdorf Wittgenstein über Intimität, Sehnsucht und darüber, warum eine intensive Beziehung zu Gott nicht nur etwas für Geweihte ist.
»Jeder Mensch kann mit Gott eine intensive Beziehung führen. Das ist nicht nur etwas für Priester, Ordensfrauen oder geweihte Jungfrauen.«
Charlotte Roland
Gemeindereferentin in Olsberg, die sich zur Virgo Consecrata weihen lässt
Charlotte Roland kommt aus Marsberg und wohnt in Bigge -Olsberg. Als Gemeindereferentin in Olsberg bereitet sie junge Menschen auf Erstkommunion und Firmung vor. Ihre spirituelle Reise ist so gestartet: Während eines Work and Travels in Neuseeland entdeckt sie ihren Glauben neu. Danach studiert sie zunächst evangelische Theologie, um Pfarrerin zu werden. Im Studium merkt sie jedoch, dass es sie zur katholischen Kirche zurückzieht, in der sie aufgewachsen ist.
Die inzwischen 40-Jährige wird Gemeindereferentin, sie hat sich bereits dreimal ernsthaft verliebt, längere Beziehung und Familie wären durchaus eine Alternative gewesen. „Doch ich habe gespürt, dass Gott etwas anderes von mir will“, sagt Charlotte Roland. „Ich konnte mir das nicht erklären und ich wollte es lange nicht wahrhaben, weil Gott ja auch die Ehe segnet. Aber in meinem Herzen habe ich gemerkt: Da zieht mich etwas zu ihm. Gott will mich ganz für sich.“ Sie konnte daher nicht ganz „ja“ sagen zu einer Partnerschaft. Das war eine schmerzhafte Zeit. Zugleich spürt sie auf einer tieferen Ebene einen Frieden.
Charlotte Roland merkt: Sie will ganz für Gott und für die Menschen leben. Während ihres Auslandssemesters in Rom lernt sie eine Klostergemeinschaft kennen und tritt 2018 ins Kloster Sießen bei den Franziskanerinnen ein. Doch dort macht sie die Erfahrung, dass das Klosterleben nichts für sie ist.
Sie kehrt 2020 in ihren Beruf als Gemeindereferentin zurück. Sie entscheidet sich, treu das Stundengebet zu beten und weiter für Gott zu leben. Von der Jungfrauenweihe wusste sie zwar, aber der Name schreckte sie zunächst ab, „weil das Wort Jungfrau im allgemeinen Sprachgebrauch komplett sexuell konnotiert ist“.
Doch Charlotte Roland spürt gleichzeitig: „Eigentlich lebe ich das schon.“ Nach einem fünfjährigen Weg der Vorbereitung wird sie am Samstag, 19. September, ab 10:00 Uhr in der Kirche St. Martin in Bigge von Weihbischof Matthias König in den Stand der Virgo Consecrata (geweihte Jungfrau) geweiht. Sie lebt „wie eine Ordensschwester“ in der Welt, „um des Himmelreiches willen“ ehelos und geht ihrem Beruf als Gemeindereferentin weiter nach.
Viele verbinden Intimität mit Sexualität. Du lässt dich zur Jungfrau weihen und sprichst von Intimität mit Gott. Was meinst du damit?
Wir alle sind auf Intimität ausgerichtet. Wir brauchen Nähe. Es gibt aber verschiedene Formen von Intimität. Es gibt sexuelle Intimität, aber auch eine Nähe in Freundschaften, in der Familie, in einer Umarmung oder in einem guten Gespräch.
Diese Intimität kann ich auch mit Gott erleben. Ich kann erfahren, dass ich von ihm auf einer Herz-zu-Herz-Ebene beschenkt bin. Das kann mich so erfüllen, dass ich glücklich bin und auf Sex verzichten kann.
Also geht Intimität mit Gott mit und ohne Sex.
