Die Wüste von Jericho
19.12.2017

Perspektive

Pilgerreise nach Israel: Jordan

Teil 3: Jordan, Jericho und das Tote Meer

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Von Tobias Schulte
„Wer im Heiligen Land viel sehen will, der sollte die Augen schließen und das Herz öffnen.“ Dies ist einer der ersten Sätze, die Reiseleiter Cfir Horev sagt, als ich mit Pilgern aus meiner Pfarrei vom Flughafen in Tel Aviv durch Israel fahre. In fünf Teilen berichte ich thematisch sortiert von der Reise durchs Heilige Land: Von Betlehem über Nazareth zum Jordan, dem See Genezareth und schließlich Jerusalem. In diesem Sinne: Augen zu, Herz auf!

Jordan

Als ich im Reisebus sitze und durch die Wüste von Jericho fahre, denke ich an Freunde, die sagen: „Ich könnte niemals in der Stadt leben.“ Einige Kommilitonen von mir dagegen sagen, dass sie nie auf dem Dorf leben könnten. Ich muss schmunzeln. Bei Temperaturen um 40 Grad fahren wir entlang beigefarbener, steiniger Hügel der Wüste. „Hier könnte ich wirklich niemals leben“, denke ich. Blechhütten und Beduinen, die mit ihren Schafen und Ziegen durch die trockene Landschaft ziehen, sind das einzige Zeichen von Leben.

Wir fahren zum Jordan. Dem Fluss, wo Johannes der Täufer gewirkt hat. Viele Menschen sind zu Johannes geströmt, um sich taufen zu lassen und umzukehren – so auch Jesus. Unser Ziel ist eine extra hergerichtete Taufstelle, die wenige Kilometer von Jericho und dem Toten Meer entfernt liegt. Gefühlt mitten in der Wüste hält unser Bus auf einem Parkplatz an. Wir seien am Jordan angekommen, sagt unser Reiseleiter.

Der Ausblick am Jordan
Die Taufe ist ein emotionaler Augenblick.
Viele Menschen tauchen in den Jordan und ihren Glauben ein.

Was bedeutet die Taufe für mich?

Ich steige aus dem Bus aus. Ein Glockenturm und eine goldene Kuppel von zwei Kirchen fallen direkt ins Auge. Ich gehe 100 Meter weiter geradeaus – völlig unerwartet taucht da der Jordan auf.
Holztreppen, die an Tribünen eines Stadions erinnern, führen steil herab zu dem grünen Wasser. Schilf umringt den knapp drei Meter breiten Fluss. Der Jordan scheint in sich zu ruhen, man erkennt nicht, dass er fließt. Für unsere Reisegruppe steht am Jordan ein besonderes Ereignis an: Heidi Gerdes lässt sich dort taufen – mit 65 Jahren.

Während des kleinen Gottesdienstes hat Heidi ständig Tränen in den Augen. Sie war die ganze Fahrt über schon nervös vor diesem Moment. Für mich, der nie wirklich entschieden hat, Christ zu sein oder nicht, war es total ergreifend zu sehen, wie wichtig und emotional die Taufe für Heidi ist.

»So, wie die Menschen komplett untertauchen, so bin ich komplett aufgenommen in die Kirche. Eine Gemeinschaft, in der ich Gottes Liebe empfangen kann. «

Ich versuche, Ruhe zu finden. Zu überlegen, was es mir bedeutet, getauft und damit Christ zu sein. Ich frage mich, was Umkehr für mich überhaupt ist. Wo ich umgekehrt bin, warum ich das getan habe und was ich momentan umkehren möchte. So richtig kommen mir keine guten Gedanken.

Als ich aus dem Wasser gehe und mir Schuhe und Socken wieder anziehe, kommt eine große Gruppe vorbei. Sie haben dünne weiße Gewänder über Bikini und Badehose angezogen. Sie gehen zielbewusst die Treppen herab und tauchen komplett unter. Sie tun das zwar sehr hektisch und rituell, aber dadurch wird mir einiges klarer.

