Climate Justice Now!
26.06.2020

Politik

Klimagerechtigkeit, was ist das?

Warum es mehr als Klimaschutz braucht.

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Von Laura Grotenrath

Klimaschutz ist nicht genug – es braucht Klimagerechtigkeit. Das fordern Demonstrantinnen und Demonstranten seit Monaten auf den Straßen und im Internet. Die Klimakrise, das ist seit langem klar, geht uns alle an. Denen, die sich mit dem Thema beschäftigen, wird immer deutlicher: Beim Klimawandel geht es um mehr als schmelzende Eiskappen in der Arktis und trockene Baumwurzeln in der Großstadt. Verursacht durch den Klimawandel treten extreme Wetterbedingungen von der Dürre bis zur Sturmflut häufiger auf. Der Klimawandel verstärkt bestehende Probleme wie Armut und Hunger, vor allem im globalen Süden. Davon ausgehend verschärfen sich weitere gesellschaftliche Probleme.

One World

Das digitale Umwelt- und Nachhaltigkeitsmagazin Utopia.de beschreibt die den Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit so:
„Es greift deutlich zu kurz, nur „Klimaschutz“ zu fordern. Was wir brauchen, ist Klimagerechtigkeit: 

Klimaschutz heißt, jedes Land ergreift vor der eigenen Haustür Maßnahmen zum Kampf gegen die Klimakrise beziehungsweise passt sich an diese an.

Klimagerechtigkeit benennt dagegen die große gemeinsame Verantwortung, die wir für den Klimaschutz haben – und die besondere Verantwortung der Verursacher, entstandene Schäden wiedergutzumachen und neue Schäden zu verhindern."

Ramona Linder arbeitet als Referentin für Ehrenamt und Entwicklungszusammenarbeit im Kolping Diözesanverband Paderborn. Sie nutzt im Gespräch mit YOUPAX nicht nur den Begriff der Klimagerechtigkeit, sondern auch den der Klimaungerechtigkeit und meint damit: „Die Auswirkungen des Klimawandels sind in einem Teil der Welt, nämlich im globalen Süden, stärker zu spüren als hier bei uns im globalen Norden.“ Der Grund dafür: Die Weltbevölkerung der Nordhalbkugel kurbelt durch ihren Konsum und Lebensstil die Klimakrise an. Gleichzeitig hat sie aufgrund ihres Wohlstands die meisten Ressourcen, um sich gegen die Folgen abzusichern. Jene Menschen auf der Südhalbkugel tragen wenig Schuld am steigenden Meeresspiegel und steigenden Temperaturen, leiden allerdings aufgrund der wirtschaftlichen und geografischen Situation ihrer Heimatländer am stärksten unter den Folgen des Klimawandels. „Das ist ungerecht“, sagt Ramona Linder. Später im Gespräch findet sie noch krassere Worte. 

Klimagerechtigkeit beinhaltet unterschiedliche Aspekte

»Die Auswirkungen des Klimawandels sind in einem Teil der Welt, nämlich im globalen Süden, stärker zu spüren als hier bei uns im globalen Norden.«

Ramona Linder
Referentin für Ehrenamt und Entwicklungszusammenarbeit im Kolping Diözesanverband Paderborn

In ihrer Funktion als Referentin steht Ramona zum einen in engem Kontakt mit den Partnern in Costa Rica, Nicaragua, El Salvador und Honduras, der Dominikanischen Republik und Mexiko. Sie tauschen sich aus zu Themen wie Klimagerechtigkeit und internationalen Lieferketten. Zum anderen trägt sie die Erkenntnisse aus dem Austausch weiter in deutsche Gruppen und Gemeinden, um dort ein Bewusstsein für globale Herausforderungen zu schaffen. „Klimagerechtigkeit beinhaltet zwei unterschiedliche Aspekte“, erklärt Ramona. Zum einen sei da die ethische Frage nach Gerechtigkeit, zum anderen die politische Frage danach, wie die Verantwortung für die Klimaerwärmung sowohl reduziert als auch „gerecht aufgeteilt“ werden könne.

