Nicht verstecken: Wenn wir uns ohne Smalltalk kennenlernen
15.02.2021

Miteinander

Kennenlernen ohne Smalltalk?!

Was wäre, wenn wir mit neuen Leuten einfach sofort viel mehr wären, wer wir sind – ohne distanzierte Coolness, ohne schützende Ironie, ohne Fassade? Ein Experiment
test
Von Carolin Schnückel

Es ist Sommer. Eine 20-jährige Studentin liegt mit geschlossenen Augen auf einer Wiese. Ein gut aussehender Typ legt sich einfach direkt neben sie, schaut in den Himmel und fragt: „Hast du schon mal die Zeit angehalten?“

Diese Szene hab ich letztens in einem mittelmäßigen Film gesehen und gedacht: „Ja genau. Ist mir auch schon mehrfach passiert. Nicht.“ Bei den beiden ist dieser Moment natürlich der Beginn einer verrückten und intensiven Beziehung. So weit, so kitschig. Und an der Realität vorbei. Aber was wäre eigentlich, wenn wir uns auch im echten Leben so kennenlernen würden? Also jetzt nicht unbedingt so cheesy, aber viel direkter als normalerweise? Wenn wir einfach sofort viel mehr wären, wer wir sind – ohne distanzierte Coolness, ohne schützende Ironie. Ohne Fassade.

Erzähl mir von dir!

»Was wäre, wenn man diese äußere Hülle abschütteln würde – wenn sich sozusagen einfach zwei Seelen begegnen?«

YOUPAX-Leserin Elisabeth

Wenn sich zwei Seelen begegnen

Genau das hat sich auch YOUPAX-Leserin Elisabeth gefragt und uns ihre Gedanken dazu gemailt:

„Was wäre, wenn man diese äußere Hülle abschütteln würde – wenn sich sozusagen einfach ‚zwei Seelen begegnen‘. Das ist jetzt wirklich eine komische Formulierung, aber mir gefällt die Vorstellung: Man würde die aktuellen Lebensthemen kennenlernen, ohne dass das Äußere, die Ausbildung oder das Alter wichtig wäre. Welche Themen, Probleme, Fragen, Wünsche beschäftigen diese Person gerade; was sind die Werte im Leben, worauf kommt es der Person an?“

Ein superspannender Gedanke, finde ich. Das schreit nach einem Experiment. Also frage ich Elisabeth, ob wir das nicht einfach mal ausprobieren wollen. Ein Blind Date ohne Smalltalk, per Zoom natürlich wegen Corona und Schnee. Sie ist dabei. Direkt am nächsten Abend ab halb 7 sind wir verabredet. Ziemlich aufregend irgendwie!

Ganz schön aufregend, wenn wir unser wahres Ich zeigen
Ein blühender Kaktus: Aus den Stacheln wächst das Liebliche
Ein Blick durch's Grüne: Herauskommen aus der Deckung

Die Nervosität steigt

Der Abend ist gekommen. Ich frage mich: „Wird das zu Beginn wohl irgendwie peinlich?“ Jetzt merke ich erstmal, wie sehr ich mich scheinbar auf dem üblichen Geplänkel ausruhe, wenn ich einen neuen Menschen treffe! Was, wenn man mit einer Frage zufällig ein heikles Thema anspricht? Wichtig finde ich, dass man das Recht hat, auf eine Frage nicht zu antworten, wenn man sich damit unwohl fühlt. Das werde ich ihr vorschlagen. Aber wie soll man überhaupt schnell eine Antwort finden, wenn man direkt den Kern des eigenen Charakters offenbaren soll? Schweigen wir uns im Endeffekt die meiste Zeit grübelnd und Nägel kauend an?

19:54 Uhr. WOW.

Nach knapp 90 Minuten haben Elli und ich gerade aufgelegt. Und was soll ich sagen? Diese Erfahrung hat mich schlichtweg umgehauen. Ich hab mich lange nicht mehr so inspiriert und lebendig gefühlt.

Ein unwiderstehlicher Sog

Sieben Uhr morgens. Ich konnte total schlecht einschlafen und meine ersten klaren Gedanken heute früh drehen sich direkt wieder um gestern Abend. Also, wie war es?! Zuerst fragt Elli: „Wie fangen wir denn jetzt überhaupt an, so ohne Smalltalk?“ Wir tauschen uns erstmal darüber aus, welche Gesprächstypen sind – ob wir uns normalerweise schnell öffnen, ob wir eher reden oder eher zuhören – und, dass wir in den letzten Jahren immer häufiger den Tiefgang in Gesprächen vermisst haben. Auch in langjährigen Freundschaften scheint der Austausch über Alltägliches die Fragen nach dem, was uns wirklich bewegt, häufig zu überdecken.