Ja. Jeder Mensch kann mit Gott eine intensive Beziehung führen. Das ist nicht nur etwas für Priester, Ordensfrauen oder geweihte Jungfrauen. Auch in einer Ehe, in der Sex ein wundervoller Ausdruck der Liebe ist, kann diese Intimität gelebt werden. Ich glaube: Gott sehnt sich danach, uns in seine Liebe hineinzunehmen. Und er weiß, dass uns diese Beziehung zu IHM zutiefst erfüllen kann.
»Ich hatte total Schiss und habe gebetet: Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann kümmere dich jetzt um mich. Sorge für mich in Neuseeland.«
Wie hast du das entdeckt?
Als Jugendliche habe ich zwar über Gott nachgedacht, aber nicht mit ihm geredet. Mit 18 Jahren bin ich dann nach Neuseeland für ein Work and Travel geflogen. Erst, als ich im Flugzeug saß, habe ich richtig begriffen, was ich da mache. Ich hatte total Schiss und habe gebetet: Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann kümmere dich jetzt um mich. Sorge für mich in Neuseeland.
Und?
Genau das ist passiert. Alles, was ich dort erlebt habe – Begegnungen, Situationen, Hilfe im richtigen Moment – habe ich Gott zugeschrieben. Ich glaube: Er hat für mich gesorgt.
Erzähl davon.
Ich habe zum Beispiel zusammen mit anderen Work and Travelern einen Van gekauft und wir sind durch Neuseeland gereist. Einmal hatten wir mitten in der Pampa einen Platten. Da war niemand. Wir haben vielleicht fünf Minuten gewartet – dann kam jemand und hat uns geholfen. Ich glaube nicht, dass das Zufall war. Ich glaube, dass Gott durch diesen Menschen uns versorgt hat.
Was hat sich dadurch verändert?
Das Verrückte ist: In Neuseeland hat Gott mich im Herzen zu sich gezogen. Ganz unabhängig davon, wie ich mich gerade gefühlt habe – ob ich glücklich war oder nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass er mich in seine Wirklichkeit hineinzieht. Und ich wollte ihn immer mehr kennenlernen.
Wie kann man sich das im Alltag vorstellen? Gott ist ja nicht sichtbar wie ein Mensch, der neben einem sitzt.
Ich würde schon sagen, dass ich mit Gott sprechen kann wie mit einem Menschen. Ich bin mit ihm in Beziehung. Ich wache morgens auf und sage: Jesus, hallo, schön, dass du da bist. Ich bete die Laudes, also das Morgenlob der Kirche. Ich lese das Evangelium vom Tag und gehe in die Stille. Ich glaube an die Kraft des Gebetes.
Es gibt auch das Jesusgebet, das man innerlich spricht: Jesus Christus, erbarme dich meiner. Dadurch kann sogar mein Atem zum Gebet werden. Wenn ich irgendwo warte oder in der Schlange stehe, kann ich innerlich den Namen Jesu aussprechen. Dann weiß ich: Er ist gerade da. Und ich versuche, aus dieser Beziehung heraus zu handeln. Ich will darauf hören, was heute dran ist. Wo kann ich heute dienen? Für wen kann ich heute da sein? Was ist meine Aufgabe? Wie kann ich Freude schenken und wem gilt es zu vergeben?
Antwortet Gott auch?
Ja, aber das tut er nicht nur mir gegenüber, sondern bei jedem Menschen, der glaubt.
Nur oft nicht so, wie wir es erwarten.
Fühlst du dich manchmal auch allein?
Ja. Es ist total normal, dass man Gott mal mehr spürt und mal weniger. Gefühle verändern sich. Ich denke auch manchmal nicht an ihn. Wenn ich das merke, sage ich zum Beispiel: Jesus, ich spüre, dass ich mit meinen Gedanken gerade überhaupt nicht bei dir bin. Ich merke, dass ich innerlich ausweiche und mir etwas anderes suche. Aber mein Herz möchte bei dir sein.
Wenn ich immer wieder zu ihm zurückkomme, verändert sich nicht sofort alles. Aber ich erinnere mich Stück für Stück mehr daran, dass er da ist. Und so öffne ich mich für seine leise Stimme.
Vielen Dank für das Gespräch.