Liebeskummer, Schulstress und Jobsuche lassen keine Zeit für Schubladendenken
04.03.2013

Liebeskummer, Schulstress und Jobsuche lassen keine Zeit für Schubladendenken

Anna Grote arbeitet als Streetworkerin

In Sauerlandstädten geschieht viel im Verborgenen. Es gibt keine offene Drogenszene wie in Berlin, kaum jemand dealt oder konsumiert offen auf der Straße. Die Rechten sind mit ihrer braunen Jugendkultur vertreten, auch wenn sie nicht offen auftreten. Und dass Jugendliche an Bushaltestellen oder auf Parkbänken rumhängen, ist das kleinste Problem. Anna-Maria Grote kennt viele dieser Schwachstellen in der Gesellschaft. Die 24-Jährige arbeitet als Streetworkerin in Drolshagen und Wenden täglich auf der Straße. Mehrere Stunden in der Woche klappert sie die einschlägigen Plätze ab: Stadtpark, Dorfplätze, Rathausplatz, oder Spielplätze. Sie sucht und pflegt den Kontakt zu Jugendlichen, bietet Hilfe an und hat für alle Themen ein offenes Ohr. „Ich gebe Raum für Gespräche auf Augenhöhe. Die jungen Leute merken, dass ich helfen will und so kann ich sie erreichen ", erzählt Anna Grote. Gerade ist sie auf dem Weg in das kleine Dorf Wegeringhausen, hier öffnet sie gleich für ein paar Stunden die Alte Schule und bietet für die kleinen Besucher einen Treff an. Auch das gehört dazu, wenn es für die dezentralen Jugendtreffs in Schulen, Pfarrheim oder Dorfgemeinschaftshaus rund um die beiden größeren Orte keine Ehrenamtlichen gibt. „Hier bin ich eigentlich nur begleitend zuständig, aber wenn Not am Mann oder der Frau ist, versuche ich ein Angebot aufrechtzuerhalten.“ Anna Grote hat ein erfolgreiches Programm für diesen Nachmittag mitgebracht: gebrannte Mandeln machen und Spiele spielen. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Die Kinder sind glücklich und die Eltern froh, weil sie ein paar Stunden für sich, den Haushalt oder den Einkauf haben. Nachdem der letzte Besucher verabschiedet ist, räumt die Sozialarbeiterin schnell alle Sachen zusammen und verstaut sie im Bulli. Es geht weiter in den 500-Seelen-Ort Schreibershof. Matthias Lütticke ist hier der ehrenamtliche Leiter des dezentralen Treffs, der unter einer Kneipe gelegen ist. Matthias ist genau der Mann, der ihr noch in Wegeringhausen für ein stärkeres Engagement fehlt. Der 23-Jährige ist eigentlich Gruppenleiter in der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) in Drolshagen, der Treff in Schreibershof ist ihm eine Herzensangelegenheit geworden. Der Kellerraum bietet genau das, was die Jugendlichen suchen. Hier haben sie sich ein eigenes Reich geschaffen, einen bunten Rückzugsort mit Sofa, Kicker und Fernseher. „Es ist immer so spaßig hier“, sagt die 14-jährige Rebecca Brüggemann. Neben ihren Freundinnen Pia Krismann und Nina Brüggemann hat sie es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Dass „ihre Anna“ sie heute Abend besuchen kommt, sorgt für große Freude. „Die Anna ist lieb und behandelt uns ja nicht so als Pädagogin“, sagt Pia (15). Schließlich könne sie sich mit allen Themen an sie wenden – oder eben nicht. Genau das macht die Arbeit von Anna Grote aus. Wenn sie, wie es offiziell heißt, Aufsuchende Jugendarbeit macht, lassen die Jugendlichen sie nicht zwangsläufig an sie ran. „Das ist immer tagesformabhängig bei den Jugendlichen“, weiß Anna Grote. Deshalb nimmt sie ihren Hund Leni mit auf die Tour zu den einschlägigen Plätzen. „Leni erleichtert mir oft den Einstieg in ein Gespräch“, erzählt sie. Vertrauen und Verschwiegenheit sind mehr als nur Arbeitsmaxime. Für die Jugendlichen auf der Straße ist sie so etwas wie ein beratender Kumpel. Ihre Jungs und Mädels sind für viele die klassischen Verlierertypen. Aber Anna Grote hält sich nicht lange mit Schubladendenken auf. Sie sorgt lieber für Lösungen, wie Bewerbungen, Praktika, Lehrstellen und passende Freizeitangebote. Dazu kommt ganz viel Beratung rund um Liebeskummer, Familienprobleme oder Streit im Freundeskreis. Netzwerkarbeit gehört ebenso dazu, mit Beratungsstellen, Jugendamt, Arbeitsagentur und der Politik. „Ich fühle mich auch als Anwalt für die Themen der jungen Menschen“, erklärt Anna Grote, warum sie jedes Jahr beim Bürgermeister vorstellig wird und mit ihm über die Lebenssituation junger Menschen spricht. Der Politik müsse man zudem immer wieder deutlich machen, dass man nicht der Hilfssheriff sei. Ihre Motivation wird gespeist durch Christliche Nächstenliebe. „Ich mache das nicht für mich, sondern um anderen etwas zu geben“, ist Anna Grote überzeugt. Wie passend, dass die Träger des Angebots die Katholischen Kirchengemeinden in Drolshagen und Wenden sind. Das sorge dafür, dass Kirche als mehr als nur Sonntagsgottesdienst oder Seniorentreff wahrgenommen werde. „Wir engagieren uns für die Jugendlichen und werden als erster Anlaufpunkt in der Kirche angenommen“, so Anna Grote. Viele Schnittstellen gibt es zu den beiden Offenen Türen der Pfarrgemeinden, in beiden hat die Streetworkerin ein Büro. Anna Grote kann sich mit ihren Kollegen austauschen und einen ersten Kontakt für die Jugendlichen zur katholischen Jugendarbeit schaffen – weg von der Straße oder Bushaltestelle und hinein in den Jugendtreff.

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