Wir scheinen auf den ersten Blick wirklich viele gemeinsame Themen zu haben. Außerdem merke ich, wie dieses Format mich aus meiner sonst so wohlgehüteten Reserve lockt. Denn nach nur zehn Minuten höre ich mich etwas total Persönliches erzählen, das sonst nur meine Familie und engsten Freundinnen und Freunde wissen. Was passiert hier?

Das Gespräch entwickelt in wenigen Momenten einen Sog, dem wir uns beide nicht entziehen können. Keine einzige Sekunde peinliches Schweigen, kein Grübeln, kein Nägelkauen. Mein wohlüberlegter Plan mit dem Fragen-Veto ist hinfällig. Dafür schlägt eine andere Idee ein.

Tiefer gehen

Die Sehnsucht nach echter Verbindung ist etwas, das uns als Menschen ausmacht. Das ist auch der Ausgangspunkt einer Theorie des US-Psychologen Arthur Aron: Diese besagt, dass sich wildfremde Menschen über das Beantworten von 36 Fragen anfreunden und sogar ineinander verlieben können. Er hat das in einer Studie belegt. Wie soll das funktionieren? „Mit jeder Frage öffnest du mehr und mehr dein Herz und bekommst auch einen tiefen Blick in dein Gegenüber. Dabei merkst du kaum, wie intim das Gespräch wird und du dein Gegenüber eigentlich noch kaum kennst“, heißt es dazu auf einer Homepage über Arons Theorie.

Kaum zu glauben, finde ich. Sollen wir etwa alle so leicht zu „knacken“ sein – mit nur 36 Fragen? Jede und jeder Einzelne von uns knapp acht Milliarden, so individuell wir sind und so verschieden unsere Lebensumstände? Elli kennt die Theorie und hat total Lust, ein paar Fragen auszuprobieren. Relativ willkürlich suche ich diese hier aus:

Wärst du gern berühmt? Wie würde das sein und wie wärst du?

Hast du jemals geprobt, was du sagen willst, bevor du jemanden angerufen hast? Warum?

Stell dir vor, du wirst 90 Jahre alt. Wenn du dir aussuchen könntest, ob du entweder den Geist oder den Körper einer 30-Jährigen für die letzten 60 Jahre behalten könntest… Was wäre deine Entscheidung?

Hattest du schon mal eine Vorahnung, wie du mal sterben wirst?

Wenn du auf deine Erziehung zurückblickst und du heute etwas ändern könntest: Was würdest du ändern?

Und es funktioniert SO GUT. Es ist unheimlich spannend, sein Gegenüber auf diese Art kennenzulernen. Dauernd sagen wir: „Genauso geht es mir auch!“ oder „Da erkenne ich mich total drin wieder!“ oder „Ich weiß genau, was du meinst.“ Eine Verbindung entsteht. Wir können gar nichts dagegen tun.

Tiefe Gespräche entwickeln sich

Was ist dein Lebensthema?

Elli hat vor allem eine Frage an mich: „Was ist dein Lebensthema?“ Ich frage zurück: „Meinst du, was ich glaube, womit ich mich mein ganzes Leben beschäftigen werde? Oder meinst du eher, was ich als meine Aufgabe sehe?“ Sie antwortet: „Sowohl als auch“. Und grinst.

Uff. Da muss ich doch erstmal überlegen. Aber dann fließt irgendwie zwei Minuten lang eine Art Definition meines persönlichen Lebenssinns über meine Lippen, den ich so noch nie laut ausgesprochen habe: Kreativität ist für mich mein Grundprinzip, meine Sicherheit und mein Glück. Es fühlt sich richtig und pur und klar an. Als ich irgendwie überwältigt zum Ende komme, sagt Elli: „Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich dich schon besser kenne als ich manche meiner Freundinnen kenne.“

Wenn beide All In gehen

Ein Balanceakt, der sich lohnt

Nach über einer Stunde geteilter Selbstreflexion sind wir beide erschöpft und erfüllt. Wir versuchen zu klären, was dieses Experiment mit uns gemacht hat. „Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Thema X auszuklammern“, meint Elli. „Aber als du direkt so super persönlich erzählt hast, hab ich gedacht: Wow, dann öffne ich mich auch viel weiter. Und das funktioniert, weil wir uns beide damit verletzlich machen und wissen: Die andere geht mit dem Anvertrauten pfleglich um.“

Genau das ist das Geheimnis von Intimität, denke ich. Wir teilen unser Innerstes miteinander und finden uns selbst dadurch im Gegenüber wieder. Was daraus entsteht, fühlt sich größer an als wir beide sind.

Wir haben gestern Abend etwas erschaffen, das es vorher nicht gab. Und dieses Etwas wollen wir noch weiter wachsen lassen. Nächste Woche sind wir wieder verabredet. Ich weiß noch nicht mal, wo Elli wohnt. Aber in meiner Vorstellung existiert jetzt ein leuchtendes Band zwischen ihrem Zuhause und meinem.

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