Ramona (r.) mit Mitarbeitenden des Kolpingwerks Honduras im Kolping Naturschutzgebiet Santa Emilia Apaguiz
Ramona (r.) mit Mitarbeitenden des Kolpingwerks Honduras im Kolping Naturschutzgebiet Santa Emilia Apaguiz

Globaler Süden leidet unter Corona- und Klimakrise

Um dieses durchaus abstrakte Problem greifbar zu machen, stellt Ramona ein Beispiel aus Honduras vor, wo im vergangen Jahr eine Kolping-Fachtagung mit dem Titel „Multiple Krisen“ stattfand. „Dieser Ausdruck passt leider auch aktuell noch sehr gut“, so die Bildungsreferentin. Das Land leide stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Medien berichten: Kliniken sind überbelegt. Das schon vor der Pandemie nur dürftig ausgestattete Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen. Die dreimonatige landesweite Ausgangssperre von März bis Mitte Juni macht der auch sonst schwachen Wirtschaft weiter zu schaffen.

Gleichzeitig sei in Honduras, erklärt Lateinamerika-Expertin Ramona Linder weiter, auch die Klimakrise schon spürbar. „Unsere Partner sind größtenteils Kleinbauern, die von Klimaschwankungen, krasser Trockenheit und starken Regenfällen betroffen sind. Zuletzt gab es noch zwei Wirbelstürme, durch deren Auswirkungen das Land nun neben Corona auch noch mit dem ebenfalls tödlichen Denguefieber kämpft. Hier greifen viele Krisen ineinander und verstärken einander.“ Menschen, die sonst schon mit wenigen Ressourcen leben, stehen durch pandemie- und unwetterbedingte Verdienstausfälle sowie die Sorge vor den Folgen einer Corona- oder Dengue-Infektion vor zusätzlichen persönlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Forderungen für klimagerechtes Handeln

Wenngleich der amerikanische Kontinent weit weg erscheint, drängt sich die Frage danach auf, wie sich unser eigenes Leben und Handeln konkret auf das Leben der Menschen im globalen Süden auswirkt. „Da muss man gar nicht groß um den heißen Brei herumreden“, sagt Ramona dazu: „Wir wissen alle, dass wir auf Kosten anderer leben. Krasser gesagt: Unser Lebensstil ist tödlich.“ Ein Großteil unserer Kleidung werde beispielsweise unter „Sklavenbedingungen“ hergestellt. 

Gingen alle Nationen so verschwenderisch mit Ressourcen um wie Deutschland, bräuchten wir drei Erden. Aus dieser Erkenntnis leitet Ramona Forderungen für klimagerechtes Handeln ab: „Wir müssen ganz aktiv thematisieren, welche Auswirkungen wir auf das Klima und somit auch auf Menschen weltweit haben. Wir müssen thematisieren, dass wir Flucht, Hunger und Dürre mitverursachen. Genau daraus müssen wir auch unsere Motivation ziehen, etwas zu verändern.“ Dieses Engagement sei auch Teil unserer Verantwortung als Christinnen und Christen.

Eine ausführliche Definition des Begriffs „Klimagerechtigkeit“ findest du hier.

Stop climate injustice

Ungleichheit schafft Ungerechtigkeit

Das Thema der Klimagerechtigkeit ist komplex. Wo also anfangen? Sie können mit dem Finger auf individuelle Lebensstile zeigen, sagt Ramona: „Wir könnten alle weniger Fleisch essen, unverpackt einkaufen, weniger Auto und mehr Bahn fahren und keinen Nestlé-Kaffee trinken. Wir haben durch unser Konsumverhalten extrem viel Macht.“ Dabei gelte: Nicht zu viel Angst davor haben, Fehler zu machen. „Wir müssen die Dinge einfach angehen und uns immer weiter verbessern.“

»Ich glaube, dass die globale Ungleichheit die Wurzel aller Probleme und weltweiter Krisen ist.«

Event-Tipp

Am 5. September findet – je nach Situation der Corona-Pandemie vor Ort in Soest oder als Onlinekonferenz eine Fachtagung zum Thema „Wandel durch Handel(n) – Ehrlich. Fair. Bio.“ statt. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Dabei liege das eigentliche Problem tiefer: „Ich glaube, dass die globale Ungleichheit die Wurzel aller Probleme und weltweiter Krisen ist.“ Darum gelte es, unser Verhalten und die aktuelle Weltordnung zu hinterfragen, Begriffe wie „Wachstumskritik“ und sozial-ökologische Alternativen anzugehen. 

 Das sind große Worte und eine noch größere Aufgabe, die es anzugehen gilt. Doch wie? Und von wem? Es liegt an uns allen, die Schritte hin zu einer klimagerechten Welt zu gehen: Indem wir uns informieren (siehe Event-Tipp), uns als Teil der Gesellschaft für das Thema stark machen und auch, indem wir von politischen Entscheidungsträgern entsprechendes Handeln fordern.

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