Victoria Issinger im Beichtgespräch mit Studentenpfarrer Peter Jochem.
Victoria Issinger im Beichtgespräch mit Studentenpfarrer Peter Jochem.
16.05.2018

Body + Soul

"Jetzt ist Zeit. Ich geh beichten!"

Unser Feature über das Sakrament der Versöhnung

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von Tobias Schulte

Schuldgefühle können einen fertigmachen. Man gibt sich selbst die Schuld an zu vielen Dingen und redet sich selbst schlecht. Wer aber jede Schuld an sich abprallen lässt, denkt leicht egoistisch und wird emotional kühl. Natürlich hat jeder seine Art, mit Schuld umzugehen. Man kann zu sich selbst sagen: „Das ist jetzt vergessen.“ Mit Eltern, Freunden oder dem Partner darüber reden. Die Geheimwaffe allerdings hat die katholische Kirche: die Beichte.

Victoria Issinger (25) berichtet über ihre Beichterlebnisse.

Victoria Issinger (25) studiert in Dortmund Musik und Deutsch auf Lehramt und geht regelmäßig zur Beichte. Vor allem vor den Hochfesten Ostern und Weihnachten – und dann, wenn es drückt. „Wenn ich merke, dass eine Sache mich länger beschäftigt und ich nicht davon loskomme, dann weiß ich: Jetzt ist Zeit. Ich geh beichten!“

»Die Beichte gibt mir inneren Frieden. Ich kann Ja sagen zu mir und meinem Glauben und merke, dass es so in Ordnung ist, wie ich bin. Ich muss nicht perfekt sein.«

Victoria Issinger
Lehramtsstudentin aus Dortmund

Die Beichte ist eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche – vielleicht das mit dem verstaubtesten Image. Dennoch wird die Beichte gerade für junge Menschen wie Victoria Issinger immer wichtiger. Studentenpfarrer Peter Jochem, zu dem Victoria beichten geht, beschreibt sogar eine Art Renaissance der Beichte. „In den Phasen vor Ostern und Weihnachten kommen gut 40 Studenten zum Beichten – das waren 2010 noch fünf oder sechs“, sagt Jochen. Auch bei kirchlichen Großfesten wie dem Weltjugendtag gehen viel Jugendliche beichten, wofür sie sich in Schlangen anstellen.

Was sagen in der Beichte?

Doch was kann man in der Beichte sagen und wie kommt man dadurch von Schuldgefühlen los? „Die Beichte ist besser übersetzt das Sakrament der Versöhnung“, erklärt Peter Jochem. „Es geht um die Versöhnung mit Gott, meinem Nächsten und mir selbst. In der Beichte reflektiere ich: Wo bin ich meinem Nächsten oder den anderen etwas schuldig geblieben, schuldig geworden? Diese Schuld vergibt der Priester am Ende des Beichtgesprächs im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Diese Lossprechung von den Sünden kann einen nicht kalt lassen. In der Beichte spürt Peter Jochem intensiv, wie Gott das Leben beeinflusst. „Wenn Menschen kommen, die unter einer Last oder Schuld leiden – da tritt im Moment der Lossprechung eine neue Freiheit in den Raum.“ Auch Victoria Issinger spürt nach der Beichte einen inneren Frieden: „Ich kann Ja sagen zu meinem Glauben und zu mir selbst. Ich merke, dass es so in Ordnung ist, wie ich bin. Ich muss nicht perfekt sein.“

Victoria Issinger wohnt in Dortmund und schreibt gerade ihre Masterarbeit. Dabei komponiert sie selbst ein klassisches Musikstück. „Musik ist ein Herzensfach“, sagt die 25-Jährige. Und auch eine Form der Begegnung mit Gott. Sie hat den Chor der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Dortmund mitgegründet, begleitet die Gottesdienste der KHG musikalisch und setzt sich auch in der Freizeit an die Orgel. „Ich bete gern mit Musik. Wenn ich Orgel spiele, kann ich mich in die Musik emotional hineinbegeben, sodass es zum Gebet wird“, sagt Victoria.

Peter Jochem im Gespräch.
Peter Jochem im Gespräch.

»Falsch beichten geht nicht.«

Peter Jochem
Studentenpfarrer der KHG Dortmund

Victoria Issinger im Garten der KHG in Dortmund.
Victoria Issinger im Garten der KHG in Dortmund.

