Eine Fassade der JVA Herford.
02.01.2018

Perspektive

Kommentar: Zu Besuch im Gefängnis

YOUPAX-Autor Tobias Schulte über seine Recherche in der Justizvollzugsanstalt Herford.

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Von Tobias Schulte

Es war wie bei Monopoly. Ich war einen Tag im Gefängnis, aber nur zu Besuch. Ich habe über eine Stunde zwei Häftlingen interviewt, war bei einem Café für neu angekommene Jugendliche in der JVA Herford dabei und habe mit Gefängnisseelsorger Michael King gesprochen.

Voller Begeisterung, eine coole Geschichte für Youpax zu schreiben, stehe ich vor dem Eingangstor der JVA Herford. Ich zeige meinen Perso vor, schließe mein Handy ein und werde von Michael King begrüßt.

Mulmig wird mir recht schnell, als King die ersten Türen öffnet und mich durch die JVA führt. Ich gehe an Häftlingen im Blaumann vorbei, die Blumenbeete neu bestücken. Ich traue mich kaum, Augenkontakt aufzunehmen.

TOBIAS SCHULTE
Der YOUPAX-Autor fragte sich während des Tags im Knast, warum ihm die Situation unangenehm war.

»Bloß kein Small Talk, das könnte schlecht rüberkommen«

Am Nachmittag veranstalten die Seelsorger King und Thünemann ein Café für Neuankömmlinge in der JVA. Sie klopfen an die Türen der Häftlinge und schließen ihre Zelle auf. Nach und nach kommen sechs Jugendliche raus, viele haben strubbelige oder fettige Haare und wirken müde. „Hab ja eh nichts zu tun“, begründet einer, als er mitkommt.

Ich stehe kurzzeitig mit den Häftlingen allein auf dem Flur. Ich verschränke die Arme und traue mich nicht, ein Gespräch anzufangen. „Bloß kein Small Talk, das könnte schlecht rüberkommen“, denke ich mir und frage mich, warum mir die Situation so unangenehm ist. Keiner der Jugendlichen wirkt böse oder wie ein Straftäter auf mich.

Selbst die Gefängniskirche hat eine Stahltür.
Die Gefängnisseelsorger organisieren regelmäßige Angebote in der Kirche.
Gustav (im Bild) und Michael beschäftigen den Autor noch nach dem Gespräch.

Gott lässt mich einen Pasch würfeln

Wie nach keinem anderen Interview hatte ich das Verlangen, Zuhause und in der Uni von meinen Erlebnissen im Gefängnis zu erzählen. Und wie nach keinem anderen Termin war ich dankbar, dass Gott mir so viele Möglichkeiten gegeben hat, dass meine Eltern mich immer unterstützen und dass ich viel Spaß mit meinen Freunden habe. Wenn ich das nächste Mal emotional wie im Gefängnis gefangen bin, lassen sie mich einen Pasch würfeln.

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