So, wie die Menschen komplett untertauchen, so bin ich komplett aufgenommen in die Kirche. Eine Gemeinschaft, in der ich Gottes Liebe empfangen kann. Das ist kein Verein, wo mal was los ist und mal nicht – Gott ist immer da. In der Taufe feiern wir, dass wir in dem Sakrament mit Jesus Christus sterben und wieder auferstehen. Das habe ich in einer Theologievorlesung gehört, doch nicht so richtig greifen können. Hier wird mir das klarer. Die Gläubigen tauchen ganz unter und begeben sich damit in eine Situation, in der kein Leben möglich ist. Doch sie tauchen wieder auf. Erleichtert, begeistert. Wir brauchen also keine Angst vor dem Tod zu haben, wir haben ihn in der Taufe schon einmal besiegt.

Im Toten Meer kann man sich treiben lassen.

Am Toten Meer

Dieser kleine, unscheinbare Jordan ist der einzige Zufluss ins Tote Meer. Das Tote Meer ist ein See, der durchweg kurios ist. Er liegt über 400 Meter unter dem Meeresspiegel – dort ist die UV-Strahlung recht schwach, sodass man auch ohne sich einzuschmieren einige Zeit in der Sonne bleiben kann. Der Salzgehalt des Wassers liegt bei über 30 Prozent – zehn Mal so viel, wie im Mittelmeer. Schon ein Whiskeyglas voll mit dem Wasser sei tödlich für den Menschen, sagt Reiseleiter Cfir Horev.

Das schafft mir ein wenig Respekt, als ich die ersten Schritte ins Tote Meer gehe. Ich gehe bis zu den Knien in das ölige Wasser. Ich setze mich mit dem Hintern voraus hin. Meine Arme und Beine werden automatisch vom Wasser nach oben gedrückt. Ich sitze im Wasser, ohne den Boden zu berühren. Ich muss lachen und staunen, wie das geht.

Ich will wissen, was noch alles möglich ist. Ich ziehe die Beine an und strecke sie Richtung Boden aus. Ohne große Anspannung stehe ich bis zum Hals im Wasser – wieder ohne den Grund zu berühren. Wahnsinn. Wenn ich die Füße etwas zu weit nach hinten bewege, kippt das Schwergewicht und ich liege auf dem Bauch. An eine Schwimmbewegung ist dabei gar nicht zu denken. Die Füße werden automatisch aus dem Wasser gedrückt. Es ist quasi unmöglich, sie knapp unter der Wasseroberfläche zu halten.

Ich fühle mich irgendwie frei, während ich auf dem Wasser liege oder darin stehe. Das einzig negative ist das Wasser selbst. Kriegt man einen Tropfen auf die Lippen oder in die Augen, schmeckt und brennt es furchtbar. Rund eine Stunde verbringen wir am Strand des Toten Meeres. Danach war ich aufgrund der Hitze völlig fertig, aber auch völlig begeistert, was in der Natur alles möglich ist.

Tobias fühlt sich frei, während er im Toten Meer schwimmt.

HinweisDieser Beitrag ist Teil einer Serie über die Reise ins Heilige Land.
Teil 1: Betlehem und die Hirtenfelder
Teil 2: Nazareth

Jericho

Der Turm von Jericho
Jericho ist eine der ältesten Städte der Welt. Heute leben dort noch 22.000 Menschen. Tagsüber scheinen die Straßen wie leer gefegt. Die Einheimischen seien sehr gelassen und locker – sonst würden sie die Hitze nicht aushalten, sagt Reiseleiter Horev.

Wir besuchen einen Ausgrabungspark. Dort sieht man den unteren Abschnitt des Turms von Jericho, der 8000 vor Christus gebaut wurde. Der Turm war Teil der gigantischen Stadtmauer von Jericho. Als das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten eine neue Heimat gesucht hat, hat das Volk durch Posaunen und einen Kriegsschrei die Mauern zum Einstürzen gebracht und die Stadt erobert.

Hinter der Stadt thront der Berg der Versuchung. Besonders fällt da ein griechisch-orthodoxes Kloster auf, das in den Berg gebaut wurde und wie an ihm zu kleben scheint. Ich blicke rauf zum Berg, auf den heute eine Seilbahn führt, und auf das Kloster. Die Hitze und Trockenheit zeigt dem Körper seine Grenzen auf. „Respekt“, denke ich laut, als ich daran denke, dass Jesus hier den Versuchungen des Teufels widerstanden hat. Ich frage mich, wo ich gut widerstehen kann und wo ich das noch mehr können möchte.

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