Jeden Abend versucht Victoria, sich etwas Zeit zum Beten zu nehmen. Dabei geht sie ihren Tag im Kopf durch, dankt Gott für das, was gut gelaufen ist, und legt die schlechten Dinge zurück in seine Hände. Sie erzählt Gott also auch von ihren Sünden – das würde sie aber nie mit einer Beichte gleichsetzen. „Es passiert viel mehr in der Beichte, nämlich, dass ich die Versöhnung zugesprochen bekomme. Das kann ich ja schlecht selbst machen, zu mir selbst sagen: ,Das war Mist, aber Schwamm drüber, jetzt geht’s weiter.‘ Das wird einen immer weiter beschäftigen.“

Die Beichte lebt also von der Beziehung zwischen uns Gläubigen und Jesus Christus, dessen Aufgabe der jeweilige Priester übernimmt. „Ich versuche gut zuzuhören, den Einzelnen ganz anzunehmen, um ihn nicht auf die Schuld zu reduzieren. Deshalb verbinde ich die Vergebung auch immer mit einer motivierenden Passage aus dem Evangelium“, sagt Studentenpfarrer Jochem. Eine besoners beeindruckende Bibelstelle sei die Taufe Jesu. Johannes ruft die Menschen zur Umkehr auf und Jesus stellt sich mit in die Reihe:

»In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. [...] Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an der Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.«

Evangelium nach Matthäus 3,1-13.

Der Beicht-Kompass
Wenn du überlegst, was du beichten kannst, kann dir der Beicht-Kompass helfen. Er hat vier „Himmelsrichtungen“:  die Beziehung zu dir selbst, deinen Mitmenschen, Gott und der Schöpfung. Du kannst dich fragen: Wo fördere ich in der Himmelsrichtung, dass diese Beziehung gestört wird, getrennt wird oder einpennt? Das kann in Gedanken, Worten und Werken sein. Peter Jochem erklärt: „Ich werde schuldig vor Gott, wenn ich ihm keine Rolle mehr gebe. Vor meinen Mitmenschen, wenn ich nicht aufrichtig bin. Vor der Schöpfung, wenn ich unachtsam mit Leben umgehe. Vor mir selbst, wenn ich mich sinnlos wegschädele.“

Der Mund von Victoria Issinger.

Auf die Beichte vorbereiten

Wenn du mal wieder zur Beichte gehen möchtest, haben wir ein paar Tipps zusammengefasst. Wichtig ist: Falsch Beichten geht nicht, wie Peter Jochem sagt: „Es kann demütigend sein, sein Leben zu reflektieren und unschöne Facetten herauszufinden. Wer dann noch die Überwindung aufbringt, das vor einem Priester auszusprechen, der macht nie etwas falsch.“

Überwindung – das ist bei der Beichte ein riesen Thema. Die meisten Jugendlichen und Erwachsenen haben eine Scham, mit einem Priester über sich und seine Fehler zu sprechen – und gehen deshalb nicht beichten. Tipps gibt es dagegen nicht viele. Wer anonym bleiben will, kann bei den Franziskaner-Mönchen, zum Beispiel in Dortmund, Werl oder Wiedenbrück beichten gehen. Manchen tut es auch gut, zu einem bekannten Priester zu gehen. Peter Jochem kann versichern: „Ich habe noch nie nach einer Beichte aufgrund einer Beichte schlecht von jemandem gedacht. Das ist für mich eines der Wunder des Beichtsakraments.“ Außerdem müssen die Priester das Beichtgeheimnis ganz ernst nehmen. Denn wer das Geheimnis bricht, der schließt sich von der Gemeinschaft der Kirche aus – der worst case für alle Gläubigen.

Wer (noch) nicht regelmäßig zur Beichte geht, ist natürlich auch kein schlechterer Mensch. Es geht in dem Sakrament auch nicht darum, wie schlimm man ist und was für böse Sachen man gemacht hat. Aber: Wer beichtet, denkt viel über sich selbst und sein Leben nach. Laut Peter Jochem kommen in den Gesprächen mehr und mehr Fragen an die Zukunft vor: „Ein ganz neues Gewicht in den Gesprächen bekommt das Thema Berufung. Nicht um Priester zu werden, sondern: Was ist das, was ich tun soll – in meinem Studium, in meinem späteren Beruf – was meinem Leben einen tieferen Sinn gibt? Und wo werde ich da schuldig, unterlasse Dinge etc.“ Wenn du dir also zu viele Gedanken machst, etwas dich belastet und du einen tieferen Sinn suchst, probier es aus. Sag wie Victoria Issinger: "Jetzt ist Zeit. Ich geh beichten!"

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